Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Howard Deans Comeback: Suche nach dem Erlöser

Von , New York

Der US-Demokrat Howard Dean, dessen Präsidentschafts-Ambitionen voriges Jahr im grellen Urschrei erstarben, taucht plötzlich wieder aus der politischen Versenkung auf: Er soll den Vorsitz der demoralisierten Partei übernehmen.

Demokrat Dean: "Lebhafte, zukunftsweisende, ausdauernde Präsenz"
AP

Demokrat Dean: "Lebhafte, zukunftsweisende, ausdauernde Präsenz"

New York - Sein Comeback inszenierte Howard Dean mal wieder ganz nach Stil - per E-Mail. "Die Demokratische Partei", schrieb er kürzlich in einer "persönlichen" Message an seine verbliebenen Gefolgsleute, "braucht eine lebhafte, zukunftsweisende, ausdauernde Präsenz." Mit anderen Worten: "Hiermit melde ich meine Kandidatur für den Parteivorsitz an."

Lebhaft und ausdauernd, in der Tat. Dean - der voriges Jahr zuerst seine eigenen Aspirationen aufs Weiße Haus brutal scheitern sah und anschließend aus dem Off auch die Hoffnungen seines Parteirivalen John Kerry und mit ihm der gesamten Linken der USA - gibt nicht auf. Nachdem er sich mit einem öffentlichen Wutanfall aus dem Vorwahlkampf verabschiedet hatte, ging der Ex-Gouverneur von Vermont lange auf Tauchstation. Doch plötzlich ist er wieder in aller Munde - und wie immer vor allem dank geschickter Selbstvermarktung.

Seine einst bahnbrechende Wahl-Website "Howard Dean for America", nach dem Vorwahl-Flopp des Super Tuesday zum tristen Blogger-Treff "Democracy for America" verkümmert, strahlt inzwischen in neuer Pracht - und alter Unbescheidenheit: "Howard Dean, DNC Chairman 2005." Parteichef Dean - wieder so eine Fantasie des verrückten Vermonters, der zuletzt nur noch zum Gespött der Medien und der eigenen Polit-Freunde geworden war?

Was ist schief gelaufen?

Dean: Aussichtsreichster Kandidat für den heißen Stuhl
AP

Dean: Aussichtsreichster Kandidat für den heißen Stuhl

Mitnichten. Ende der Woche treffen sich in Washington die 447 Mitglieder des Democratic National Committee (DNC), der demokratischen Parteiführung, um einen neuen Vorsitzenden zu wählen, als Nachfolger des abdankenden Terry McAuliffe. Aussichtsreichster Kandidat für den heißen Stuhl: der umstrittene Linksaußen Dean.

Deans Aufstieg an die Spitze der Partei, die ihn nach seinem Brüller-Fauxpas noch so gnadenlos als unberechenbaren Hitzkopf abserviert hatte, ist längst nur noch eine Formalität. "Es ist ein fait accompli", sagte der einflussreiche Gewerkschaftler Gerald McEntee, der Dean selbst früher einmal "bekloppt" genannt hatte, der "New York Times". Auch McAuliffe hat ihm bereits schon über einem Dinner gratuliert - auf seine Weise: "Du wirst ein menschlicher Hydrant werden. Du wirst an jeder Niederlage Schuld haben. Du wirst dir keinen Sieg anrechnen lassen können."

Dass Dean so schnell "aus der Asche von '04" ("New York Times") wiederauferstanden ist, das sagt viel über den Zustand der Partei nach der Wahl-Niederlage vom November. Die US-Demokraten treten in diesen Tagen meist als ein verunsichertes, zielloses Häuflein auf. Die Wunden der Wahl sind kaum verheilt, viele können es immer noch nicht fassen, geschweige denn sich einen Reim auf das ganze Debakel machen. "Wir alle haben unsere Gedanken, doch es gibt keinen Konsens, was da wirklich passiert ist", klagt Harry Reid, der neue Oppositionsführer im Senat, über den Wahl-Schock. "Es ist nicht einfach, das zu kapieren."

