Holocaust-Museum in Nazareth: "Hören Sie mit dem Leugnen auf"

Von Pierre Heumann, Nazareth

Er ist Araber mit israelischem Pass, Gründer eines Holocaust-Museums und hat eine Mission: Khaled Kasab Mahameed will zur Holocaust-Leugner-Konferenz nach Iran reisen. Und von Präsident Ahmadinedschad ein Ende der Lügen fordern.

Nazareth - Eine klare Botschaft will er dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad überbringen: "Der Holocaust fand statt." Und dann will er ihm sagen: "Hören Sie mit dem Leugnen auf." Um mit Ahmadinedschad zu sprechen, möchte Khaled Kasab Mahameed in der nächsten Woche nach Teheran reisen, zur Konferenz der Holocaust-Leugner. Dort werde er den Mann, der den Mord an sechs Millionen Juden als "Märchen" bezeichnet, mit der historischen Wahrheit konfrontieren.

Weder eine jüdische Lobby noch eine pro-israelische Gruppe haben ihn mit dieser Aufgabe betraut. Sie würden ihn wohl auch nie unter Vertrag nehmen. Denn Mahameed entspricht nicht ihrem Profil. Zwar hat er einen israelischen Pass. Aber er ist Palästinenser. Als erster Araber hat er ein Museum über den Holocaust gegründet. Sein "Arab Institute for Holocaust Research and Education" sei weltweit das einzige Museum, das die Geschichte des Holocaust auf Arabisch darstellt, sagt Mahameed.

Kleines Museum, großes Ziel

Das kleine Museum ist für den Rechtsanwalt Hobby und Mission zugleich. Im Vorzimmer seiner Kanzlei und im Flur hängen rund 80 Bilder mit arabischen Erklärungen: Fotos von bis aufs Skelett abgemagerten Häftlingen in KZs, von Geschäften mit Schildern "Kauft nicht bei Juden" oder von Transporten in die Gaskammern. Die Bilder hat Mahameed der israelischen Holocaustgedenk- und -forschungsstätte Yad Vashem abgekauft. In den vergangenen anderthalb Jahren habe er rund 10.000 Euro investiert - seine beiden Bücher über den Holocaust und die arabische Internetseite mit Informationen über die Ermordung der sechs Millionen Juden inklusive.

Mit seinem kleinen Museum hat Mahameed Großes vor: Es soll den Nahen Osten dem Frieden näher bringen. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust sei nämlich gerade für Palästinenser von größter Bedeutung, ist Mahameed überzeugt. Um die Israelis und deren Politik zu verstehen, müsse man die Geschichte der europäischen Juden kennen. Eine Reaktion beziehe sich ja nicht immer bloß auf ein bestimmtes aktuelles Ereignis, sondern auf eine lange Kette von Geschehnissen und kollektiven Erinnerungen, habe er von Psychologen gelernt: "Die Identität Israels beruht auf dem Holocaust; er prägt heute noch die israelische Politik."

Israelis, sagt Mahameed, hätten ihre Opferrolle nicht überwunden, "und wir Palästinenser spüren die Auswirkungen natürlich am heftigsten – beim israelischen Verhältnis zu den Arabern, zum Land, zum Militär oder zu den Siedlungen". Nur wer den Holocaust studiere, verstehe den zentralen Stellenwert, den die persönliche Sicherheit bei Juden habe: "Dies ist eine direkte Folge des Holocaust." Es gehe um das Gefühl, ständig verfolgt zu werden. Wenn Araber dieser Phobie Verständnis entgegenbrächten und die Ängste ernst nähmen, könne ein Klima für einen echten Dialog entstehen. Klipp und klar sagt Mahammed: "Wer den Holocaust nicht begreift, kann Israel nicht verstehen."

Von diesem Lernprozess würden letztlich auch die Palästinenser profitieren, meint Mahameed: "Dann werden Juden dem Leiden der Palästinenser mehr Empathie entgegenbringen. Und das wird die friedliche Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts ermöglichen."

