Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Homosexualität: Schwule in Polen immer häufiger Opfer von Gewalt

Von Tobias Lill

Lesben und Schwule in Polen leben gefährlich: Sie werden dort immer öfter Opfer rechter Schläger oder staatlicher Repression. Polnische und deutsche Homosexuelle demonstrierten heute vor der Botschaft des östlichen Nachbars.

Berlin - Immer dann, wenn Jarek Szczesny in den Zug nach Warschau steigt, kehrt die Erinnerung zurück: Damals, in jener Nacht, als er einfach nur von seiner Lieblingskneipe nach Hause fahren wollte. Plötzlich stiegen vier Männer, "mit Glatzen und Springerstiefeln", zu ihm ins Taxi. Ohne Vorwarnung schlugen sie auf ihn ein. "Einer trat mir mit seinen Stiefeln ins Gesicht", sagt der junge Mann, aus dessen Manteltasche eine kleine Europaflagge ragt, mit zittriger Stimme.

 Protest in Berlin: Auch der Grünen-Politiker Volker Beck demonstrierte vor der polnischen Botschaft für die Rechte von Schwulen und Lesben
SPIEGEL ONLINE

Protest in Berlin: Auch der Grünen-Politiker Volker Beck demonstrierte vor der polnischen Botschaft für die Rechte von Schwulen und Lesben

Szczesny, der seit über drei Jahren in Deutschland lebt, ist schwul und bekennt sich offen dazu. Wenn er in Deutschland seinen Freund küsst, erntet er im schlimmsten Fall blöde Sprüche oder Kopfschütteln - in Polen kann das "Coming Out" die wirtschaftliche Existenz eines Pärchens ruinieren, oder noch schlimmere Folgen haben: "Wenn der Chef mitbekommt, dass sein Mitarbeiter schwul ist, dann fliegt er raus", beschreibt der Warschauer Tomek Bacskawski die Verhältnisse im östlichen Nachbarland.

"Wir leben nur in der Nacht"

Bacskawski klagt: "Wir leben nur in der Nacht, tagsüber müssen die meisten von uns in eine komplett andere Rolle schlüpfen." Der unscheinbare Pole organisiert den polnischen Christopher Street Day, der, anders als die meisten CSD-Paraden im Westen, noch immer mehr Politik als Party ist. Gleichberechtigung bleibt für Polens Schwule ein Traum.

Dafür, dass sich diese irgendwann ändert, friert er heute gemeinsam mit Szczesny und etwa 80 anderen Homosexuellen aus Polen und Deutschland vor der Warschauer Botschaft in Berlin-Grunewald. Bacskawski nahm deswegen sogar die rund sechs Stunden lange Fahrt aus Warschau auf sich - denn in seinem Heimatland wird die Demonstrationsfreiheit von Schwulen und anderen Minderheiten mit Füßen getreten.

In der Stadt Posen hatte der Oberbürgermeister am vergangenen Wochenende eine Demonstration Homosexueller, die auf ihre Diskriminierung aufmerksam machen wollten, verboten. Er begründete das Verbot laut Zeitungsberichten mit einer angeblichen "Bedrohung von Werten". Ein Abgeordneter der neuen Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PIS) sagte, es gelte, die "öffentliche Moral" zu verteidigen.

"Antiterroreinheit gegen Schwule"

Die Schwulen und Lesben gingen trotzdem auf die Straße. Doch die Polizei löste die Demo mit Schlagstöcken auf. "Mit Pferden und Kampfanzügen stürmten die Sicherheitskräfte auf uns, als seien wir Terroristen", sagt Bacskawski aufgebracht. Die meisten Teilnehmer wurden festgenommen - die Skins, die einige der Demonstranten verprügelten und mit Flaschen bewarfen, ließen die Ordnungshüter dagegen nach Zeugenberichten laufen.

"Früher durften wir wenigsten noch demonstrieren", sagt Bacskawski. Er steht direkt neben einem großen Spruchband mit der Aufschrift: "Wieso wollt Ihr uns in die Gaskammer schicken?" Nicht wenige Demonstranten ziehen an diesem Vormittag den Vergleich zum Dritten Reich. "Die Situation dort erinnert mich sehr stark an die Lage in Deutschland 1933 bis 1938", sagt ein 66-jähriger Engländer.

Auch Bacskawski sieht eine starke "faschistoide Strömung" bei einem Teil der Bevölkerung. "Wenn ein Minister sagt, in Zukunft werde es dunkle Nacht für Schwule und Lesben, ist das bedenklich". Er habe die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben.

Bacskawski: Gewalt gegen Schwule am eigenen Leib erlebt
SPIEGEL ONLINE

Bacskawski: Gewalt gegen Schwule am eigenen Leib erlebt

Zwischen den zahlreichen regenbogenfarbenen Fahnen und "Solidaritäts"-Spruchbändern steht Volker Beck. Der grüne Innenpolitiker erwartet von "Frau Merkel und Herrn Steinmeier", dass sie das Thema bei ihrem nächsten Polenbesuch ansprechen.

Protest geht weiter

Auch zahlreiche Journalisten sind gekommen - sogar ein polnisches Fernsehteam ist darunter. Doch die polnische Regierung scheint sich noch nicht wirklich für die Proteste der rosafarbenen deutsch-polnischen Koalition zu interessieren. Der Botschafter glänzt durch Abwesenheit. Die Demonstranten wollen aber hartnäckig bleiben: "Wir kommen wieder", sagt Bacskawski.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: