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Blutbad in Hula: Offizier macht Assads Miliz für Massaker verantwortlich

Baschar al-Assad bestreitet jede Beteiligung an dem Massaker an Zivilisten in der Stadt Hula. Die Uno glaubt dem Diktator nicht. Ein syrischer Offizier schildert nun als Augenzeuge die Gräueltaten: Maßgeblich beteiligt gewesen seien die Schabiha-Milizen - die treuen Schlägerbanden des Despoten.

Massaker von Hula: Assads Todesschwadronen Fotos
REUTERS/ Shaam News Network

Damaskus - Syriens Diktator Baschar al-Assad hat gerade erst wieder bestritten, dass sein Regime für das Massaker an Zivilisten verantwortlich ist, das sich vor neun Tagen im syrischen Ort Hula ereignet hat. Über hundert Menschen kamen dort ums Leben, fast die Hälfte von ihnen Kinder. Bei seiner ersten Rede seit dem Gewaltexzess vor einer Woche sagte Assad vor dem neuen Parlament, nicht einmal "Monster" würden ein solch grausames Verbrechen begehen.

Für die Gewalt in Syrien machte Assad erneut vermeintliche Terroristen sowie andere Länder verantwortlich. Ausländische Regierungen verfolgten einen "Plan der Zerstörung" seines Landes, sagte er. Syrien befinde sich in einem "vom Ausland aus geführten echten Krieg".

Augenzeugen dagegen stellen den Hergang des Massakers völlig anders dar - die Uno hat Assads Regime schon vor Tagen explizit und mit scharfen Worten für die Gräueltaten in dem Ort verantwortlich gemacht. Nun zitiert der britische "Observer" einen ehemaligen Major der syrischen Armee, der das Massaker miterlebt haben soll. Bis zu diesem Zeitpunkt sei er ein loyaler Soldat in Assads Armee gewesen, berichtet die Zeitung. Nach seinen Erlebnissen in der Nähe von Hula sei der Major jedoch desertiert.

"Ich habe so etwas zum ersten Mal gesehen"

"Man hat uns immer erzählt, dass bewaffnete Gruppen die Menschen töteten und die Freie Syrische Armee (FSA) Häuser anzündet", zitiert der "Observer" den ehemaligen Offizier, "man hat uns angelogen. Ich habe jetzt mit eigenen Augen gesehen, was sie getan haben." Es sei ihm schon vorher bewusst gewesen, dass das Regime lüge, aber "ich war noch nie den Auswirkungen ausgesetzt. Ich habe so etwas zum ersten Mal gesehen."

Bis zum vergangenen Samstag tat Major Dschihad Raslan demnach auf einer Raketenbasis im strategisch wichtigen Hafen von Tartus Dienst, gut 70 Kilometer westlich von Hula. Mit dem Kampf gegen die Aufständischen hatte er selbst bis dahin nicht zu tun gehabt. Am Tag des Massakers jedoch war er auf Heimaturlaub im Dorf Taldus bei Hula. Er sei vor Ort gewesen, als gegen ein Uhr mittags der Granatbeschuss begann. Anschließend seien Milizionäre in Zivil in den Ort gekommen, in Autos, Armeelastern und auf Motorrädern. "Viele von ihnen waren kahlköpfig und viele trugen Bärte", sagte Raslan dem "Observer". "Viele trugen weiße Sportschuhe und Armeehosen. Sie riefen: 'Schabiha auf ewig, für deine Augen, Assad.'" Es sei offensichtlich gewesen, "wer sie waren". Weiße Sportschuhe statt Militärstiefeln gelten als ein Markenzeichen der Schabiha-Schläger.

"Teils durch Schüsse, teils mit Messern und Bajonetten"

In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" zeichnet die im Exil lebende Schriftstellerin Samar Yazbek den Hergang des Massakers nach: "Diese Bewaffneten gingen nun in die Häuser und töteten dort eine Familie nach der anderen, teils durch Schüsse, teils mit Messern und Bajonetten." Die Mörder hätten auch die Familien verfolgt und getötet, die vor dem Granatbeschuss in die Felder geflüchtet seien. "Die meisten von ihnen waren Kinder, Frauen und Alte."

