Menschenrechtsbericht Nato soll in Libyen 72 Zivilisten getötet haben

Die Nato soll in Libyen mindestens 72 Zivilisten getötet haben, darunter 20 Frauen und 24 Kinder. Zu diesem Ergebnis kommt ein neuer Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Sie fordert eine Entschuldigung der Nato.

Rauch über Tripolis im Juni 2011: Human Rights Watch untersucht Nato-Luftangriffe
ASSOCIATED PRESS

Rauch über Tripolis im Juni 2011: Human Rights Watch untersucht Nato-Luftangriffe


Hamburg - Bei Luftangriffen der Nato im Frühjahr 2011 auf Libyen sollen mindestens 72 Zivilisten ums Leben gekommen sein. Zu diesem Ergebnis kommt die in New York ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in einem neuen Bericht. Die Organisation fordert die Nato auf, die Vorfälle zu untersuchen.

"Die Nato hatte wichtige Schritte unternommen, um die Zahl der zivilen Opfer in Libyen möglichst gering zu halten. Sie muss nun informieren und untersuchen, wie es dazu kommen konnte, dass 72 Zivilisten gestorben sind", sagte Fred Abrahams, einer der Autoren des Berichtes am Montag. "Angriffe sind nur auf militärische Ziele erlaubt und es bleiben ernste Fragen bei einigen der Angriffe, warum genau die Nato dort bombardiert hat."

In einem Fall seien zwei Familienhäuser in Majer, einem Dorf 160 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis, bombardiert worden. Dort habe es kein militärisches Ziel in der Nähe gegeben. Als Angehörige in den Trümmern nach Verletzten suchten, schlug eine zweite Bombe ein. Insgesamt kamen 34 Zivilisten ums Leben bei diesem Vorfall am 8. August 2011, berichtet Human Rights Watch. 30 wurden verletzt. Die Attacke auf Majer war das schwerwiegendste Unglück, das Human Rights Watch in Libyenuntersuchte.

Die Organisation hatte acht Orte, wo zivile Opfer gemeldet worden waren, besucht und Zeugen befragt. Auch Satellitenaufnahmen wurden ausgewertet. Es ist die ausführlichste Studie zu zivilen Opfern der Nato im Libyen-Krieg, die bisher unternommen wurde. Eine Uno-Untersuchungskommission für Libyen war im März von mindestens 60 getöteten Zivilisten ausgegangen. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen verteidigte daraufhin die Bombardierungen: Man habe ausschließlich "legitime militärische Ziele" bombardiert und immer "große Vorsicht getroffen, um das Risiko für Zivilisten zu minimieren".

Dass die Nato jedoch besonders vorsichtig war, bestätigt Human Rights Watch: Die Zahl der zivilen Opfer sei für das Ausmaß des Einsatzes mit 9600 Bombenabwürfen recht gering. Während des Libyen-Kriegs war die Frage nach zivilen Opfern von Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi regelmäßig instrumentalisiert worden. So hatte sein Sprecher Mussa Ibrahim etwa im September 2011 behauptet, die Nato habe bei Bombenangriffen auf Sirt mehrere tausend Zivilisten getötet.

Die Nato selbst hat bisher keine eigene Untersuchung der Vorwürfe in Libyen durchgeführt. Die Militärallianz weist darauf hin, dass sie kein Mandat mehr dazu habe, sich in dem Land aufzuhalten. Human Rights Watch fordert die Nato auf, die ihr vorliegenden Informationen zu den beschossenen Zielen öffentlich zu machen. Auch solle das Bündnis prüfen, den Angehörigen von Nato-Opfern eine Entschädigung zu zahlen. In Afghanistan ist dies bereits üblich.

ras/AP



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