Was ist schief gelaufen? Wie hatte man sich so verkalkulieren können? Und vor allem: Was nun? War der angebliche moralische Rechtsruck des Landes schuld, jene erste, vorschnelle Instant-Interpretation nach der Niederlage? Müssen die Demokraten künftig mehr beten und laut von Gott reden, wie Hillary Clinton es plötzlich tut? Oder waren es die Zeiten von Krieg und Terror, denen sie nach Ansicht ihres scheidenden Chefs McAuliffe einfach nichts entgegenzusetzen haben? War es ein zu verquastes Parteiprogramm ohne Tiefe, wie Senator Charles Schumer glaubt? War es der sperrige Kandidat Kerry? War es die überwältigende Propaganda- und Mobilisierungsmaschine des Gegners?

Lockende Internet-Präsenz

"Erlöser" Dean: Auferstanden aus der Asche
AP

"Erlöser" Dean: Auferstanden aus der Asche

Fragen über Fragen, ohne eine Antwort in Sicht. Eine tiefe Sinnkrise hat die Partei erfasst, und so gerät die Wahl des neuen Vorsitzenden, sonst hierzulande ein stiller Routineakt, zur Suche nach einem "Erlöser" ("Business Week"). Denn es geht um die Zukunft der Linken - und der ganzen Nation. Der Wahlkampf für die Kongresswahlen 2006 hat inoffiziell längst begonnen, die ersten Vorbeben der Präsidentschaftswahl 2008 sind auch schon zu spüren. (Hillary? Kerry II? Dean II? Barack Obama?) Derweil zementieren die Republikaner munter ihre Mehrheit, und Präsident George W. Bush schreibt mit der Steuer- und der Rentenreform erzkonservative Geschichte, die auch mit einem Machtwechsel so schnell nicht mehr umzuschreiben wäre.

Perfektes Timing also für einen "Dean ex machina". Seine politische Läuterung orchestrierte der genau so wie voriges Jahr seine überraschenden Vorwahl-Triumphe: als ein Underdog, der jedoch perfekt versteht, wie er sich Geld und Stimmen sichert. Deans Kampagne für die Parteiführung verlief lange still und hintergründig, er ließ andere reden, während er die Grassroots massierte, jene Basis, die ihm, anders als die Partei-Prominenz, bis heute die Stange gehalten hat.

Er klapperte die kommunalen Parteiverbände ab. Er rief jeden Funktionär persönlich an. Er beteuerte, dass sein Image vom unorthodoxen Erzliberalen ein Zerrbild sei. Er versprach den darbenden Landesfürsten mehr Geld für ihre Basisarbeit. Er lockte mit seiner bis heute mächtigen Internet-Präsenz, mit seinen finanziellen Connections und seiner jugendlichen, frischen, enthusiastischen Gefolgschaft, die die Partei verjüngen werde. Und so berichtete Deans Website fast tägliche neue "Endorsements" für seinen Parteivorsitz.

Keine neue Präsidentschaftskandidatur

Dean und seine Frau Judey: "Ein Schwall neuer Online-Registrierungen"
REUTERS

Dean und seine Frau Judey: "Ein Schwall neuer Online-Registrierungen"

Vorvergangenen Sonntag trat Dean in Manhattan überraschend vor hunderten Mitgliedern der Dienstleistungsgewerkschaft SEIU auf. Unter lautem Jubel geblobte er ihnen ewige Treue. Als sich herumsprach, wer der Redner war, wurde der Andrang so groß, dass die Veranstalter die Klappstühle wegräumen mussten, um mehr Stehplatz zu schaffen. Tags darauf vermeldete Deans Organisation "einen Schwall neuer Online-Registrierungen".

Von den sechs weiteren Herren, die sich anfangs um den Job beworben hatten, ist heute noch einer übrig: der durch den 9/11-Ausschuss profilierte Ex-Abgeordnete Tim Roemer. Doch dessen Rückhalt ist schwach. So freuen sich auch die Republikaner schon auf den neuen, alten Gegner Dean - und sparen nicht an Wortwitz. Dean werde die "schlimmsten Instinkte" der Demokraten herauskitzeln, hofft der republikanische Ex-Parteichef Richard Bond: "Es ist zum Brüllen."

Howard Dean nimmt derlei Spott mit Humor. Seine Kandidatur versüßt er mit einem Extra-Bonus: Sollte er Parteivorsitzender werden, so schwört er, werde er beim nächsten Mal von einer Präsidentschaftskandidatur absehen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: