Humanitäre Krise im Irak "Wir haben die Kontrolle verloren"

Im Irak, versprechen die Alliierten, soll eine der größten humanitären Hilfsaktionen der Geschichte anrollen. Bisher ist davon wenig zu sehen: Essensrationen lagern jenseits der Grenzen, Hilfsschiffe und -Lkw stecken fest. Eine erste Ausgabe von Lebensmitteln endete in einem Desaster. Und ein Streit über den Zugriff auf das irakische Öl bedroht ein wichtiges Uno-Programm.


Irakische Kinder mit Wasserflaschen: Hier und da verteilen Militärs Essensrationen - Organisationen wie der Rote Halbmond kommen bei ihren Hilfsbemühungen kaum voran
AP

Irakische Kinder mit Wasserflaschen: Hier und da verteilen Militärs Essensrationen - Organisationen wie der Rote Halbmond kommen bei ihren Hilfsbemühungen kaum voran

Bagdad - Schon vor dem Krieg war die Lage im Irak alarmierend genug, Hunger und Unterernährung gehörten zum Alltag. Rund 60 Prozent der 22 Millionen Iraker waren auf Lieferungen im Rahmen des nun eingestellten Uno-Programms "Öl für Lebensmittel" angewiesen. Im Hafen von Umm Kasr landeten die Uno-Mitarbeiter Tag für Tag 3500 Tonnen Hilfsgüter an.

Dieser Hafen, dessen Eroberung die USA bereits am zweiten Kriegstag gemeldet hatten, ist immer noch nicht voll einsatzfähig - und das ist nur eine der Ursachen für eine eskalierende humanitäre Notlage. So konnte die "Sir Galahad", das erste Schiff mit Hilfsgütern, das die britische Royal Navy entsandt hat, ihre Ladung bisher nicht löschen. Nachdem Taucher in der Zufahrtsstraße weitere schwimmende Minen entdeckt hatten, wird das Navy-Schiff wohl frühestens am Freitag einlaufen. Noch länger wird es dauern, bis die 231 Tonnen Wasser, Arzneimittel, Decken und Lebensmittel Basra erreichen.

Zur Untätigkeit verdammt

Der durchschnittlichen irakischen Familie werden nach Uno-Schätzungen in vier bis sechs Wochen die Lebensmittel ausgehen. Bis dahin reichen die Vorräte, die von den Uno-Helfern vor dem Krieg gezielt verteilt worden sind. In vielen Regionen, vor allem in Kampfgebieten, ist die Lage aber weitaus angespannter. 200 internationale Helfer der Uno beobachten die Krise vom Exil auf Zypern aus - in erzwungener Untätigkeit.

Menschenmasse beim umkämpften Basra: "Sie tragen kein Hab und Gut mit sich"
REUTERS

Menschenmasse beim umkämpften Basra: "Sie tragen kein Hab und Gut mit sich"

Wegen der andauernden Guerilla-Attacken in angeblich bereits gesicherten Gebieten kommen bereits verpackte oft nicht an die Bedürftigen. In Jordanien, nah an der westlichen Grenze des Irak, stehen weiter Tonnen von Getreide, in Lagerhäusern türmen sich die Säcke. Die militärische Situation bleibt zu unübersichtlich, die Helfer halten Abstand. Ähnliches gilt für den Roten Halbmond aus Kuweit - er konnte bisher weit weniger Hilfsteams in den Irak entsenden als erhofft.

Lkw mit Hilfslieferungen wurden geplündert

Wenn Hilfe ankommt, erreicht sie oft die Falschen - die Gesunden, die Starken und oft Rücksichtslosen. Zwei britische Lkw mit Wassertanks seien am Mittwoch bei Umm Kasr von einem Mob überfallen worden, meldet die Agentur AP. Ähnlich war er bei der ersten Nahrungslieferung, die der Rote Halbmond in den Süden Iraks brachte. Die sieben Lkw seien in der Stadt Safwan regelrecht geplündert worden, berichtet BBC Online.

Uno-Generalsekretär Kofi Annan: Die Weltorganisation bereitet einen Spendenaufruf vor - doch viele Nationen wollen nicht helfen, weil sie vor allem Amerika und Großbritannien in der Pflicht sehen
REUTERS

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Zehntausende Päckchen mit Öl, Zucker und Getreide seien von einer aufgebrachten Masse jüngerer Männer verschleppt worden. "Unsere Leute haben die Kontrolle verloren. Die Hilfe hat die Frauen und Kinder in den ländlichen Gebieten nicht erreicht", zitiert der Online-Dienst einen Organisator der Lieferung. Teilweise seien Helfer gar verprügelt worden.

