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Hongkong: Die Gesichter der Regenschirm-Revolution

Aus Hongkong berichtet Lukas Messmer

Sandy ist 22 Jahre alt: Auf ihrem Stirnband steht "Die Bürger sollen entscheiden" Zur Großansicht
Lukas Messmer

Sandy ist 22 Jahre alt: Auf ihrem Stirnband steht "Die Bürger sollen entscheiden"

In Hongkong demonstrieren Hunderttausende gegen die Regierung - friedlich, fröhlich und sehr höflich. Wer sind sie? Was treibt sie auf die Straße?

Etwas verloren sitzt Helen, 57, auf ihrem Klappstuhl. Sie ist rund vierzig Jahre älter als die Menschen um sie herum, aber das stört die Hongkongerin nicht. Sie protestiert gegen die Regierung, die einen Peking-freundlichen Kurs eingeschlagen hat - wie die Hunderttausend anderen auch, die auf die Straßen geströmt sind. "Ich bin seit acht Tagen hier", sagt sie. Schlaf finde sie zwar zu Hause, denn für den Teerboden sei sie zu alt. Aber mit dem ersten Sonnenlicht sei sie wieder da. "So etwas habe ich noch nie gesehen. Die Bevölkerung von Hongkong hat wieder Hoffnung", sagt sie.

Die ehemalige britische Kronkolonie erlebt ihre größte Krise nach der Rückgabe 1997 an China. Die seit einer Woche andauernden Massenproteste speisen sich aus drei Bewegungen:

  • einer Kampagne für zivile Ungehorsamkeit, genannt "Occupy Central with Love and Peace",
  • einem Zusammenschluss von Oberstufenschülern
  • und mehreren Studentenvereinigungen.

Ein wochenlanger Studentenstreik, der mit mehr als 50 Verhaftungen endete, war der Auslöser. Doch darüber sind die Proteste längst hinausgewachsen. Das sind keine Interessengruppen mehr, die auf der Straße stehen. Das ist die Bevölkerung.

Zentrum des Protests ist die Harcourt Road, die Pulsader des Regierungsviertels. Wo sonst Kolonnen von Taxis, Bussen und Limousinen kreuzen, erstreckt sich nun ein Menschenmeer. Im Morgengrauen hatte sich die Menge gelichtet, nur einige Hundert waren geblieben - Gerüchte über einen bevorstehenden Polizeieinsatz machten die Runde. Aber gegen Mittag ist die Straße bereits wieder voll. Es ist heiß und schwül. Die Regenschirme, die am Sonntag gegen das Pfefferspray schützten, helfen nun gegen die Sonne. Bemerkenswert jung sind sie, die Studenten und Schüler, die auf dem Boden sitzen, liegen und stehen. Viele sind in Schwarz und Gelb gekleidet: Die Bewegung hat jetzt auch ihre eigenen Farben.

Gesichter der Regenschirm-Revolution. Klicken Sie sich durch.


Ally und Jason, beide 16 und Oberstufenschüler, schleppen einen Karton durch die Menge: "Wasser? Wasser!", rufen sie. Sie verteilen Getränke, Kekse, Brot, Hustenbonbons und das japanische, isotonische Getränk Pocari Sweat. Ihre Klassenkameraden sitzen in der Schule. Die beiden haben sich spontan einige von den Spenden geschnappt, die sich an den Sammelpunkten stapeln, und verteilen sie nun an die Demonstranten. "Studenten haben das hier gestartet. Je mehr wir sind, desto mächtiger sind wir. Darum sind wir gekommen", erklärt Ally. Die Versorgung der Masse funktioniert dank solcher Freiwilliger reibungslos. Es gibt keine übergeordnete Organisation. Studenten treffen sich auf der Straße, gründen WhatsApp-Gruppen, packen an und wechseln sich ab. "Unsere Lehrer haben uns nicht gestoppt, unterstützen uns aber auch nicht", sagt Ally. Beide fordern politische Reformen. "Die Regierung will nicht, was wir wollen", sagt Jason.

An Straßenlaternen und Buslaternen hängen Plakate, die den Rücktritt von Regierungschef Leung Chun Ying fordern. Er gilt als Marionette Pekings. Die 22-jährige Sandy Tam trägt ein Stirnband, auf das sie "Die Bürger sollen entscheiden" geschrieben hat. Sie studiert chinesische Sprache und Kultur und ist zum ersten Mal hier. Vergangene Woche, als nur die Studenten streikten, habe sie normal die Vorlesungen besucht - aus Angst vor schlechten Noten. Dann sah sie am Sonntagabend im Fernsehen, wie die Polizei Tränengas in die friedlich protestierende Menge schoss und Studenten Pfefferspray ins Gesicht sprühte. Das trieb sie auf die Straße. "Klar habe ich Angst. Alle haben Angst. Aber um ein großes Ziel zu erreichen, muss man Opfer bringen", sagt sie. Sie habe nichts zu verlieren, weder eine Familie noch einen Job. Sie will die ganze Nacht bleiben. Der für Hongkongs Verhältnisse brutale Einsatz von Polizeigewalt hat alle schockiert.

