Die einstige Rebellenhochburg Homs "Kaum einer ist noch am Leben"

Homs war die Hochburg der syrischen Rebellen. Doch die Bomben des Assad-Regimes haben die Stadt ausradiert. SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter berichtet über eine Reise in das damalige Zentrum des Widerstands.

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Im Vergleich zu allem, was später kommen sollte, war es eine heitere Reise. Kein Angstreflex bei jedem Geräusch eines Flugzeugs, keine Explosionen, keine Leichen, keine Trümmerwüsten. Vor genau fünf Jahren, im August 2011, fuhren wir nach Homs, das es damals noch gab. Ich, der Fotograf Marcel Mettelsiefen, dazu ein lokales Team syrischer Helfer in der Stadt. Es war die zweite von 19 Reisen nach Syrien im Aufstand. Nur dass damals die Wahrnehmung in der Welt genau umgekehrt verlief: Weltweit wurde über die Freitagsdemonstrationen in zig syrischen Städten berichtet, luden die örtlichen Aktivisten Videos hoch, entstand das mediale Bild allgegenwärtiger Unruhen.

Doch kam man im Sommer 2011 nach Syrien, war das spätere Tosen erst ein Knistern. All die Demonstrationen, die Schüsse auf friedliche Protestierer, gab es - aber es waren eher politische Flashmobs, oft nur minutenlange Aktionen an stets wechselnden Orten, um der Festnahme zu entgehen. Selbst in Damaskus sagte ein alter Freund: "Wir haben Revolution! Ich habe es im Fernsehen gesehen." Wie viele glaubte er zwar nicht ans Regime - aber dessen Sturz konnte er sich genauso wenig vorstellen.

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Also wollten wir nach Homs, das rasch und unerwartet zur Hochburg der Proteste geworden war. Bemüht um Unauffälligkeit, fuhren wir mit einem niederländischen Jesuitenpater, der seit 35 Jahren in Syrien lebte, dorthin. Er hatte angeboten, uns zum Landgut seines Klosters südlich von Homs mitzunehmen, wo sie Wein kelterten und am kommenden Wochenende eine Veranstaltung zur inneren Einkehr anböten. Unverdächtig für uns, aber nicht für den Studenten aus Homs, der uns am nächsten Tag zu den nächtlichen Demonstrationen mitnehmen wollte. Er fand es zu obskur, uns an einem jesuitischen Weingut abzuholen und kam nicht.

So steckten wir ein, zwei Tage lang auf dem Yoga- und Meditationsworkshop von Pater Frans fest, während in Homs auch an diesem Wochenende demonstriert und geschossen wurde, machten Dehnübungen am Morgen und Nachtwanderungen, während über uns Drohnen sirrend am Himmel kreisten.

Christoph Reuter (l.) und Marcel Mettelsiefen
Marcel Mettelsiefen

Christoph Reuter (l.) und Marcel Mettelsiefen

Tage später kamen wir schließlich nach Homs, wechselten jede Nacht die Unterkunft und erlebten zum ersten Mal, wie die jahrzehntelang eingeübte Angst der Menschen wich; wie sie uns Fremde vor den "fliegenden Checkpoints" der Polizei warnten, ihre Häuser öffneten, wenn die Schlägertrupps kamen, und eine Handvoll alter Männer auf einer Demonstration bereitwillig unsere Frage beantwortete, wann sie das letzte Mal frei für etwas auf die Straße gegangen waren. "Ja, das war 1963", sagte schließlich einer nach längerem Nachdenken. Damals sei er Kommunist gewesen. Jetzt gehe es um Reformen, ein Ende der Korruption und Willkürherrschaft von Assads Familie, die das Land als ihren Privatbesitz betrachtete.

In der Mitte der Kreuzung standen die Jungen

Es erweitert das Urteilsvermögen, zuvor als Korrespondent schon ein paar Kriege über längere Zeit erlebt zu haben. Im Irak ab 2003 erweckten weder die sich formierenden Radikalen, noch die amerikanischen Besatzer mit ihrer Mischung aus Aggressivität und Ahnungslosigkeit große Sympathien. In Afghanistan war es ähnlich mit den Taliban und den meisten ausländischen Truppen dort. So fiel es leichter, einfach nur Beobachter zwischen den Fronten zu sein. Syrien war anders. Hier gingen 2011 Menschen mit uns selbstverständlich erscheinenden Anliegen auf die Straße: Freiheit und Rechte.

