Widerstand in Hongkong Der Rest vom Regenschirm-Protest

Einst gingen in Hongkong Hunderttausende auf die Straße - für Freiheit, für Demokratie. Doch der Protest prallte an der chinesischen Regierung ab. Ist die Bewegung tot?

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Aus Hongkong berichtet Katharin Tai


Im Hongkonger Einkaufsviertel Mong Kok blinkt es an jeder Hauswand. Doch zwischen den bunten Lichtern der Geschäfte kann man Abend für Abend noch Banner wie dieses sehen: "Ich will echte Demokratie!", steht in schwarzen chinesischen Zeichen auf gelbem Grund. Ein Grüppchen von Aktivisten hat daneben Tische aufgestellt. Sechs, sieben Männer und Frauen. Sie wollen reden. Über Bürgerrechte, über Freiheit.

Doch der Kampf ist mühsam geworden. Die Flughafenangestellte Micky, Ende 30, ist fast jeden Abend hier. Wie lange schon, weiß sie genau: "1152 Tage" - mehr als drei Jahre. Damals, im Herbst 2014 gingen Hunderttausende in Hongkong auf die Straße, gegen die zunehmenden Einmischungen aus Peking in die Politik der autonomen Stadt, für "echte Demokratie". Sie verwandelten die Häuserschluchten in ein Meer aus gelben Plakaten und Bannern. Die Regenschirme, mit denen sich die Demonstranten gegen das Tränengas der Polizei schützten, wurden zum Markenzeichen der Bewegung. Hongkong, das war in diesen Tagen die Stadt des Mutes.

Aktivisten in Mong Kok
Katharin Tai

Aktivisten in Mong Kok

Ein Passant schiebt sein Fahrrad durch Mong Kok. Vorbei am Stand der Aktivisten. Als ihm jemand aus der Gruppe einen Flyer in die Hand drücken will, sucht er schnell das Weite. So geht das meistens. In all den Jahren habe sie nur wenige Menschen für die eigene Sache gewinnen können, sagt Micky bedrückt. "Vielleicht zehn. Großzügig geschätzt."

Die Aktivistin und ihre wenigen Mitstreiter wollen nicht aufgeben. Sie waren Teil einer Massenbewegung, die einmal die Revolution wollte, die fast drei Monate lang mit Zelten eine wichtige Verkehrsader im Zentrum der Metropole lahmlegte, die sich "Occupy Central" nannte - "Besetzt Central", das Banken- und Verwaltungsviertel. Geblieben ist ein müder Rest, Leute wie Micky, ein paar Menschen auf Plastikhockern.

Oder?

Hongkongs Freiheiten

Hongkong hat Rechte und Freiheiten, die es sonst nirgendwo in der Volksrepublik gibt. Als Großbritannien vor mehr als 20 Jahren seine einstige Kronkolonie zurück in die Hände der Chinesen gab, stellte London Bedingungen. Hongkong ist seither Sonderwaltungszone, hat ein eigenes Parlament, ist juristisch unabhängig. Theoretisch.

2014 beschloss Peking, dass die Hongkonger ihren Verwaltungschef zwar wählen dürfen, die Kandidaten aber von der chinesischen Regierung festgelegt werden. Als die Bevölkerung dagegen aufbegehrte, war das eine Provokation für den Staat, der offenen Protest nicht gewohnt ist. Peking ging mit Schlagstöcken und Pfefferspray gegen Demonstranten vor - begann jedoch erst nach Wochen mit der Räumung des Zeltlagers im Zentrum. Da war die revolutionäre Stimmung bereits wieder abgeebbt.

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Hongkong: Gelb war die Hoffnung

Seither ist es schwer geworden, Widerstand zu organisieren, die Bevölkerung noch einmal zu motivieren. Ist die Bewegung tot?

Die Stars der Bewegung

Zuletzt waren sie plötzlich wieder da, die einstigen Stars der Bewegung: Die Medien berichteten. Über Joshua Wong zum Beispiel, den prominentesten Occupy-Aktivisten. Wong hatte es einst bis auf das Cover des "Time"-Magazins geschafft. Im Sommer verurteilte Wong ein Gericht, weil er bei den Regenschirm-Demonstrationen das Protestcamp nicht räumen wollte. Am Dienstag hob das Oberste Berufungsgericht die Haftstrafe auf. Ob Wong doch wieder zurück ins Gefängnis muss, ist allerdings unklar. Mitte Januar war er in einem weiteren Verfahren zu drei Monaten Haft verurteilt und kam nur gegen Kaution frei.

