Diskriminierung in Afrika Ugandas Schwule besiegen ihre Angst

Ein Aktivist stirbt durch Hammerschläge, ein Gesetz droht Homosexuellen mit lebenslanger Haft. Kaum ein Land ist für Schwule und Lesben gefährlicher als Uganda. Doch die Kuchus, wie sie sich nennen, nehmen den Kampf auf.

Aus Kampala, Uganda, berichtet


Biggie mustert die Männer im Erdgeschoss sehr genau. Sie schauen Fußball im Fernsehen, auf den Tischen stehen viele leere Bierflaschen. Die junge Frau prüft die Gesichter. Wen kennt sie? Wer ist ihr wohlgesinnt. Dann nickt sie: "Hier können wir bleiben." Biggie geht voran in den ersten Stock des Pubs und lässt sich auf der Terrasse in einen Plastikstuhl fallen. "Wenn die Atmosphäre unten zu aufgeheizt wäre, hätte ich eine andere Bar gesucht. Zu gefährlich. Wenn die Stimmung umschlägt, komme ich hier nicht so leicht wieder raus." Das sagt sie nüchtern, auf eine große Show ist sie nicht aus.

Biggie - ihr echter Name ist kein Geheimnis, aber Biggie ist ihr lieber - lebt offen homosexuell in Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Einem Land, das Schwule und Lesben ins Gefängnis stecken will. Lebenslänglich. Sie hat zu viel Angst und Gewalt gesehen und erlebt, um noch unbeschwert in eine öffentliche Bar zu gehen. Auch in diesem Laden im Norden der Hauptstadt wirkt sie nervös, obwohl sie den Wirt kennt und schätzt.

Ihr ganzes Leben, 29 Jahre, hat sie in Kampala verbracht. Die letzten drei seit ihrem Coming-out waren ein ständiger Kampf. Doch Biggie gefällt das, sie bezeichnet sich selbst als "Frontschwein", als geborene Aktivistin. Klein, kompakt, mit Dreadlocks und verspiegelter Sonnenbrille sitzt sie da und bestellt einen Energy-Drink.

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Homosexuelle in Uganda: Gay-Pride unter Lebensgefahr
"Meine Schwester glaubt, dass der Teufel unsere Familie bestrafen will. Deshalb habe er gemacht, dass ich Frauen mag", sagt sie. Inzwischen könne, ja müsse, sie darüber lachen. Weil es sonst zu traurig wäre. Kontakt hat sie wenig zu der Schwester. Mit der Großmutter, die sie aufgezogen hat, spricht sie nicht mehr über ihr Liebesleben. Zu groß wäre die Aufregung für die alte Frau, zu festgefahren ist sie in ihren Ansichten.

Biggie ist eine Kuchu, so nennen sich die Mitglieder der schwul-lesbischen Community in Kampala. Der Ausdruck kommt aus dem Suaheli und kann, je nach Lesart "homosexuelle Person" oder "Schwuchtel" bedeuten. "Deshalb haben wir ihn ausgesucht. Es ist ein offensives Wort, zeugt von Selbstvertrauen, und vor allem schließt es niemanden aus", sagt Biggie.

"Das waren dunkle Zeiten"

Viele Menschen in Kampala haben noch eine andere Übersetzung parat: Für sie sind Kuchus Ausgestoßene, Freaks. Kreaturen, die ausradiert gehören. So sehen es Menschen wie Giles Muhame, Ex-Redakteur beim "Rolling Stone". Bis auf den Namen hat das Schundblatt wenig mit dem großen Vorbild aus den USA gemein, verschlungen wurde es auf den Straßen der Hauptstadt trotzdem. Inzwischen ist die Zeitung pleite, doch der Schaden, den Muhame und seine Mini-Redaktion angerichtet haben, ist irreparabel. "Hängt sie!", titelte das Blatt im Jahr 2010 - unter der Zeile standen Namen, Bilder und Privatadressen von Ugandas "schlimmsten Homosexuellen". Ein lebensgefährliches Outing.

"Das waren dunkle Zeiten", sagt Biggie leise. Weg ist die Angrifflust. Die Fassade bröckelt, wenn sie über die vergangenen Jahre spricht. Religiöse Hetzer, angeführt von dem US-Evangelikalen Scott Lively, hatten ab 2009 in Uganda Stimmung gegen Homosexuelle gemacht. Damit drangen sie bis in höchste Kirchen- und Politikerkreise vor. 2010 wurde ein Gesetzesentwurf vorgelegt, der die Todesstrafe für Homosexualität vorsah.