In jener Augustnacht in Homs standen die Demonstranten auf einer breiten Straße vor einer T-Kreuzung. Würden die Truppen kommen und das Feuer eröffnen, blieben nur Sekunden, sich in Sicherheit zu bringen. So war jeder Meter, den sich die Menschen in die Mitte der Straße wagten, eine Grundsatzentscheidung. In der Mitte standen die Jungen. Am Rand der Straße lief ein Vater mit seinem Sohn, der dessen Hand festhielt. In den Einmündungen der Gassen standen die Alten, Mütter, Familien. Selbst in die Mitte der Straße zu gehen, fühlte sich an, als hätte ich Klebstoff unter den Schuhen. "Du musst da nicht hingehen", sagte Omar, einer unserer drei Begleiter vom "Medienkomitee", "aber falls doch, bleib dort nicht lange stehen".

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Es blieb ruhig in dieser Nacht, jedenfalls in dieser Straße.

Heute darüber zu schreiben, fühlt sich seltsam an, als sei es Jahrzehnte her. Denn kaum jemand von denen, die wir im August und in den Monaten danach in Homs besuchten, ist mehr am Leben. Ihre Häuser und Straßenzüge sind eine menschenleere Wüstung, über der jedes Frühjahr das Gras wuchert. Es gibt ein privates Abschiedsfoto vom Januar 2012 aus Homs: SPIEGEL-Fotograf Marcel Mettelsiefen mit dreien vom "Medienkomitee", die uns halfen und ansonsten filmten, was geschah. Alle drei sind tot.

Mettelsiefen (2.v.l.) mit Abu Mohammad, Abu Yasser und Maher Tayara ( v. l.) in der Khalid-Ibn-Walid-Moschee in Homs.
Marcel Mettelsiefen

Mettelsiefen (2.v.l.) mit Abu Mohammad, Abu Yasser und Maher Tayara ( v. l.) in der Khalid-Ibn-Walid-Moschee in Homs.

Omar Astalavista war ein Tarnname des angehenden Ingenieurs, der für uns Kontakte, Essen und Schlafplätze organisierte und bei alldem stets peinlich darauf achtete, nie öffentlich fotografiert zu werden. Er ging alle paar Tage zur Universität, um noch seine letzten Prüfungen abzulegen. "Es ist verrückt, ich weiß, aber ich lasse mir doch nicht meinen Abschluss kaputtmachen." Als er sich im Morgengrauen des 4. Februar von Mettelsiefen verabschiedete, sagte er, "nächstes Mal kann ich dir hoffentlich auch meinen richtigen Namen nennen".

Ein nicht endender Albtraum

Stunden später traf ihn eine Mörsergranate, als er die Bergung der Opfer vom Einschlag der vorherigen Granate filmen wollte. Mazhar Tayara war sein richtiger Name. Abu Yasir und Abu Mohammed, die anderen beiden auf dem Bild, flohen Wochen später wie Zigtausende aus Homs und wurden im März 2012 in Damaskus bei einer Razzia erschossen.

Pater Frans, der niederländische Jesuit, der im Sommer noch von Meditation und Morgenyoga geschwärmt hatte, war in Homs geblieben, als die Armee ihren Belagerungsring schloss. Er wollte die letzten Christen ebensowenig wie seine muslimischen Nachbarn im Stich lassen, wurde immer magerer und schickte herzzerreißende Appelle per Video an die Welt, doch diese Stadt nicht zu vergessen. Bis auch er ermordet wurde, erschossen eines Morgens im April 2014 von einem Unbekannten.

Im Juli 2012 kamen wir noch einmal bis zu einem Wegweiser "Homs 12 km". Näher gelangten wir nicht mehr an jene Stadt, in der aus dem ungleichen Zusammentreffen friedlicher Demonstranten und schießender Schergen ein Krieg geworden war. Eine aus zig Bränden gespeiste Rauchsäule in der Ferne markierte ihre Lage.

Video: Drohnenflug über dem zerstörten Homs

Doch je grauenvoller über die Jahre die Lage in Syrien wurde, desto mehr ließ das Interesse an ihr nach. Es ist ein Fehler, wenn wir die höchst eigenwilligen Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie tatsächlich für ein Abbild der Wirklichkeit halten. Dem ist nicht so.

Je länger Kriege dauern, desto uninteressanter werden sie. Jeden Tag ein paar Dutzend Tote, das ist keine Nachricht mehr. Doch das ist ein nicht endender Albtraum, der vor unfassbar fern erscheinenden fünf Jahren vielleicht noch hätte gestoppt werden können. Wurde er aber nicht. Stattdessen ist über die Jahre der Satz, "es darf keine militärische Lösung geben", zum Mantra deutscher, europäischer, amerikanischer Außenpolitiker geworden - während die syrische, seit Sommer letzten Jahres auch die russische Luftwaffe jede Stadt und jedes Dorf einäschern, das sich nicht unterwirft.

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