Holocaust-Gedenken in Ungarn Ein Museum für die toten Kinder

Ungarns Regierung will mit einer neuen Gedenkstätte an die Opfer des Holocaust erinnern, besonders an die Kinder. Doch viele Juden sind skeptisch. Sie bezweifeln, dass die rechtspopulistische Orbán-Regierung einen neuen Kurs einschlägt.

Von , Budapest


Die Kindheit von István Gábor Benedek endete am 13. Mai 1944. Er war sechseinhalb Jahre alt und wohnte mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder in der Gemeinde Tótkomlós im Süden von Ungarn, sein Vater war 1942 zum Zwangsarbeitsdienst einberufen worden. An jenem Tag im Mai mussten alle noch im Ort verbliebenen Juden ihre Wohnungen verlassen und in eine Lagerhalle ziehen, die von Gendarmen bewacht wurde.

Fünf Wochen später wurden die Benedeks deportiert. Zuerst in ungarische Sammellager, dann in ein österreichisches Arbeitslager, im November 1944 schließlich ins KZ Bergen-Belsen. "Meine Mutter hatte mir bis dahin nie gesagt, was mit uns geschehen könnte", erzählt Benedek. "In Bergen-Belsen wurde mir plötzlich alles klar. Im Lager roch es ständig nach verbrannten Leichen, und ich sah jeden Tag Menschen sterben. Ich hatte unbeschreibliche Angst, und ich betete jeden Tag um mein Leben."

Knapp fünf Monate war der Junge in dem KZ. Nur durch viele Zufälle überlebten er und seine Familie die Hölle von Bergen-Belsen und die "Ungarn-Aktion" 1944/45 - die Vernichtung von mehr als einer halben Million ungarischer Juden, darunter Zehntausende Kinder, in nur neun Monaten.

An die Geschichte dieser Kinder soll in Budapest demnächst eine neue Gedenkstätte erinnern: Das "Haus der Schicksale" am ehemaligen Josefstädter Bahnhof - von dort aus wurden 1944 viele Juden deportiert. Das Projekt ist Teil einer Vielzahl von Aktivitäten, die die ungarische Regierung für 2014 plant: Anlässlich des 70. Jahrestags des Holocaust an den ungarischen Juden hat die Regierung unter Viktor Orbán 2014 zum Gedenkjahr erklärt. Zusammen mit den jüdischen Gemeinden und unter Beteiligung Israels will sie landesweit Gedenkfeiern veranstalten, Synagogen renovieren lassen und in öffentlichen Einrichtungen die Erinnerungskultur fördern.

"Der schmerzliche Jahrestag lässt es nicht zu, dass die Geschichte weiter unaufgearbeitet bleibt", sagt János Lázár, der einflussreiche Kanzleichef des ungarischen Ministerpräsidenten. In der Regierung koordiniert er die Aktivitäten für das Gedenkjahr. "Wir müssen uns der Vergangenheit aufrichtig stellen", so Lázár.

Neue, überraschende Töne in Budapest - immerhin steht die Orbán-Regierung im Ruf, die profaschistische Vergangenheit Ungarns zu verharmlosen, mit Rechtsaußen-Wählern zu liebäugeln und sich nicht klar genug vom Antisemitismus abzugrenzen. Von diesem Image möchte sie offenbar endlich loskommen.

Ungarn deportierte eifrig seine jüdischen Bürger

Tatsächlich hat noch keine postkommunistische Regierung Ungarns das Gedenken an den Holocaust in derartigem Maß gefördert, wie es jetzt geplant ist. Dabei geht es auch um manch bittere Erkenntnis: Der ungarische Staat betrieb die Deportation seiner jüdischen Bürger so eifrig, wie die deutschen Endlösungsplaner es nie erwartet hätten. Das kratzt am nationalen Selbstbild vieler rechter Wähler.

