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Syrien: Assads Bulldozer als Kriegswaffen

Von Ulrike Putz und

Zerstörungen in Hama: "Absichtliche Zerstörung von zivilem Eigentum" Zur Großansicht
AP/Human Rights Watch

Zerstörungen in Hama: "Absichtliche Zerstörung von zivilem Eigentum"

Syriens Regime hat als Kollektivstrafe offenbar Tausende Wohngebäude dem Erdboden gleichgemacht. Das belegten Vorher-Nachher-Satellitenfotos, die Human Rights Watch ausgewertet hat. Die Zerstörungen seien ein Fall für den Internationalen Strafgerichtshof.

Beirut/Hamburg - Das syrische Regime soll völkerrechtswidrig Tausende private Wohngebäude zerstört haben, um die Bewohner für ihre Unterstützung der syrischen Rebellen zu bestrafen. Diesen Vorwurf erhebt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) in einem neuen Report.

Die Menschenrechtler haben dafür Satellitenbilder untersucht, die zwischen Juli 2012 und Juli 2013 von sieben verschiedenen Stadtvierteln in Hama und Damaskus aufgenommen wurden. Zusätzlich wertete HRW ins Internet gestellte Videos und Berichte von Augenzeugen der Zerstörung aus.

Die Rechercheure kommen zu dem Schluss, dass die Abrissarbeiten in Syrien meist von Bulldozern vorgenommen wurden. Immer wieder seien auch komplette Apartmentblocks gesprengt worden. Die Zerstörung von mindestens 145 Hektar Wohnbebauung - das entspricht etwa 200 Fußballfeldern - habe dokumentiert werden können. Die abgerissenen Häuser seien bis zu acht Stockwerke hoch gewesen.

HRW mahnt, dass die "absichtliche Zerstörung von zivilem Eigentum" und die kollektive Bestrafung von ganzen Bevölkerungsgruppen Kriegsverbrechen darstellen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen müsse deshalb den Internationalen Gerichtshof mit der Untersuchung der Zerstörungen beauftragen. HRW forderte die syrische Regierung auf, den Abriss von Wohnungen sofort einzustellen und die Besitzer von zerstörtem Wohnraum zu entschädigen.

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Mezze, Damaskus: Auf dem Foto vom 4. Februar 2013 sind Dutzende Wohn- und Geschäftshäuser entlang dieser Hauptstraße in einem Vorort von Damaskus zu sehen. Fünf Monate später, am 1. Juli 2013, sind von vielen Häusern nicht einmal mehr Ruinen übrig geblieben. Der Gouverneur des Umlands von Damaskus, Hussein Machluf, gab in einem Interview sogar offen zu, dass die Sicherheitskräfte mutwillig Häuser zerstörten. Die Zerstörung sei im Kampf gegen die Rebellen notwendig gewesen.

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Tadamun, Damaskus: Auf dem Bild vom 16. Juli 2012 sind mehrere sechsstöckige Wohngebäude zu sehen, eines steht nach Artilleriebeschuss in Flammen. Auf dem Foto vom 22. September 2012 ist erkennbar, dass die Häuser nicht mehr stehen. Nach HRW-Angaben sind sie kontrolliert gesprengt worden.

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Masha al-Arbain, Hama: Die beiden Aufnahmen vom 28. September und 13. Oktober 2012 zeigen, dass innerhalb von nur zwei Wochen in diesem Stadtteil Hunderte Gebäude dem Erdboden gleichgemacht wurden. Zunächst habe die syrische Armee das Viertel mit Artillerie beschossen. Nach dem Ende der Kämpfe seien dann Bulldozer angerollt, die komplette Straßenzüge niederwalzten.

Das syrische Regime von Baschar al-Assad gab gegenüber HRW an, es seien nur Gebäude zerstört worden, die ohne die nötigen Genehmigungen errichtet worden seien. HRW-Sprecher Ole Salvang widersprach dieser Darstellung entschieden: "Es ist doch absurd zu glauben, dass das Regime inmitten eines blutigen militärischen Konflikts Stadtplanung vornimmt. Das ist eine kollektive Bestrafung."

Ähnlich äußerten sich zahlreiche Augenzeugen gegenüber den Menschenrechtlern. Sie haben angegeben, dass die Zerstörungen meist von Armee-Einheiten durchgeführt worden seien. Damit habe die Bevölkerung bestraft werden sollen, die sich auf die Seite der Opposition geschlagen hatte. Nach Angaben von HRW habe es in Wohngegenden, die dem Regime gegenüber loyal sind, keine vergleichbaren Zerstörungen gegeben.

