Holocaust-Debatte Vatikan lässt Merkel abblitzen

"Das darf nicht ohne Folgen im Raum stehen bleiben": Kanzlerin Merkel fordert mit ungewohnter Schärfe ein klares Wort von Papst Benedikt XVI. Doch der Vatikan sieht in der Holocaust-Debatte um Bischof Williamson keinen Handlungsbedarf.

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Berlin - Als Papst Benedikt XVI. Angela Merkel im August 2006 in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo für eine gute Dreiviertelstunde zur Privataudienz empfing, war die Bundeskanzlerin anschließend ganz beeindruckt: "Ich hatte ein sehr sensibles Gespräch mit dem Heiligen Vater", schwärmte die protestantische Pfarrerstochter, ein Gespräch über Gott, über die Kirche und die Krisen in der Welt.

Papst in der Krise: Druck auch von der Kanzlerin
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Papst in der Krise: Druck auch von der Kanzlerin

Nun ist der Papst selbst in der Krise - weil ihm ganz offensichtlich eben jene so angepriesene Sensibilität abhandengekommen ist. Er hat die Exkommunizierung von vier Bischöfen der erzkonservativen Piusbruderschaft zurückgenommen, unter ihnen der britische Holocaust-Leugner Richard Williamson. Und die Kanzlerin und Vorsitzende einer Partei, die das Attribut "Christlich" im Namen trägt, ist erstaunt und wohl auch erschrocken.

So erschrocken, dass sie als erste Regierungschefin überhaupt am Dienstag ungewöhnlich offene Kritik am einst so gefeierten deutschen Oberhaupt der Katholiken übt. Spontan, wie es aus dem Bundespresseamt heißt. Merkel dürfte es angesichts der tobenden Debatte allerdings nicht überrascht haben, als ihr ein Journalist bei der Pressekonferenz zum Staatsbesuch des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew eine Frage "außerhalb der Tagesordnung" stellte.

"Es ist im Allgemeinen nicht an mir, innerkirchliche Entscheidungen zu bewerten oder zu kommentieren", sagte sie fast schon entschuldigend. Doch dann: "Allerdings glaube ich, dass es anders ist, wenn es um Grundsatzfragen geht." Und eine Grundsatzfrage sei es schon, wenn durch eine Entscheidung des Vatikans der Eindruck entstehe, "dass es die Leugnung des Holocaust geben könnte, dass es um grundsätzliche Fragen des Umgangs mit dem Judentum insgesamt geht". Dies dürfe nicht ohne Folgen im Raum stehen bleiben.

Merkels Miene war ernst - es war ihr anzumerken, dass sie ihre Worte mit Bedacht wählte, als sie Benedikt XVI. ins Gewissen redete: "Das ist nach meiner Auffassung nicht nur eine Angelegenheit der christlichen, der katholischen und jüdischen Gemeinden in Deutschland." Vielmehr gehe es darum, dass der Papst und der Vatikan eindeutig klarstellten, "dass es keine Leugnung geben kann und dass es natürlich einen positiven Umgang mit dem Judentum insgesamt geben muss".

Die bisherigen Beschwichtigungsversuche aus dem Vatikan reichen der Kanzlerin nicht: "Diese Klarstellungen sind aus meiner Sicht noch nicht ausreichend erfolgt." Erstaunlich deutliche Worte einer Regierungschefin, die sonst eher für ihre Zurückhaltung bekannt ist, die lieber abwägt und moderiert, als scharfe Forderungen zu stellen.

Wenn es aber um tiefe Überzeugungen geht, dann kann Merkel auch anders. Das hat sie etwa beim Treffen mit dem Dalai Lama bewiesen, den sie gegen die Warnungen aus Peking empfing - sogar im Kanzleramt. Und die Beziehungen zu Israel liegen der Kanzlerin besonders am Herzen, wie sie zuletzt während des Gaza-Krieges deutlich gemacht hat, als sie die Verantwortung für die Gewalteskalation allein der Hamas zuschob.

Also bezieht Merkel nun auch in der Holocaust-Debatte eindeutig Position. Als "protestantische Christin" nannte sie die inzwischen zahlreichen kritischen Stimmen innerhalb der katholischen Kirche, die ebenfalls eine Klarstellung forderten, "ermutigend".

Welche Form der Klarstellung sie sich wünscht, sagte die Kanzlerin nicht. Am Montag, nach einer Sitzung des CDU-Präsidiums, hatte Generalsekretär Ronald Pofalla indirekt die Erwartung geäußert, dass der Vatikan die Entscheidung zugunsten Williamsons revidiert.

Vatikan hält bisherige Distanzierung für ausreichend

Im Vatikan allerdings sah man keinen Handlungsbedarf. Ganz im Gegenteil: Am Abend ließ der Sprecher des Heiligen Stuhls, Federico Lombardi, keinen Zweifel daran, dass der Kirchenstaat Merkels Forderung für unangebracht hält.

Die Verurteilung jeder Holocaust-Leugnung durch Benedikt XVI. "könnte klarer nicht sein", verteidigte sich Lombardi in Rom. Dann verwies er auf Besuche des Papstes in der Kölner Synagoge im August 2005 oder im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau im Mai 2006.

Auch in der Generalaudienz am vergangenen Mittwoch habe der Papst "unmissverständliche Worte" zu dem Thema gefunden. Während der Audienz habe der Papst auch deutlich gemacht, dass die Gründe für die Rehabilitierung des Bischofs Williamson nichts damit zu tun hätten, dass damit irgendwelche Positionen legitimiert werden sollten, die den Holocaust leugneten, sagte Lombardi.

Diese offizielle Linie hatte zuvor schon Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone vorgegeben, als er Unverständnis für die weltweite Empörung äußerte, die selbst innerhalb der katholischen Kirche immer lauter wird. Benedikt XVI. habe "klar gesprochen", sagte die Nummer zwei im Vatikan der katholischen italienischen Tageszeitung "Avvenire".

Außerdem habe sich die Priesterbruderschaft Pius X. von den Aussagen des Mitbruders distanziert und den Papst um Verzeihung gebeten. Die Rücknahme der Exkommunikation der vier Traditionalisten sei ein "Gnadenakt" gewesen, der nichts mit den Äußerungen von Williamson zu tun habe. Bertones Fazit: Die Angelegenheit könne als "abgeschlossen betrachtet werden".

Und so ist von Papst Benedikt XVI. einstweilen nichts mehr zur Williamson-Affäre zu hören. Stattdessen religiöse Routine: In einer Erklärung ermahnte der Pontifex die Katholiken am Dienstag, die bevorstehende Fastenzeit einzuhalten.

mit Material von AP

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