Judenfeindlichkeit in Ungarn Skandalwelle im Holocaust-Gedenkjahr

Mit einem Holocaust-Gedenkjahr wollte die ungarische Regierung sich vom Vorwurf reinwaschen, nicht genug gegen den Antisemitismus zu tun. Trotzdem häufen sich nun antisemitische Skandale. Jüdische Gemeinden im Land drohen deshalb mit einem Boykott der geplanten Veranstaltungen.

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Als die ungarische Regierung vor zehn Monaten ihren Plan verkündete, 2014 zu einem Holocaust-Gedenkjahr zu machen, waren viele Juden im Land voller Hoffnung. Sie nahmen das Vorhaben als ernsthafte Geste der ungarischen Führung auf, entschlossen gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus aufzutreten - so, wie es Regierungschef Viktor Orbán auf der Tagung des Jüdischen Weltkongresses vergangenen Mai in Budapest versprochen hatte.

Inzwischen haben die meisten Juden ihren guten Glauben verloren. Die Mehrzahl der Gemeinden droht der Regierung mit einem Boykott der Gedenkveranstaltungen. Der Grund: Das Holocaust-Gedenkjahr begann mit amtlichem Geschichtsrelativismus und antisemitischen Skandalen. "Wir sind sehr verbittert", sagt András Heisler, der Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Ungarns (Mazsihisz).

Eigentlich sind aus Anlass des 70. Jahrestages der Deportation ungarischer Juden in deutsche Vernichtungslager eine Vielzahl von Aktivitäten geplant: landesweite Gedenkfeiern, Renovierungen von Synagogen, die Förderung der Erinnerungskultur in öffentlichen Einrichtungen, der Bau eines Holocaust-Gedenk- und Bildungszentrums am Josefstädter Bahnhof in Budapest.

Doch erst einmal ließ die Regierung zu Jahresanfang flächendeckende Gedenkfeiern für die in der Sowjetunion gefallenen ungarischen Soldaten abhalten. Dort starben 1942/43 am Donbogen binnen weniger Wochen 100.000 Soldaten. Den Überfall auf die Sowjetunion interpretierte der Verteidigungsstaatssekretär Tamás Vargha auf der zentralen Veranstaltung am 11. Januar in Budapest so: "Auf den fernen russischen Schlachtfeldern haben ungarische Soldaten ihre Heimat verteidigt."

Besatzungsdenkmal sorgt für Kontroversen

Wenig später relativierte der Leiter des im vergangenen Herbst gegründeten regierungsamtlichen Geschichtsinstituts "Veritas" ("Wahrheit"), Sándor Szakály, die ungarische Beteiligung an der Ermordung von knapp 600.000 Juden in den Jahren 1944 und 1945.

In einem Interview mit der Nachrichtenagentur MTI sagte er, Juden in Ungarn hätten erst nach der deutschen Besetzung des Landes am 19. März 1944 "bedeutende Verluste" erlitten. Vorherige Deportationsaktionen des ungarischen Staates nannte er mit Blick darauf, dass die betroffenen Juden keine ungarische Staatsbürgerschaft besessen hatten, "fremdenpolizeiliche Angelegenheiten". Er sprach außerdem davon, dass es im Ungarn der Zwischenkriegszeit "tatsächlich eine Judenfrage" gegeben habe.

Die nächste Kontroverse löste ein von der Regierung geplantes Denkmal zur Erinnerung an die Besetzung Ungarns durch die deutsche Wehrmacht aus. Es soll auf dem Budapester Freiheitsplatz stehen und zeigt einen Reichsadler (Hitler-Deutschland), der über den Erzengel Gabriel (Ungarn) herfällt. Es ist ausdrücklich "allen Opfern" des Zeitraumes von März 1944 bis zum Kriegsende im April 1945 gewidmet. Nach Lesart der Regierung, wie sie auch in der Präambel der neuen, seit 2012 gültigen ungarischen Verfassung festgehalten ist, hatte Ungarn vom 19. März 1944 bis zum 2. Mai 1990 seine Souveränität verloren. Die Idee dahinter: Der ungarische Staat sei nur eingeschränkt oder gar nicht verantwortlich gewesen für den Holocaust an den ungarischen Juden.

In Wirklichkeit muss sich Ungarn schmerzhaften Erkenntnissen stellen. Darauf weist etwa Krisztián Ungváry hin, einer der prominentesten ungarischen Historiker. Ungarische Behörden hätten Juden mit großem Eifer deportiert und sich von deutschen Aufforderungen zu Mäßigung und mehr Systematik nicht stoppen lassen, so Ungváry. Außerdem sei Ungarn zwar formal besetzt, aber faktisch der wichtigste Verbündete Deutschlands gewesen. "Das Besatzungsdenkmal ist daher eine grobe und tendenziöse Geschichtsfälschung."

Ultimatum des jüdischen Gemeindeverbands

Ungváry hat zusammen mit zwei Dutzend anderen ungarischen Historikern einen offenen Brief an die Orbán-Regierung unterzeichnet, in dem diese aufgefordert wird, das Besatzungsdenkmal nicht aufzustellen. Doch Ungarns Führung scheint unbeirrbar. Ein Sprecher der Regierungspartei Fidesz nannte die Debatte um das Denkmal "Hysteriemache", Orbán selbst verwahrte sich in einem Brief an den jüdischen Gemeindeverband Mazsihisz gegen die "politische Ausschlachtung" des Denkmals und verteidigte das Vorhaben, aller Besatzungs- und Kriegsopfer gemeinsam zu gedenken.

Mazsihisz stellte der Regierung in dieser Woche ein Drei-Punkte-Ultimatum: Der Verband verlangt den Rücktritt des "Veritas"-Direktors Sándor Szakály, die Verschiebung der für den 19. März geplanten Einweihung des Besatzungsdenkmals zumindest bis nach den Parlamentswahlen vom 6. April sowie mehr Mitspracherechte bei der Konzeption des Gedenk- und Bildungszentrums am Josefstädter Bahnhof, genannt "Haus der Schicksale". Dessen Projektleiterin ist die umstrittene Historikerin Mária Schmidt; sowohl viele Historikerkollegen als auch jüdische Gemeinden werfen ihr vor, sie wolle im "Haus der Schicksale" die Beteiligung Ungarns am Holocaust relativieren.

"Wenn unsere Forderungen nicht erfüllt werden, sagen wir unsere Teilnahme am Gedenkjahr ab", sagt der Mazsihisz-Vorsitzende Heisler. Orbán will nächste Woche auf das Ultimatum antworten. Mehrere jüdische Gemeinden und Einrichtungen wollen nicht bis dahin warten - sie gaben in dieser Woche staatliche Gelder, die für den Erhalt von Synagogen und Friedhöfen sowie für Kulturveranstaltungen gedacht waren, an die Regierung zurück. Unter ihnen sind die Stiftungen der Frankel- und der Dohány-Gemeinde in Budapest. "Mit dem Geld dieser Regierung möchten wir nicht an unsere Ermordeten erinnern", begründet der Budapester Gemeindevorsitzende Péter Tordai den Schritt.

Die Stimmung in den Budapester Gemeinden beschreibt Tordai so: "Ich kenne viele Holocaust-Überlebende, die sich nicht mehr auf die Straße trauen. Ich kann nur hoffen, dass Ungarn ein Land bleibt, in dem Juden weiterhin leben können."



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