Die Schabiha-Milizen sind Banden von Schlägern, die etwa der syrische Journalist Yassin al-Hadsch Salih als "vergleichbar mit Mafia-Organisationen" bezeichnet. Sie existieren bereits seit den siebziger Jahren und bestehen überwiegend aus Angehörigen der alawitischen Minderheit, zu der auch die Familie von Assad zählt. Die Cousins des Präsidenten, Fawas al-Assad und Mundhir al-Assad, gelten als hochrangige Schabiha-Funktionäre. Wegen "Beteiligung am Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung als Teil der Schabiha-Miliz" hat die EU schon im Mai 2011 ein Einreiseverbot gegen die beiden verhängt.

Auch die oberen Ränge des regimetreuen Militärs sind oft mit Alawiten besetzt, während die Mannschaftsdienstgrade sich überwiegend aus Sunniten rekrutieren. Salih zufolge zählten zu den Aktivitäten der straff organisierten Schabiha-Schlägertrupps beispielsweise Schmuggel und Schutzgelderpressung. Sie hätten sich stets bester Beziehungen zum Regime und den Behörden erfreut.

Nun wirken die Schabiha als Schläger- und Mördertrupps des Regimes, die den Widerstand in der Bevölkerung brechen sollen. Der Ursprung des Begriffs Schabiha ist unklar - er könnte eine Ableitung des arabischen Wortes für Geist sein, oder aber von dem Wort schabah hergeleitet sein, mit dem in der arabischen Welt S-Klasse-Limousinen von Mercedes bezeichnet werden, die auch bei den Schabiha-Anführern beliebt sind.

In einem Video aus dem Frühjahr 2011 posieren Schabiha-Schläger, präsentieren ihre Muskeln und Waffen. Ein Mann, der das Konterfei von Baschar al-Assad als Tätowierung auf dem Bizeps trägt, wird darin als Arin al-Assad identifiziert - ein Mitglied des Clans des Diktators.

Kombination von brutaler Kraft und blinder Loyalität

Der britische "Telegraph" zitiert einen Arzt aus dem Küstenort Latakia, etwa 90 Kilometer von Tartus, mit einer Beschreibung, die gut zu den Videobildern passt. Die Schabiha-Milizionäre, die er habe behandeln müssen, hätten ausgesehen "wie Monster". "Sie hatten riesige Muskeln, dicke Bäuche, große Bärte. Sie waren alle sehr groß und furchteinflößend und nahmen Steroide, um ihre Körper aufzupumpen. Ich musste mit ihnen reden wie mit Kindern, weil die Schabiha Menschen mit niedriger Intelligenz schätzt. Das ist es aber, was sie so furcherregend macht - die Kombination von brutaler Kraft und blinder Loyalität zum Regime."

Ex-Major Raslan berichtete dem "Observer", die Milizionäre hätten etwa 300 Meter von seinem Haus entfernt mit dem Töten von Menschen begonnen. Nach etwa 15 Minuten seien die Mörder in andere Teile der Ortschaft weitergezogen, wo sie bis in die frühen Morgenstunden des Samstags hinein weiter töteten und zerstörten.

"Die Opfer, die sie abschlachteten, waren Menschen, die ich gut kannte", sagte Raslan der Zeitung. "Ich kannte diese Kinder persönlich. Ich habe mit ihren Familien gegessen. Ich war gesellschaftlich mit ihnen verbunden. Das Regime kann über diese Leute nicht lügen, darüber, wer sie waren, und was man ihnen angetan hat. Es war ein brutaler Akt des Regimes gegen Menschen, die für die Revolution waren."

Nach dem Massaker hätten die Desertionen aus der syrischen Armee zugenommen, sagte Raslan dem "Observer". Das Militär habe jedoch alle Urlaubsansprüche gestrichen, schon am Tag nach dem Massaker seien nahe Hula fünf Soldaten beim Versuch, zu desertieren, erschossen worden. Viele wollten fliehen, sagte er, aber das sei "jetzt ein sehr ernstes Risiko".

"Alawiten leben in Furcht vor Racheakten"

Der "Observer" zitiert einen weiteren, ungenannten ehemaligen Offizier der syrischen Arme aus Hula mit den Worten, das Massaker habe viele Militärangehörige umgestimmt. Um Hula herum seien jedoch kaum sunnitische Soldaten eingesetzt, "dort sind sie alle Alawiten, die Offiziere und die Soldaten. Viele der Schabiha in Syrien kommen von dort. Die desertieren nicht." Die alawitische Minderheit und insbesondere die Schabiha-Milizionäre fürchteten einen Regimewechsel, sagte der auf den Nahen Osten spezialisierte Wissenschaftler Joshua Landis von der University of Oklahoma dem britischen "Telegraph": "Die Alawiten leben in Furcht vor Racheakten, falls die Regierung stürzt." Und diese Furcht sei "vermutlich ziemlich begründet".

