Homs: Syrische Behörden lassen Rotes Kreuz nicht nach Baba Amr

Sieben Lastwagen mit dringend benötigten Hilfsgütern für die notleidende Bevölkerung stehen bereit, doch Assads Truppen verweigern dem Roten Kreuz den Zugang. Der Konvoi darf nicht in das belagerte Viertel Baba Amr in der umkämpften syrischen Stadt Homs fahren - angeblich aus Sicherheitsgründen.

Roter-Halbmond-Mitarbeiter bei einer Übung in Syrien (2009): Zugang verwehrt Zur Großansicht
REUTERS

Roter-Halbmond-Mitarbeiter bei einer Übung in Syrien (2009): Zugang verwehrt

Beirut - Seit Tagen bemühen sich internationale Helfer, 15 Tonnen Lebensmittel, Medikamente und Decken in das schwer verwüstete Viertel Baba Amr in der syrischen Stadt Homs zu bringen. Am Sonntag haben Regierungstruppen von Machthaber Baschar al-Assad dem Roten Kreuz aus angeblichen Sicherheitsgründen weiterhin den Zugang verwehrt.

Es könne noch Tage dauern, bevor der Hilfskonvoi hineingelassen werde, sagte ein Sprecher des Roten Halbmonds in Homs. Mit dem örtlichen Gouverneur habe man eine Einigung erzielt, wonach das Rote Kreuz am Dienstag das Viertel betreten dürfe, sagte er. Ein Sprecher des Roten Kreuzes in Damaskus sagte hingegen, die Verhandlungen dauerten noch an und er hoffe, der Organisation werde noch am Sonntag Zugang gewährt.

Mitarbeiter des Roten Kreuzes begannen derweil im drei Kilometer von Homs entfernten Dorf Abel und in den Vierteln Inschaat und Tausii mit der Ausgabe von Nahrungsmitteln und Decken. Empfänger der Hilfe waren Familien, die vor den Kämpfen in Baba Amr geflüchtet waren. Das Rebellenviertel Baba Amr war von syrischen Regierungstruppen nach fast einmonatiger Belagerung und anhaltendem Beschuss am Donnerstag erobert worden. Die syrische Regierung sagte, sie bekämpfe in Baba Amr "bewaffnete Banden" und wolle den Stadtteil "säubern".

Während die Kämpfe um Baba Amr nach dem Rückzug der Rebellen vorerst beendet sind, nahmen Regierungstruppen am Wochenende andere Teile von Homs unter Beschuss. Die Örtlichen Koordinationskomitees sagten, Granaten seien in den Stadtteilen Chaldijeh, Bab Sbaa und Chader sowie in Rastan bei Homs eingeschlagen. Mindestens drei Menschen seien getötet und weitere verletzt worden. In der Provinz Idlib sei es zu Kämpfen zwischen Regimegegnern und Regierungstruppen gekommen. Ein Soldat sei getötet worden.

Türkischer Außenminister: "Verbrechen gegen die Menschlichkeit"

International hält die scharfe Kritik an der syrischen Regierung an. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte eine Einreiseerlaubnis für die Nothilfekoordinatorin Valerie Amos. Die Bilder aus Syrien nannte er "grauenhaft" und "unerträglich". Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu bezeichnete das Vorgehen des syrischen Regimes als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Mangelnde internationale Einigkeit ermutigt nach Ansicht der türkischen Regierung das Regime in Damaskus in seinem harten Vorgehen gegen seine Kritiker. Das Ausmaß des Blutvergießens habe die Dimension der Balkankriege der 1990er Jahre erreicht, sagte Davutoglu.

Bei dem fast einem Jahr anhaltenden Aufstand gegen Assad sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen mindestens 7500 Menschen getötet worden. Eine Resolution zum Ende der Gewalt in Syrien ist bereits zweimal am Veto Chinas und Russlands gescheitert, wofür beide Länder international scharf kritisiert wurden.

China legte am Sonntag einen Vorschlag für ein Ende der Gewalt in Syrien vor, beschränkt sich aber weiterhin auf Appelle zum Dialog. In einer vom chinesischen Außenministerium veröffentlichten Erklärung werden ein Waffenstillstand sowie Gespräche zwischen Assads Regime und der Opposition unter Vermittlung der Uno und der Arabischen Liga gefordert. Außerdem müsse Hilfsorganisationen sofort der Zugang ins Land ermöglicht werden. Jegliche Einmischung von außen, um einen Regierungswechsel herbeizuführen, wird weiterhin abgelehnt. Peking sprach sich auch gegen Sanktionen aus: Sie könnten nichts zu einer Lösung des Konflikts beitragen.

lgr/dapd/dpa

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insgesamt 11 Beiträge
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1. logisch
wekru 05.03.2012
Zitat von sysopSieben Lastwagen mit dringend benötigten Hilfsgütern für die notleidende Bevölkerung stehen bereit, doch Assads Truppen verweigern dem Roten Kreuz den Zugang. Der Konvoi darf nicht in das belagerte Viertel Baba Amr in der umkämpften syrischen Stadt Homs fahren - angeblich aus Sicherheitsgründen. Homs: Syrische Behörden lassen Rotes Kreuz nicht nach Baba Amr - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819217,00.html)
In einem Krieg, der kein Krieg ist sondern in den Worten des Regimes lediglich eine "Säuberung von Elementen", gelten entsprechend selbst keine Regeln des Kriegsrechtes. Warum sollte Assad einerseits Berichte über Greultaten als Hochverrat mit dem Tode bestrafen und Hilfsorganisationen dann andererseits Zugang gewähren? Die Welt soll und will von ihm verarscht werden. Bitte keine Zeugen und keine Einmischung in die innere Angelegenheit einer inzwischen tausendfach ohne Prozess vollzogenen Todesstrafe. Man zeigt den Leuten doch auch nicht täglich Bilder davon, wie ihre Wurst entsteht. Wem würde es da noch schmecken? Wer will das schon so genau wissen? Die Leute würden sich reihenweise übergeben, wenn sähen und wüssten, was in Syrien gerade passiert.
2. Heuchler..
tuscan40 05.03.2012
"Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu bezeichnete das Vorgehen des syrischen Regimes als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. " Die Heuchelei des türkischen Außenministers ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit...denn der weiß bestimmt genau was in Syrien abgeht. Deshalb ist er genauso verachtenswert wie der, den er verachtet!
3.
Barath 05.03.2012
Zitat von wekruIn einem Krieg, der kein Krieg ist sondern in den Worten des Regimes lediglich eine "Säuberung von Elementen", gelten entsprechend selbst keine Regeln des Kriegsrechtes. Warum sollte Assad einerseits Berichte über Greultaten als Hochverrat mit dem Tode bestrafen und Hilfsorganisationen dann andererseits Zugang gewähren? Die Welt soll und will von ihm verarscht werden. Bitte keine Zeugen und keine Einmischung in die innere Angelegenheit einer inzwischen tausendfach ohne Prozess vollzogenen Todesstrafe. Man zeigt den Leuten doch auch nicht täglich Bilder davon, wie ihre Wurst entsteht. Wem würde es da noch schmecken? Wer will das schon so genau wissen? Die Leute würden sich reihenweise übergeben, wenn sähen und wüssten, was in Syrien gerade passiert.
Und sie sehen und wissen das, nehme ich an?
4.
Hermes75 05.03.2012
Zitat von sysopSieben Lastwagen mit dringend benötigten Hilfsgütern für die notleidende Bevölkerung stehen bereit, doch Assads Truppen verweigern dem Roten Kreuz den Zugang. Der Konvoi darf nicht in das belagerte Viertel Baba Amr in der umkämpften syrischen Stadt Homs fahren - angeblich aus Sicherheitsgründen. Homs: Syrische Behörden lassen Rotes Kreuz nicht nach Baba Amr - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819217,00.html)
