Holocaust-Überlebende Wenn im "Café Europa" die Seele tanzt

Zum "Café Europa" in Tel Aviv hat nur Zutritt, wer ein grausames Schicksal teilt. Alle Besucher überlebten KZs, Arbeitslager und Verfolgung während der Nazi-Zeit. Bei Musik und Streuselkuchen reden sich die alten Menschen die Vergangenheit von der Seele - manche zum ersten Mal.

Von , Tel Aviv


 Sarah und Fela: Die Freundinnen kommen jeden Sonntag ins Café
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Sarah und Fela: Die Freundinnen kommen jeden Sonntag ins Café

Tel Aviv - Es dauert gut eine Stunde, dann sitzen im "Café Europa" nur noch die Gebrechlichsten an den Tischen. Aus den Lautsprechern schallt Musik; Shoshana, die Sängerin, schmettert jiddische und osteuropäische Weisen ins Mikrofon, die Gäste klatschen und schunkeln mit. Als sie "Kalinka" anstimmt, gibt es kein Halten mehr. Rund hundert alte Menschen drehen sich auf grauem Altenheim-Linoleum, fassen sich an den Händen, lachen sich an. "Das ist Leben", ruft eine alte Dame, während sie vorbeischwoft.

Sarah Schönhaft ist an einem mit Streuselkuchenkrümeln und Plastikbechern übersäten Tisch sitzen geblieben. "Ich komme jeden Sonntag ins Café - für meine Seele", sagt die 76-Jährige. "Das hier", sagt sie, ohne zu lächeln, und umfasst den Neon beleuchteten Speisesaal des Tel Aviver Altenheims mit einer Geste, "das ist mein Zuhause. Hier kann ich immer wieder auf mein Thema kommen." Das Thema ist für Sarah Schönhaft der Holocaust.

"Es gibt kein Heim mehr, keine Familie"

Cafe Europa" ist nur sonntags. Dann mühen sich Dutzende Menschen im Großelternalter die Treppenstufen zum Seniorenheim Re'ut an der Tel Aviver Dizengoff-Straße hinauf. Jetzt im Winter tragen sie altmodisch geschnittene Pelzjacken, manche gehen am Stock. Die Männer und Frauen plaudern auf Jiddisch, Polnisch, Rumänisch, Bulgarisch. Sie versammeln sich zu einem Kaffeekränzchen, zu dem sie eingeladen sind, weil sie ein grausames Schicksal teilen: Sie alle sind Holocaust-Überlebende, sie haben Konzentrations- und Arbeitslager, Ghettos und Verfolgung überstanden - und sind deshalb willkommen im "Café Europa".

Eintätowierte KZ-Häftlingsnummer: Als Gruppe identifizierbar
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Eintätowierte KZ-Häftlingsnummer: Als Gruppe identifizierbar

"Weil unsere Geschichten sich ähneln, müssen wir hier nicht erklären, wie es uns geht", sagt Sarah Schönhaft in brüchig gewordenem Deutsch. Die gebürtige Polin war 16, als sie zur Sklavenarbeit in eine tschechische Spinnereifabrik geschickt wurde: "3000 Mädchen in zwei Baracken, zwölf Stunden Arbeit und ein Stück Brot." Am schönsten und schlimmsten zugleich sei der Tag gewesen, an dem die Russen sie befreiten. "Wir wurden zum Appell gebeten, jede sollte angeben, wo sie hin will. Alle sagten: nach Hause", berichtet sie und zerbröselt einen Salz-Cracker. "Der Kommandeur sah uns lange an und sagte dann: Aber es gibt kein Heim mehr, keine Familie." Sarah Schönhaft wollte das nicht glauben und selbst sehen, was aus ihrer Familie geworden war. "Ich habe niemanden wiedergefunden."

Fela Jakobovitsch lässt sich neben ihr auf einen Stuhl fallen. "Sarah, jetzt brauchen wir einen Nescafé", bestimmt die quirlige 70-Jährige. Die Freundinnen sitzen immer zusammen. "Wir haben einen gemischten Tisch, die anderen sortieren sich nach Landsmannschaften und Lagern", erklärt Fela Jakobovitsch in fließendem Deutsch; bis vor wenigen Jahren betrieb sie mit ihrem Mann eine koschere Fleischerei in München. "Dort sitzen die Dachauer, dort die Leute aus Bergen-Belsen, am Fenster, das sind die Polen und hier vorn die Rumänen." Fela Jakobovitch stammt aus dem polnischen Jedvabne. Trotzdem fühlt sie sich am gemischten Tisch am wohlsten. "Das liegt wohl daran, dass ich die dunklen Jahre in sibirischer Verbannung verbracht habe, das macht mich doch anders als die anderen Polen."

Die alte Heimat, wie sie vor den Nazis war

Therapieangebote für Holocaust-Überlebende gibt es in Israel schon, seit die Ersten von Bord der Schiffe aus Europa gingen. Die 1986 gegründete Organisation Amcha (Dein Volk) betreut heute wöchentlich rund 5000 Menschen mit verfolgungsbedingten Traumata. "Doch was es nie gab, war ein niedrigschwelliges Angebot, etwas für diejenigen, die den Alltag trotz ihrer Traumata meistern", sagt Nathan Durst. Der Psychologe und Amcha-Gründer arbeitet seit über 20 Jahren mit Überlebenden.