Noch immer zieht Wong weltweit Aufmerksamkeit auf sich. Mehrere Mitglieder des US-Kongresses nominierten den heute 21-Jährigen nun für den Friedensnobelpreis - genauso wie zwei seiner früheren Mitstreiter: Nathan Law und Agnes Chow.

Die beiden gehörten ebenfalls zur Spitze der Bewegung. Nach dem Ende der Proteste gründeten sie mit Wong zunächst ihre eigene Partei: "Demosisto". Sie scheiterten an der chinesischen Übermacht. Nathan Law schaffte es 2016 zwar ins Hongkonger Parlament, ein Gericht entschied jedoch, er und einige andere hätten ihren Amtseid nicht glaubwürdig abgelegt. Law musste im vergangenen Sommer abtreten.

Joshua Wong
REUTERS

Joshua Wong

Am 11. März stehen nun die Nachwahlen für die freien Sitze im Parlament an. Auch Agnes Chow ließ sich für die Abstimmung aufstellen. Doch am 29. Januar gab die Wahlkommission bekannt, die 21-Jährige werde von der Abstimmung ausgeschlossen. Sie sei ungeeignet, da sie sich für die Unabhängigkeit von China eingesetzt hatte.

Das System hält die einstigen Anführer des Widerstands klein.

Wo ist die Masse?

Doch was ist mit denen, die ihnen vor drei Jahren gefolgt waren? Was ist mit der Masse? "Seit Occupy habe ich gelernt, dass es keine Grenzen dafür gibt, wie enttäuscht ich von meiner eigenen Regierung sein kann," sagt die 36-jährige Daisy. Während der Proteste hatte sie fast jede Nacht im Zeltlager verbracht. Jetzt sitzt sie im Fotostudio ihres Freundes in einem alten Fabrikgebäude unter einem Bob-Marley-Poster. Das Schicksal ihrer Mitstreiter von damals verfolgt sie inzwischen von zu Hause. Daisy ist ratlos. Wie es weitergehen soll - sie weiß es nicht.

Die Peking-treue Regierung in Hongkong kann sich ihrer Mehrheit im Grunde sicher sein. Von den kleinen Protesten, die es ab und an noch gibt, hält Daisy nichts. Sie resigniert: "Wenn Occupy die Regierung nicht einmal dazu bringen konnte, mit uns zu verhandeln, was dann?" Daisy hat seit 2014 nie wieder an einer Demonstration teilgenommen.

Ein Funken Hoffnung

Nur wenige haben noch Hoffnung. Benny Tai ist so einer. Der Juraprofessor hatte lange vor den Protesten dazu aufgerufen, einen Teil des Hongkonger Zentrums zu besetzen und die Regierung zu Zugeständnissen zu zwingen. Tai versteht sich immer noch als Teil der Demokratiebewegung. In einem schmalen Büro voller Bücher referiert er über politische Forschung zu sozialem Wandel, geduldigem Warten und strategischem Wählen.

Benny Tai
Katharin Tai

Benny Tai

Jungen Leuten, die sich über den fehlenden Fortschritt nach Occupy ärgern, wirft Tai Unreife vor: "Es geht nicht darum, etwas Konkretes während meiner Lebenszeit zu erreichen", sagt er. "Wenn Hongkong erst demokratisch wird, wenn Joshua Wong so alt ist wie ich, ist das trotzdem ein Sieg."

Wissenschaftler Tai will das existierende System von innen verändern. Die Proteste hätten deutlich gemacht, dass viele Menschen bereit seien, für die Demokratie zu kämpfen. Eine offene Einmischung Pekings in die Hongkonger Politik könnte genau der Funken sein, der neue Proteste auslöst, hofft Tai.

Doch als sich wenig später die Nachricht verbreitet, dass Agnes Chow nicht zur Wahl antreten darf, bleibt der große Aufschrei aus.

Im Viertel Mong Kok aber machen sie einfach weiter mit dem Kampf für Demokratie und Freiheit. Sie sprechen Passanten an, verteilen Flyer - egal, wie viele kommentarlos vorbeigehen. Aktivistin Micky will auch kleine Ketten unters Volk bringen. Ketten, die ein Symbol zeigen - das Zeichen des Widerstands: den Regenschirm.



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