Mahameed hat sich eine schwierige Aufgabe gestellt: "Wenn man zu Arabern über den Holocaust spricht, verstehen sie zunächst nur Chinesisch." Sein Kampf gegen die Holocaustlüge ist unter Arabern denn auch äußerst unpopulär. Sein Bruder, der in Italien lebt, brach vorübergehend den Kontakt zu ihm ab; seine Frau hatte anfänglich Angst, dass er von Nachbarn umgebracht wird; Freunde haben sich von ihm abgewandt; aus dem Gazastreifen erhielt er kürzlich eine Hass-Mail: "Wir warnen dich, du zionistischer Jude!" Er solle sich lieber um die palästinensischen Nöte als um fremde Probleme kümmern.

Viele Palästinenser fürchten, die israelische Besatzung zu unterstützen, wenn sie sich mit der jüdischen Geschichte beschäftigen. Um diese Vorwürfe zu entkräften und gleichzeitig sein Zielpublikum, die Araber, zu erreichen, hat Mahameed im Museum eine palästinensische Flagge aufgestellt. Und er zeigt Fotos über die Vertreibung von Palästinensern aus ihrer Heimat im Jahre 1948, dem Jahr der Staatsgründung Israels.

Das gerät freilich jüdischen Organisationen in den falschen Hals. Mahameed stelle einen unzulässigen Zusammenhang zwischen dem Holocaust und dem Schicksal der Palästinenser her, meint zum Beispiel die Anti-Defamation-League (ADL), eine Organisation, die sich dem Kampf gegen den Antisemitismus verschrieben hat. Mahammed erwecke in seinem Museum den verwerflichen Eindruck, dass die Palästinenser den Preis für die europäische Schuld am Holocaust bezahlen, indem sie mitten in der arabischen Welt einen illegitimen jüdischen Staat hinnehmen müssen.

Die Schelte der jüdischen Lobbyisten habe einen willkommenen Nebeneffekt, sagt Mahameed: Erstmals interessieren sich jetzt auch arabische Medien für sein Holocaust-Museum. Das hat er dringend nötig. Denn pro Tag gehen höchstens fünf Besucher durch die Ausstellung – meistens Klienten, die in seine Kanzlei kommen, um sich Bauverträge aufsetzen zu lassen. Schulklassen kommen nicht, da die Lehrer die Botschaft für "politisch nicht korrekt" halten. Ohne Erfolg hat der 44-jährige Anwalt auch arabische Politiker um Unterstützung gebeten.

Brief an Angela Merkel

Doch Mahameed lässt nicht locker. Sein Sensorium für die jüdische Leidensgeschichte im Zweiten Weltkrieg geht auf seine Studienjahre in Jerusalem, Stockholm und London zurück: "Erst nach Begegnungen mit jüdischen Israelis begriff ich erstmals die zentrale Rolle des Holocaust für das Selbstverständnis der Juden."

Jetzt will er seine Botschaft also nach Teheran tragen. Seine Aufgabe werde schwierig, da mache er sich nichts vor. Das Ergebnis der "wissenschaftlichen" Konferenz stehe ja schon fest, bevor sie begonnen habe.

Doch Mahameed glaubt an sich und an sein rhetorisches Talent. Er lässt sich nicht entmutigen und weiß schon, was er in seinem Plädoyer für die Auseinandersetzung mit der Geschichte sagen wird. "Lassen Sie uns zusammensetzen und miteinander sprechen", dazu werde er Holocaustleugner Ahmadinedschad auffordern. Zudem hat Mahameed versucht, auch Kanzlerin Angela Merkel in sein Projekt einzuspannen. Sie solle möglichst viele deutsche Intellektuelle zu der Holocaust-Konferenz schicken, um "denen in Teheran zu erklären, dass sie mit ihrer Holocaustleugnung falsch liegen", schrieb er ihr.

Jetzt wartet er nur noch auf die Antwort aus dem Innenministerium in Jerusalem. Dieses muss entscheiden, ob er nach Teheran fahren darf - in die Hauptstadt von Israels ärgstem Feind.

Pierre Heumann ist Nahost-Korrespondent der Schweizer "Weltwoche"

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