"Alte Menschen verbringen einen großen Teil der wachen Stunden gedanklich in der Vergangenheit. Es ist wichtig, sich vor dem Abschluss des Lebens auch die schönen Dinge vor Augen zu führen. Im Café kommen die Leute zusammen und plaudern über die alte Heimat, wie sie vor den Nazis war. Sie erinnern sich an die Gerüche in Mutters Küche, an die Kinderspiele, an den ersten Kuss."

Shmuel Klein: Die Nazis besiegt, weil er Enkelkinder hat
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Das Café-Konzept stammt aus Los Angeles, der Name aus Holland. In den achtziger Jahren beschlossen Überlebende, die in die USA ausgewandert waren, sich regelmäßig zu treffen - und nannten die Kaffeerunde nach einer Amsterdamer Kneipe, die in der Nachkriegszeit Treffpunkt jüdischer Auswanderer war. Im Jahr 2001 spendeten die Amerikaner Geld, und so konnte das erste "Café Europa" in Israel eröffnen.

"Als wir das erste Mal unsere Türen öffneten, dachten wir, wir müssten die belegten Brote abends wieder mit nach Hause nehmen", sagt Chaya Luski. "Wir dachten, dass sie nicht als Gruppe identifiziert werden wollen." Das Gegenteil geschah: Innerhalb eines Monats wurde ein zweites Café eröffnet. Für mehr fehlt das Geld. "Obwohl allein in Tel Aviv Bedarf für fünf wäre".

Im zum Kaffeehaus umfunktionierten Speisesaal wird derweil langsam die Luft knapp. Käsescheiben auf Graubrot biegen ihre welken Ecken. Immer mehr Alte möchten ihre Geschichte erzählen. Shmuel Klein, drängt sich vor. "Arbeit macht frei" ruft er, und hält den Unterarm hoch, auf dem verblasst die Häftlingsnummer aus Auschwitz zu lesen ist.

Er hat im Lager beim Baukommando gearbeitet, und ein Wehrmachtssoldat hat ihm das Leben gerettet. "Wer sich bei minus 22 Grad Papiertüten zum Wärmen unter die Klamotten steckte, wurde erschossen. Ich stand schon an der Grube, aber der Soldat verweigerte den Befehl des SS-Manns. 'Du hast mir keinen Befehl zu geben', hat der gesagt", berichtet Shmuel Klein. Manchmal fällt er ins Hebräische oder verliert den Faden, dann springen die anderen gutmütig ein - man kennt sich und seine Geschichten. Das, was ihm am wichtigsten ist, sagt Shmuel Klein jedoch ganz klar: "Ich habe die Nazis besiegt - denn ich habe Enkelkinder."

"Alter ist eine Metapher für den Holocaust"

Café-Chefin Luski: Kaum Geld für belegte Brote
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Café-Chefin Luski: Kaum Geld für belegte Brote

In Tel Aviv leben etwa 30.000 Überlebende der Shoa, in Israel sind es eine Viertelmillion. "Rund 40 Prozent der über 75-Jährigen haben die Nazi-Zeit in Europa erlebt und überlebt", sagt Nathan Durst. Warum es das Café erst seit zwei Jahren gibt? Durst zögert. "Als die Überlebenden nach Israel kamen, war dies ein Land im Aufbau. Niemand nahm sich die Zeit, die Leute anzuhören. Es wurde erwartet, dass sie mit anpacken, für Schwäche gab es kein Verständnis."

Stattdessen trafen die Neuankömmlinge auf Misstrauen. "Warum hat ausgerechnet der das Lager überlebt? Hat er vielleicht einem anderen das Brot gestohlen? Das waren die Fragen, die hinter dem Rücken der Menschen gestellt wurden", sagt Durst. Die Überlebenden hätten sich eingeigelt und Schuldgefühle gehabt. "Das ging auch mir so", sagt der gebürtige Berliner. Lange Jahre habe er damit gehadert, dass er als Achtjähriger in einem holländischen Versteck überleben konnte, während seine Eltern und zwei Schwestern in Auschwitz ermordet wurden.

Erst in den neunziger Jahren habe sich in Israel das Bild gewandelt, sagt Durst. Die zunehmende Offenheit der Überlebenden habe dazu beigetragen. "Heute sprechen die alten Leute über ihre schrecklichen Erlebnisse. Durch das Alter wird ihnen die Zeit der Shoa wieder bewusst", sagt der 73-Jährige. Alter sei eine Metapher für den Holocaust. "Alter bedeutet Schwäche, Abschied nehmen, Allein zurückbleiben, Kontrollverlust, Tod - all das kennen sie aus der Nazi-Zeit."

Langsam leeren sich die Stühle, es geht gegen sieben. "Für drei Stunden zahlen wir hier 700 Schekel Saalmiete", rechnet Chaya Luski beim Aufräumen vor. Das sind rund 175 Euro. Über die fünf Schekel Eintritt, die die Besucher symbolisch zahlen, könnte sich das "Café Europa" nicht finanzieren, es ist von immer neuen Spenden abhängig. Dass dem Café deshalb immer wieder das Geld ausgeht, erzürnt Nathan Durst.

"Viele Länder bauten Museen und Denkmäler für den Völkermord an den Juden. "Doch damit schmücken sie sich vor allem selbst", sagt er. Die Frage will ihm nicht aus dem Kopf: "Wie kann man so viel Geld in kalte Steine stecken statt in warme Herzen?" Doch selbst wenn sich dauerhafte Sponsoren für das Café fänden: Die Blütezeit des ungewöhnlichen Kaffeekränzchens wird nur von kurzer Dauer sein. In wenigen Jahren wird es seine Pforten für immer schließen. Dann wird es keine Gäste mehr geben.



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