Die Vorwürfe kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Konfliktparteien in Genf um eine Lösung des Konflikts in Syrien ringen. Der Uno-Sonderbeauftragte für Syrien, Lakhdar Brahimi, sagte am Mittwoch, er erwarte nicht, dass die am Freitag endende erste Runde der Friedensgespräche substantiellen Fortschritt erzielen werde. Die Kluft zwischen den Vertretern des Regimes und der Opposition sei immer noch "recht groß".

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1. --
king_pakal 30.01.2014
Zitat von sysopAP/Human Rights WatchSyriens Regime hat als Kollektivstrafe offenbar Tausende Wohngebäude dem Erdboden gleichgemacht. Das belegten Vorher-Nachher-Satellitenfotos, die Human Rights Watch ausgewertet hat. Die Zerstörungen seien ein Fall für den Internationalen Strafgerichtshof. http://www.spiegel.de/politik/ausland/hrw-bericht-syriens-armee-hat-mit-bulldozern-tausende-haeuser-zerstoert-a-950202.html
Aber nur dann wenn auch andere Staaten für die Zerstörung der von ihnen besetzten Gebieten verantwortlich gemacht und bestraft werden. Ansonsten ist ISGH eine Theaterveranstaltung. Ünrigens: wird ISGH von den USA akzeptiert?
2. Wie albern
erasmus89 30.01.2014
Mein Gott, wie albern sich HRW hier verhält. Nur anhand von Satellitenfotos lässt sich gar nichts spezifizieren. Wer aber die Zustände am Boden kennt, der kann es absolut nachvollziehen, dass die die zerschossenen und baufälligen Gebäude natürlich abgerissen werden müssen. Außerdem ist es natürlich logisch, dass die Städteplanung nun anders vorgenommen werden wird, um bereits für zukünftige Guerilla-Kriege gewappnet zu sein.
3. Zumindest im Propagandakrieg siegt Syrien mühelos
edmond_d._berggraf-christ 30.01.2014
Seit der englischen Gräuelpropaganda im Vierjährigen Krieg ist es üblich geworden den Gegner zum Inbegriff des Bösen zu machen, der natürlich kein Recht hat sich zur Wehr zu setzen und sich bestenfalls noch ergeben darf, um dann nach einem feierlichen Schauprozesspopanz hingerichtet zu werden; während man selbst seine sehr schnöden Ziele zum selbstlosen Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit erklärt. Dem ist auch Syrien zum Opfer gefallen, doch gibt es heute das Zwischennetz und Funktelefone mit Aufnahmefunktion; und diese beiden Dinge in den Händen der Aufständischen bewirken, daß die syrische Regierung mühelos den Propagandakrieg gewinnt, weil sich so die Rebellen beim Plündern, Foltern und Morden filmen und diese Aufnahmen ins Zwischennetz stellen, wo jedermann dann sehen kann wie z. B. ein Rebellenbefehlshaber die Herzen von Regierungssoldaten verspeist; was natürlich dazu führt, daß das Volk keine Lust hat für die Rebellen in den Krieg zu ziehen oder diesen Waffen zu liefern. Im Übrigen bin ich dafür, daß der Euro zerstört werden muß!
4.
heiko1977 30.01.2014
Zitat von sysopAP/Human Rights WatchSyriens Regime hat als Kollektivstrafe offenbar Tausende Wohngebäude dem Erdboden gleichgemacht. Das belegten Vorher-Nachher-Satellitenfotos, die Human Rights Watch ausgewertet hat. Die Zerstörungen seien ein Fall für den Internationalen Strafgerichtshof. http://www.spiegel.de/politik/ausland/hrw-bericht-syriens-armee-hat-mit-bulldozern-tausende-haeuser-zerstoert-a-950202.html
Äh bitte was? Also die Zerstörung von Häusern ist ausd er Sicht von HRW ein Fall für den Internationalen Strafgerichtshof, war da nicht mal ein anderer Staat in der Region der diese Taktik ebenfalls praktizierte? Kam der auch vor den ISG? Nein, nicht? Warum dann Syrien?
5. lächerlich
haajan 30.01.2014
Wenn ich mir so manche Bilder anschaue sind die Häuser nach den Kämpfen sowieso nicht mehr bewohnbar. Und das zerstören der Ruinen hat auch einen militärischen Sinn. Die Rebellen und Terroristen können sich nun nicht mehr dort verschanzen. Keine Deckung bedeutet das die Rebellen keine Möglichkeit haben vorzurücken. Der Vorwurf das als Bestrafung zu machen ist mehr als lächerlich. http://www.youtube.com/watch?v=1lQJ8dMOvqk Die ersten 30Sekunden reichen um zu erkennen das in den Häusern keiner mehr wohnen kann... Ich sehe hier nur eine weiteren Versuch die Assad Regierung als minderwertig darzustellen.
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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