Schon seltsam - erst bemüht sich das Regime wochenlang mit jedem Mittel die Bewohner des Viertels von den "Terroristen" zu befreien und jetzt verweigert es den Helfern den Zugang. Warum wohl? Will man noch schnell die Spuren/Zeugen verschwinden lassen?
5. ja, gewiss
wekru 05.03.2012
Zitat von BarathUnd sie sehen und wissen das, nehme ich an?
Ja. Der Nachbar eines Freundes war selber 14 Tage in einem Gefängnis und hat dort gesehen, wie einem anderern Gefangenen der Bauch aufgeschlitzt wurde und die Gedärme heraushingen. Im Nachbardorf wurde ein 17-jähriger tot seinen Eltern zurückgegeben mit schweren Folterspuren, mehrfach gebrochenen Gliedmaßen und abgeschnittenen Hoden. Anderen wurden die Augen ausgestochen. etc. Derlei Berichte von Menschen, die ich persönlich kenne und deren Glaubwürdigkeit ich einschätzen kann, sind das Maximale, was man seinerseits bezeugen kann. Und es gibt von diesen Berichten endlos viele aus allen Teilen des Landes über die unterschiedlichsten Kanäle, die in ihrer Summe ein einheitliches Bild zeichnen. Ich kann verstehen, wenn Menschen in Deutschland aus Gründen ihrer eigenen inneren Hygiene nicht annehmen wollen, wie bestialisch es in Syrien zugeht. Doch hätte es ein ähnliches Herrschaftssystem in der DDR gegeben, wäre man damit sicher weniger distanziert umgegangen. So aber sind es nur Menschen muslimischen Glaubens, mit deren Schicksal sich Deutsche wenig identifizieren können. Ihre Rückfrage ist psychologisch gesehen weiter nichts als eine Abwehrreaktion. Sie wollen sich von dem, was in Syrien passiert, nicht ergreifen lassen, zu keiner eigenen Regung zwingen lassen. Also wir der Weg, den Zeugenaussagen unter diesen Umständen nehmen können, in Frage gestellt. Nichts anderes als dieses menschliche Verhalten war die Voraussetzung dafür, dass in Deutschland der Mord an Juden hat geschehen können und anschließend niemand was "genauers, sicher" wusste. Und aus diesem Grunde, weil man was daraus lernen kann, sehen manche auch dann hin, wenn es unerträglich ist bis an die eigene Schmerzgrenze. Und ich für meinen Teil finde es durchaus ehrenwert, wenn Leute sich nicht nur für Bäume und Tiere verwenden, sondern auch für andere Menschen. Auch ich hätte hier mal eine Frage: wo ist eigentlich die Grenze dessen, was uns als Volk noch akzeptiert würde? Wäre die Grenze erreicht und überschritten, wenn chemische Kampfstoffe abgeworfen würden oder liefe das dann auch noch unter der "notwendigen Nichteinmischung" und "staatlichen Souveränität"? Wäre eine Grenze überschritten wenn ganze Wohnviertel mit ihren Einwohnern exekutiert würden - wie in Hama vor 30 Jahren mit 20.000 Toten geschehen? Das war ja immerhin einer von 1000 der Gesamtbevölkerung. Sind 20.000 noch okay aber 200.000 dann nicht mehr - oder auch noch? Ich frage mich, ob bei all denen, die sich nicht empören über das sehr konkrete Leid in Syrien, es irgendeine Grenze gibt, ab der auch bei ihnen das Schmerzempfinden einsetzt? Ich bitte um Antworten, die sich nicht darin ergehen, wie schrecklich andere Dinge anderswo sind, sondern mal sehr konkret Bezug nehmen auf das, was man über die Situation in Syrien weiss.
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Angriffe in Syrien: Protesthochburgen unter Beschuss

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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