Gerade weil die Regierung das Risiko, ihre rechten Wähler zu verärgern, in Kauf nimmt, beurteilen viele Juden die Initiative insgesamt als positiv. "Ich glaube, die Regierung meint es ernst", sagt András Heisler, Vorsitzender der jüdischen Gemeinden. "Natürlich zieht sie aus den Aktivitäten des Gedenkjahres politischen Nutzen, aber wenn sich ihr Image verbessert, kommt das dem ganzen Land zugute."

Zugleich beklagen viele Juden, dass die Regierung weiterhin einen oft doppelbödigen Diskurs pflegt. So hielt Orbán am 23. Oktober, dem Nationalfeiertag Ungarns, vor 200.000 Anhängern eine Brandrede, in der er zu einem vereinten Feldzug aufrief - gegen die EU und das "internationale Finanzkapital", gegen westlich-liberale Werte und die "Kolonisierung Ungarns", gegen "Schuldsklaverei, Spekulanten und Brüsseler Bürokraten".

Doch es ist nicht nur ein Grundgefühl allgemeiner Skepsis, das viele ungarische Juden empfinden. Auch über die Gedenkstätte am Josefstädter Bahnhof äußern sich viele eher abwartend. Beauftragt mit der Konzeption wurde die regierungsnahe Historikerin Mária Schmidt, die in Budapest das "Haus des Terrors" leitet. Eingeweiht 2002, wird dort an die Opfer der faschistischen Pfeilkreuzler und der kommunistischen Diktatur erinnert. Kritiker bemängeln, dass das Museum die beiden Formen totalitärer Herrschaft gleichsetze und die Opfer der kommunistischen Diktatur im Museum zudem deutlich im Vordergrund stünden.

Anderseits ist das "Haus des Terrors" das mit Abstand erfolgreichste ungarische Museum der Gegenwart. Immerhin vier Millionen Besucher, überwiegend Ungarn, kamen bisher.

"Ich denke jeden Tag an Bergen-Belsen"

Schmidt möchte mit dem "Haus der Schicksale" ähnlich viele Menschen anlocken. "Wir müssen die Herzen der Besucher berühren", sagt sie. "Die Tragödie des Holocaust muss vor allem für Jugendliche, die in der glücklichen Lage sind, Bürger eines freien, demokratischen Landes zu sein, nacherlebbar werden." Sie will auch die Geschichte derjenigen Ungarn erzählen, die Juden retteten - und damit "positive Beispiele hervorheben". Die Vertreter der jüdischen Gemeinden und Israels hoffen, dass dabei die historischen Tatsachen nicht verdreht werden. "Es wurde viel mehr Energie in die Vernichtung der Juden investiert als in ihre Rettung", sagt der israelische Botschafter in Budapest, Ilan Mor.

Für István Gábor Benedek waren die Monate in Bergen-Belsen das "Entscheidende in meinem Leben". "Es gab seitdem nie wieder einen Tag, an dem ich nicht an Bergen-Belsen gedacht habe", sagt er. Benedek arbeitete viele Jahrzehnte lang als Journalist. Als er fast 50 war, begann er Erzählungen und Romane über seine Kindheit im Holocaust zu veröffentlichen.

Er sagt, er wolle das Holocaust-Gedenkjahr abwarten, dann werde er sich ein Urteil bilden. Aber er fragt sich, was die Orbán-Regierung unter einem respektvollen Umgang mit Holocaust-Opfern verstehe, wenn sie es dulde, dass in Ungarn Statuen von Miklós Horthy stehen, dem ehemaligen Reichsverweser, der für die Deportation von Hunderttausenden Juden in deutsche Vernichtungslager mitverantwortlich war. Erst am 3. November weihten Rechtsextreme mitten in der Budapester Innenstadt vor einer Kirche eine neue Horthy-Büste ein. Die Behörden unternahmen nichts, die Regierung verurteilte die Zeremonie pflichtschuldig - und ließ verlauten, die Bewertung von Persönlichkeiten der Zwischenkriegszeiten überlasse man Historikern.

"Das ist empörend und erschütternd", sagt Benedek. "Solange Statuen von Horthy im Land stehen, kann kein Gedenken ernst gemeint sein."



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