Auch Michelle, 21, die zusammen mit fünf Studienkolleginnen seit Sonntag hier ist, hat den Polizeieinsatz miterlebt. "Wir saßen auf einer Brücke und blockierten einen Versorgungsweg für die Polizei, als diese plötzlich mit gewaltsamer Räumung drohte", sagt sie. "Ich war schockiert." Die Polizei beschuldigte die Demonstranten am Montag, die Polizisten angegriffen zu haben. Dafür gibt es jedoch keine Indizien. Bisher blieb der Protest friedlich. Es flogen keine Steine, keine Scheibe ging zu Bruch. Es gibt Teams, die Müll sammeln. Wer in der Menge jemanden anrempelt, entschuldigt sich ein Dutzend Mal. Michelle und ihre Freunde wollen der Regierung zeigen, dass deren Aktionen dem Willen der Bevölkerung widersprächen.

Winkie Chan, 40, hat den Polizeieinsatz mit eigenen Augen gesehen. "Ich sah wie die Polizisten Pfefferspray sprühten", erzählt er. "Ich schrie, sie sollten aufhören." Die Bilder der Tränengaswolken und verletzten Studenten hätten ihn wütend und traurig gemacht. Die letzten Tage ist er mehrere Male hierher gekommen. Eigentlich arbeitet er im Produktionsmanagement für ein Lederwarenunternehmen der Luxusklasse. Zurzeit hat er Urlaub. Warum sind so wenige Menschen seines Alters hier? Er zeigt auf das Zifferblatt seiner Uhr. "Die kommen nach Feierabend", sagt er. Seine Kollegen schicken ihm unterstützende Nachrichten. Er holt sich, wie alle hier, die Information zu den Protesten aus dem Internet. Jeder hat ein Smartphone dabei.

Auch für Helen, 57, auf ihrem Klappstuhl, ist das Smartphone ein ständiger Begleiter. "Ich spiele hauptsächlich auf meinem Telefon", sagt sie. Sie lade Fotos hoch und aktualisiere ihren Status. "Wenn mir etwas passiert, wissen meine Freunde das", sagt sie.

Mitarbeit: Wendy Tang

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1. Ich wusste es..
barael 30.09.2014
es musste so kommen. Noch ein paar schöne Bilder von den Leuten die Protestieren. Dazu noch eine Kleine Geschichte zum abrunden. Sorry Leute, aber wenn dort etwa 1% der Bevölkerung auf der Straße steht und die Regierung abwählen will, weil ihnen etwas nicht passt, dann gleitet es ins lächerliche. Es wäre so wenn 1% der Bevölkerung DT vorm Reichstag gehen würden und Angela Merkel abwählen wollen. (und ich denke die Anzahl von Personen lässt sich locker erreichen) Also sollten wir es erst einmal beobachten und nicht wie andere Foristen schon die Demokratisierung von China sehen. Abwarten und chinesischen Tee trinken :)
2. USA machen wieder gute Arbeit
wadim.held 30.09.2014
Typisch amerikanische Revolution!
3. Die Infantilität des SPIEGELS
erasmus89 30.09.2014
kennt wohl keine Grenzen: Nach Regenbogen-, Orangen/Blass-Blau-Grün-Revolutionen, den Rosenrevolutionen und was weiß ich, ist also eine "Occupy"-Demo in China entgegen derer im Westen vor der Wall Street bereits eine "Regenschirm-Revolution" (BILD). Da kommt mir wirklich die Galle hoch.
4.
zieloptiker 30.09.2014
Hunderttausende, hmmm ... selbst bei der zuverlässigen CNN sind es nur Zehntausende, und unsere amerikanischen Freunde werden ja auch ihr bestes Tun, um nicht zu untertreiben. Gut, bei der ganzen Begeisterung kann man sich ja schon mal um Faktor Zehn irren, Herr Messmer, Gell?
5. Die Regenschirm-Revolution
derfreitag 30.09.2014
In den Medien wird wieder von einer "Hoffnung für China" gesprochen. Diese "Bewegung" (den Begriff nutzten übrigens auch immer die Nationalsozialisten für sich) wird als Held aufgebaut. Der Part des Bösewichts geht natürlich an die Regierung in Peking. Mal auf die Bilder achten und die Konnotationen bei der Begrifflichkeit. Als nächstes wird es wohl bald wieder Tote geben, wie beim arabischen Frühling oder in der Ukraine. Daraufhin werden sich mal wieder die USA als Freund der Helden präsentieren und eine "Koalition der Demokraten" suchen. Die EU wird wohl den abartig-bösartigen EURO-YUAN-Handel aussetzen und eine weitere Mauer gegen den aggressiven Osten wird gebaut . Mit viel Glück wird auch noch ein Bürgerkrieg in China ausbrechen. Und dann sollte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn uns das nicht auch in weiter Zukunft in Russland gelingt. Irgendwie müssen wir doch unsere Mafiosi an die Macht bringen, in der Ukraine hat es doch auch funktioniert.
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Fotostrecke
Proteste in Hongkong: Die Regenschirm-Revolution

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1367,820 Mio.

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

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