Kriegsverbrechen Menschenrechtler prangern Rolle der Türkei im syrischen Bürgerkrieg an

Die Türkei hilft den Rebellen im Kampf gegen Syriens Präsidenten Assad - und unterstützt damit auch Kriegsverbrecher, klagt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Für Ankara könnte diese Politik sich schon bald rächen.

Syrische-türkische-Grenze: "Wir wollen nicht, dass Terror auf türkisches Territorium übergreift"
REUTERS

Syrische-türkische-Grenze: "Wir wollen nicht, dass Terror auf türkisches Territorium übergreift"

Von , Istanbul


Im August töteten Rebellen in der syrischen Provinz Latakia mindestens 190 Zivilisten. Sie brüsteten sich mit dem Blutbad, dokumentierten die Taten auf YouTube, Facebook und Twitter. Ziel ihrer Angriffe waren Alawiten, die Dschihadisten wollten damit ein Massaker an sunnitischen Familien rächen, für das sie den Diktator Baschar al-Assad verantwortlich machen. Die Dschihadisten sehen Alawiten pauschal als Unterstützer Assads.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 41/2013
SPIEGEL-Gespräch mit dem syrischen Diktator

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat an diesem Freitag einen 89 Seiten starken Bericht veröffentlicht, in dem sie dieses Blutbad in Latakia anprangert. "Ihr könnt immer noch ihr Blut sehen", ist er überschrieben. Untertitel: "Exekutionen, außergesetzliche Tötungen und Geiselnahmen durch oppositionelle Kräfte in Latakia."

In dem Bericht wird auch Nachbarland Türkei scharf kritisiert für die Unterstützung von Aufständischen. Die Menschenrechtler berufen sich dabei auf Angaben von Sicherheitskräften, Journalisten, westlichen Diplomaten und Entwicklungshelfern.

  • Demnach würden die meisten ausländischen Kämpfer, die im nördlichen Syrien operierten, ihre Einreise über die Türkei organisieren. Ein Entwicklungshelfer berichtete, manche Aufständischen würden direkt in die türkische Stadt Hatay fliegen und dort von anderen Kämpfern abgeholt und nach Syrien gebracht.
  • Ebenso würden sie ihre Waffen, Geld und sonstigen Nachschub von dort bekommen.
  • Verletzte Kämpfer würden in der Türkei behandelt.

Diplomaten äußerten sich besorgt über diese Rolle der Türkei. Einer sagte gegenüber Human Rights Watch, es würden weit mehr Kämpfer mit einer europäischen Staatsangehörigkeit nach Syrien gehen als nach Afghanistan oder Irak. Dass die Türkei dies ermögliche, sei problematisch. Unter die Oppositionellen, die gegen Assad kämpfen, haben sich im Laufe der Zeit mehrere islamistische Gruppierungen gemischt. Dazu zählen mindestens zwei Organisationen, die mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbunden sind.

Human Rights Watch fragte per Brief beim türkischen Außenminister Ahmet Davutoglu an, welche Maßnahmen sein Land eigentlich treffe, um sicherzustellen, dass keine Kämpfer die Grenze zu Syrien überschritten und dort Kriegsverbrechen begingen. Außerdem wolle man wissen, welche Schritte Ankara bei der Ermittlung und Strafverfolgung solcher Kriegsverbrecher unternehme. Die Anfrage war bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Berichts nicht beantwortet worden, teilte die Menschenrechtsorganisation mit.

Ankara will notfalls Truppen nach Syrien schicken

Das vor Beginn des Bürgerkriegs in Syrien vor zweieinhalb Jahren noch freundschaftliche Verhältnis zwischen Syrien und der Türkei hat sich inzwischen in Gegnerschaft gewandelt. Präsident Assad warnte den türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan vor "schwerwiegenden Folgen" seiner rebellenfreundlichen Politik.

Die Türkei werde "sehr bald einen sehr hohen Preis dafür zahlen", dass sie die "Terroristen" unterstütze, wie Assad die Rebellen vergangene Woche im türkischen Fernsehsender Halk TV nannte. "Terrorismus kann man nicht wie eine Spielkarte in der Tasche bereithalten. Denn Terrorismus ist wie ein Skorpion, der nicht zögert, bei erster Gelegenheit zuzustechen", warnte er. Über Erdogan sagte Assad, er verbreite "einen Haufen Lügen" über Syrien. "Erdogan macht nichts anderes, als die Terroristen zu unterstützen."

Kürzlich hat das türkische Parlament Plänen zugestimmt, notfalls Truppen nach Syrien zu schicken. Denn tatsächlich bereitet die Entwicklung in Syrien den Politikern in Ankara zunehmend Sorge. "Wir müssen uns überlegen, wie wir unsere Grenze besser schützen", sagte ein Abgeordneter der regierenden AK-Partei. Dabei ging es ihm aber nicht darum, dass Kämpfer nicht mehr in Syrien einsickern könnten, sondern vielmehr darum, ihre Rückkehr in die Türkei zu verhindern. "Wir wollen nicht, dass Terror auf türkisches Territorium übergreift."

Hasnain Kazim auf Facebook

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
friedberta 11.10.2013
1. Rebellen ?
Aus meiner Sicht ist Assad ebenfalls ein Kriegsverbrecher. Und aus meiner Sicht und Kenntnis der Situation (soweit man es der Presse entnimmt) finde ich es nicht falsch, dass die sogenannten Assad-Gegner unterstützt werden. Wobei es grundsätzlich nichts bringt, mit Gewalt gegeneinander vorzugehen. Aber wie man nachlesen kann, hat jedes Volk diese Situation entwicklungsgeschichtlich durchmachen müssen, bis begriffen wurde, dass ein Dialog die einzig menschenwürdige Umgangsform ist.
dieter-ploetze 11.10.2013
2. auch USA und EU unterstützen rebellen
das ist doch ein alter hut.und eben schon immer das strittige an der unterstützung.die USA z.b. helfen hier doch al-qaida,die sie wieder anderswo bekämpfen bis aufs messer und auch den krieg in afghanistan begonnen haben.
teenriot81 11.10.2013
3.
Warum gibt es bei Spiegel nur die Light-Version? Human Rights Watch bestätigt Genozid an Alawiten | Telepolis (http://www.heise.de/tp/blogs/8/155121)
wachsamer_bürger 11.10.2013
4. Das die Türkei die Rebellen in Syrien unterstützt ist keine Topmeldung!
Das die Türkei die Rebellen in Syrien unterstützt ist keine Topmeldung! Das ist doch schon länger bekannt und damit sie das ungestraft, ohne Assads Reaktion fürchten zu müssen, tuen kann, wurde doch extra eine Raketenabwehreinheit der Bundeswehr da runtergeschafft! Das Rebellen auf türkisches Territorium zum Ausruhen und Aufmunitionieren gelassen werden ist doch schon lange bekannt. Einzige Sensation ist das hier im Spiegel mal so lesen zu können.
mhjduerr 11.10.2013
5. Terrorhelfer Türkei
Endlich wacht ein Teil des Westens auf und erkennt, dass die Türkei neben den Golfemiraten einer der haupt Kriegstreiber und Terrorhelfer im syrischen Konflikt ist!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.