Der Granatbeschuss gegen Hula ist seit dem Massaker weitergegangen. Raslan zufolge glauben die Einwohner, dass die Kräfte des Regimes gezielt die Häuser beschießen, in denen Massaker verübt wurden: "Sie wollen die Beweise zerstören. Sie wollen die Zeugen töten."

cis

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1. Bis zuletzt werden sie Verbrechen verüben...
abc-xyz 03.06.2012
Die Shabiha Milizen sind die eigentlichen Ausführer der Assad Greueltaten. Diese Schläger- und Mördertruppe kann man mit der Dirlewanger Division aus dem 2. Weltkrieg oder den serbischen Paramilitärs unter Arkan vergleichen. Ein grausamer Haufen, der sich aus den niedersten Gefilden rekrutiert, wobei weitgehend aus der alawitischen Glaubensgemeinschaft stammend. Dieser Haufen schert sich auch nicht sonderlich um irgendwelche Resolutionen oder Verurteilungen im Ausland. Denen geht es nur um Brandschatzen und Plündern. Einen Frieden mit der Opposition können sie nicht wollen und einen Regime Change werden sie bis zuletzt bekämpfen, da sie aller Wahrscheinlichkeit nach dann selber von den Bäumen und Kränen hängen werden. Es ist auch diese Truppe, die mir sagt, dass jede Art von Verhandlung Zeitverschwendung ist, denn mit jedem Tag werden sie nur noch mehr Menschen umbringen und Massaker verüben.
2. Man
widerspruchsgeist 03.06.2012
kann durchaus darüber streiten, ob eine evtl. Machtüber-rahme durch die Rebellen für das Land wirklich ein unein-geschränkter Segen wäre. Klar ist auch, dass nicht nur Russland - und wahrscheinlich in geringerem Umfang auch China - sondern auch der Westen und besonders die USA hier eigene Interessen verfolgen. Daran, dass es sich bei dem gegenwärtig herrschenden Regime um eine Mörderbande übelster Art handelt, kann jetzt aber wohl nicht mehr gezweifelt werden.
3. Die UNO glaubt dem Diktator nicht?
!!# 03.06.2012
Zitat von sysopREUTERS/ Shaam News NetworkBaschar al-Assad bestreitet jede Beteiligung an dem Massaker an Zivilisten in der Stadt Hula. Die Uno glaubt dem Diktator nicht. Ein syrischer Offizier schildert nun als Augenzeuge die Gräueltaten: Maßgeblich beteiligt gewesen seien die Shabiha-Milizen - die treuen Schlägerbanden des Despoten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836692,00.html
1- Die UNO glaubt dem Diktator nicht? Geht es hier um Glauben oder Wissen? 2- Das angebliche Massaker in Hula könnte als Grund einer westlichen Invasion benutzt werden. Aus diesem Grund wäre es äußerst wichtig, wenn der Zeuge namentlich bekannt gemacht worden wäre. Ansonsten tappen wir alle in der Dunkelheit.
4. Logik
mr_supersonic 03.06.2012
Zitat von sysopREUTERS/ Shaam News NetworkBaschar al-Assad bestreitet jede Beteiligung an dem Massaker an Zivilisten in der Stadt Hula. Die Uno glaubt dem Diktator nicht. Ein syrischer Offizier schildert nun als Augenzeuge die Gräueltaten: Maßgeblich beteiligt gewesen seien die Shabiha-Milizen - die treuen Schlägerbanden des Despoten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836692,00.html
Eben deswegen verstehe ich nicht, warum es noch Menschen und Staaten gibt die gegen einen Einmarsch der NATO und UNO in Syrien sind. Eigentlich müssten die Alawiten eine UNO-Schutztruppe herbeisehnen. Stattdessen wird Hula von Assads Armee eingeäschert.
5. Wir werden die Wahrheit
Liberalitärer 03.06.2012
nicht erfahren. Alles vom Hörensagen eines Ex-Majors. Und ein sehr polemischer Unterton gegen eine religiöse Minderheit, die zu einer Schlägerbande mutiert. Der Autor müsste zumindest einen Ex-Offizier als Ex-Offizier kennzeichnen. Ob die Geschichte stimmt? Ist doch niemand vor Ort und Hörensagenbeweise, nun - nicht wirklich aussagekräftig.
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