Erst nach der empörten Drohung des Westens, Entwicklungshilfe für Uganda einzufrieren, wurde das Papier überarbeitet. Schwule und Lesben müssen "nur" noch mit lebenslanger Haft rechnen. Das Gesetz hängt seitdem in einer schier endlosen Schleife aus Klagen und Gegenklagen fest - und wie ein Schatten über der Kuchu-Gemeinde.

Tödliche Attacke in der Nacht

Zumindest für David Kato bedeutete die Kampagne das Todesurteil. Der Lehrer und Aktivist hatte sich einst als "erster offen Schwuler Ugandas" bezeichnet. Am 26. Januar 2011 starb Kato in seinem Bett, den Schädel durch zwei Hammerschläge zertrümmert. Der Angriff kam drei Wochen, nachdem Kato einen Prozess gegen die Hetze des "Rolling Stone" gewonnen hatte. Die Polizei beharrt bis heute darauf, dass es sich bei den tödlichen Schlägen um eine zufällige Attacke gehandelt habe.

Auch Redakteur Muhame will von einer Mitschuld an dem blutigen Verbrechen nichts wissen: "Wenn wir zum Hängen von Schwulen auffordern, dann doch erst nach einem Prozess. Wir wollten keinen Mord, so wie er damals geschehen ist." Für die Mitglieder der Kuchu-Gemeinde war Katos Tod dagegen ein klarer Fall von Rache und Lynchjustiz.

"Wir waren wie in einer Schockstarre", erzählt Biggie über die Zeit nach dem Hammermord. Sogar auf der Beerdigung in Katos Heimatort kam es zum Eklat, als ein Pastor und die Dorfbewohner die angereisten Kuchus wüst beschimpften.

Zugang zur Party nur mit Codewort

Seither spielte sich das schwule und lesbische Leben in Kampala im Untergrund ab. Partys stiegen, wenn überhaupt, nur noch in Privathäusern - Zugang nur mit Einladung und Codewort. Wo vorher mit Glitzer und Glamour gefeiert wurde, galt es, vorsichtig zu sein. Es schien, als erfülle das Anti-Homo-Gesetz schon seinen Zweck, ohne überhaupt verabschiedet worden zu sein.

Doch damit ist es nun vorbei, die Szene hat ihre Lähmung überwunden. Angeführt von Menschen wie Biggie - und angespornt von Erfolgen vor Gericht sowie Unterstützung aus dem Ausland - wehren sie sich gegen die Opferrolle. Es gibt ein dichtes Netzwerk aus Internetseiten und Chatrooms, über das sich Ugandas Kuchus austauschen und organisieren können. In Verbänden wie der LBTI-Frauenrechts-Organisation engagieren sich einige hundert Aktivisten für die Rechte und gegen die Unterdrückung ihrer Community. Seit diesem Jahr dürfen sie sogar wieder Pressekonferenzen abhalten, vorher war ihnen das verboten.

Klagen in Uganda und den USA

Als am 6. August 2012 mehr als 100 Kuchus durch Entebbe, nahe der Hauptstadt marschierten, war dies der bisherige Höhepunkt eines neuen Selbstverständnisses: Ugandas erste Gay Pride Parade. Noch vor einem Jahr, nach David Katos Tod, schien eine solche Veranstaltung undenkbar. Zwar kam es auch bei dem Queer-Fest am Viktoriasee zu einem massiven Polizeisatz. Mehrere Paradeteilnehmer wurden festgenommen, weil die Sicherheitskräfte von einer schwulen Hochzeit erfahren haben wollten. Im September wurde zudem der britische Theatermacher David Cecil ausgewiesen, weil er ein kritisches Stück aufführen wollte. Das Regime hält dagegen.

Doch das Signal, das von der Parade in Entebbe ausgeht, ist eindeutig. "Die Gemeinschaft hat sich entschieden, den Kampf anzunehmen", sagt Malika Zouhali-Worrall. Sie hat zusammen mit Katherine Fairfax Wright den Dokumentarfilm "Call me Kuchu" gedreht, der die Situation der Homosexuellen in Uganda beleuchtet. "Sie verklagen den Minister für Ethik und Integrität und haben in den USA eine Klage gegen den Hetzer Scott Lively eingereicht. Es herrscht eine ganz besondere Aufbruchsstimmung."

Das sieht Biggie offenbar genauso. Für einen Moment schiebt sie ihre Spiegelbrille in die Stirn, die Augen blitzen. "Auch wenn es mir manchmal Angst macht: Ich gehe nicht weg. Es gibt noch viel zu tun. Wir sind viele - und wir müssen gesehen werden."

Dann trinkt sie ihren Energy-Drink aus. Sie müsse nun aber wirklich los, sagt sie. Gleich spielt Manchester United, ihr Lieblingsteam - und das Spiel will Biggie lieber nicht in dieser Kneipe schauen.



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