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Holocaust-Debatte: Vatikan beklagt Komplott gegen Benedikt

Der Beschluss des Papstes entzweit die Kirche: Der Berliner Erzbischof verlangt, Benedikt müsse seine Entscheidung zurücknehmen, den Holocaust-Leugner Williamson wieder in die Kirche aufzunehmen. Der Regensburger Bischof spricht von einer "Kampagne" - der Vatikan gar von einem "gezielten Komplott".

Berlin - Kritik, Unverständnis, Entsetzen: Benedikt XVI. hat mit seiner Entscheidung, vier Bischöfe der erzkonservativen Piusbruderschaft zu rehabilitieren, scharfe Reaktionen erzeugt - weil einer der Männer der Holocaust-Leugner Richard Williamson ist. Williamsons krude Thesen sind spätestens durch sein Interview mit dem schwedischen TV-Sender SVT bekannt geworden, dass am 21. Januar ausgestrahlt wurde - und über das der SPIEGEL bereits in seiner Ausgabe vom 19. Januar 2009 berichtet hatte. Der Piusbruder hatte behauptet, die historische Evidenz spreche gegen die Existenz von Gaskammern zur NS-Zeit. Auch seien nicht sechs Millionen Juden, sondern 200.000 bis 300.000 Juden von den Nazis ermordet worden. Am 24. Januar wurde dann der Papst-Entschluss veröffentlicht, Williamson wieder in die Kirche aufzunehmen.

Papst Benedikt: Die Entscheidung des "Unfehlbaren" entzweit die Kirche
REUTERS

Papst Benedikt: Die Entscheidung des "Unfehlbaren" entzweit die Kirche

Der Vatikan sieht in der Veröffentlichung des Interviews eine "bewusst gestellte Falle für Seine Heiligkeit Benedictus XVI", berichtet die Stockholmer Zeitung "Svenska Dagbladet" am Mittwoch unter Berufung auf religiöse Kreise in Rom. Demnach habe der TV-Sender das Interview bewusst drei Tage vor der Veröffentlichung des Papst-Beschlusses ausgestrahlt - dabei sei die Rücknahme der Exkommunizierung der vier Piusbrüder vom Vatikan seit längerer Zeit geplant gewesen. Der TV-Sender habe dem Papst so stark wie irgend möglich schaden wollen, heißt es in dem Bericht. Die Informationen über Williamsons früher in Kanada getätigten Aussagen zum Holocaust seien dem Sender von der "sehr bekannten französischen Aktivistin und Lesbierin" Fiametta Venner zugespielt worden.

Der für das Williamson-Interview verantwortliche Journalist Ali Fegan nannte die Komplotttheorie falsch und beklemmend. Man habe nichts von Williamsons geplanter Wiederaufnahme in die Kirche gewusst, als das Interview entstanden sei. Ursprünglich sei nur ein Gespräch mit einem schwedischen Piusbruder in Deutschland geplant gewesen, dabei sei dem Kamerateam auch Williamson als Gesprächspartner angeboten worden. Fegan sagte, Williamson habe erst nach dem Interview begriffen, was er vor der laufenden Kamera gesagt habe und sei "finster geworden". "Da saßen wir in einem Schloss auf dem deutschen Land, auf einem Flur und umgeben von mehr als hundert Priestern. Die Stimmung wurde sehr unangenehm."

Unter deutschen Kirchenvertretern ist die Papst-Entscheidung schwer umstritten: Der Regensburger Bischof bezeichnete die Leugnung des Holocausts als idiotisch - Williamson habe "in furchtbarer Weise der Kirche geschadet und den Papst reingelegt". Williamson habe im Bistum Regensburg Hausverbot. Der Berliner Erzbischof Georg Sterzinsky forderte den Papst zu einer Überprüfung seiner Entscheidung auf. Er halte die Aufhebung der Exkommunikation nicht für richtig, sagte er der "Bild"-Zeitung. "Das muss in Ordnung gebracht werden." Für den Fall, dass Fehler gemacht wurden, müsse eine Entschuldigung ausgesprochen werden, "egal, auf welcher Ebene".

Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller sagte dagegen in der ARD, Benedikt sei die Position Williamsons zum Völkermord der Nazis an sechs Millionen europäischen Juden persönlich nicht bekannt gewesen. "Er selbst hat keinen Fehler gemacht und braucht sich nicht zu entschuldigen", sagte Müller und sprach von einer Kampagne.

Mit scharfen Worten kritisierte der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke die Einmischung von Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Debatte. Es sei "unbegreiflich und empörend", wie die Integrität Benedikts XVI. sogar von staatlicher und politischer Seite in Frage gestellt werde, sagte Hanke.

Merkel hatte - als erste Regierungschefin überhaupt - am Dienstag gesagt, der Papst müsse "sehr eindeutig" erklären, dass es keine Leugnung des Holocaust geben dürfe.Der Zentralrat der Juden in Deutschland begrüßte dagegen, dass sich Merkel in die Debatte eingeschaltet hat. "Hochachtung und Anerkennung für die Bundeskanzlerin, dass sie sich in dieser diffizilen Angelegenheit zu Wort meldet", sagte der Zentralrats-Generalsekretär Stephan Kramer der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Dies zeige, "welche Umsicht und welches Verantwortungsgefühl sie hat".

hen/dpa/AP/ddp/Reuters

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