"Jeder von ihnen fragte nach Wasser"

In den Regionen, in denen weiter heftig gekämpft wird, ist es teils nicht der Hunger, sondern der Durst, der die Bevölkerung besonders quält. So versuchten am Donnerstag angeblich tausende Zivilisten, aus der Großstadt Basra zu entkommen. Ein Reuters-Reporter beobachtete einen ständigen Strom von Menschen, die zu Fuß über eine Brücke am Euphrat verließen. "Jeder von ihnen fragt nach Wasser", berichtet der Reporter. Die Flüchtlinge sähen durstig aus, sie hätten leere Wasserflaschen bei sich. Nach Angaben britischer Militärs überquerten binnen weniger Stunden etwa 3000 Iraker, vor allem Männer, die Brücke.

Laut Reuters wollen die Fliehenden zu Familienangehörigen durchdringen, meist in der nahe gelegenen Stadt Subair. "Sie tragen kein Hab und Gut mit sich". Umgekehrt machten sich etwa 200 Menschen auf den Weg nach Basra hinein. Sie sorgen sich offenbar um Verwandte und Freunde, die durch die jüngsten Luftangriffe der von den USA angeführten Truppen zu Schaden gekommen sein könnten. Die Vereinten Nationen und internationale Hilfsorganisationen sind äußerst besorgt über die humanitäre Lage in der Stadt. In Basra ist auch seit Tagen der Strom ausgefallen. Vertreter des Roten Kreuzes sagten aber am Donnerstag, sie hätten die Wasserversorgung zumindest teilweise wiederhergestellt.

Spendenbereitschaft gering

Wie genau die Hilfslieferungen nach dem Ende des Krieges aussehen und organisiert werden, ist derweil erst in Umrissen erkennbar. Am Donnerstag hieß es aus Uno-Kreisen, dass die Vereinten Nationen den größten Spendenaufruf für humanitäre Hilfe in ihrer gesamten Geschichte vorbereiten. Insgesamt sollen die Mitgliedstaaten aufgerufen werden, mindestens 2,1 Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen. 1,2 Milliarden Dollar davon seien für die Lebensmittelhilfe vorgesehen.

Der Spendenaufruf werde möglicherweise am Freitag offiziell vorgestellt. Uno-Generalsekretär Kofi Annan sagte bereits vor dem Sicherheitsrat: "Ich appelliere an die Mitgliedstaaten,schnell und großzügig zu reagieren und dies nicht zu Lasten der Opfer von Notfallsituationen in anderen Teilen der Welt zu tun". Gleichzeitig ist in Uno-Kreisen aber die Befürchtung groß, dass sich die Spendenfreudigkeit der Geberländer in Grenzen halten könnte. Viele Nationen seien der Ansicht, dass die humanitäre Hilfe zu allererst Aufgabe der USA und Großbritanniens sei.

Streit um die Öl-Dollars

Ob nach dem Krieg das Hilfsprogramms "Öl für Lebensmittel" wieder aufgenommen werden kann, ist auch nach dem jüngsten Treffen George W. Bushs und Tony Blairs in den USA weiter unklar. Die Regierungschefs hatten den Weltsicherheitsrat zwar zum baldigen Neustart gedrängt. Indes streiten sich Länder der Kriegskoalition weiter mit Nationen wie Frankreich und Russland über die künftigen Konturen des Programms.

In der entscheidenden Frage, wer letztlich den Zugriff auf die irakischen Öl-Milliarden haben und über deren Verwendung entscheiden soll, sei bislang kein wirklicher Durchbruch erzielt worden, hieß es am Donnerstag in diplomatischen Kreisen in New York. Streit gibt offenbar darüber, ob die Öl-Dollars, die dem Programm über eine Treuhandbank zufließen, allein für die Versorgung der irakischen Bevölkerung oder auch für andere Zwecke wie die Wiederherstellung zerstörter Einrichtungen der Ölindustrie ausgegeben werden können. In diesem Fall könnten Firmen der USA und anderer Länder mit Mitteln aus dem Programm bezahlt werden.

Die Märkte sind geschlossen

Auch in bisher leidlich versorgten Regionen des Irak eskaliert derweil die Situation - selbst im kurdischen Norden, in dem der Bodenkrieg trotz der Landung erster US-Truppen noch nicht einmal begonnen hat. So hat die autonome kurdische Verwaltung am Donnerstag vor einer Flüchtlingswelle gewarnt. Mehrere zehntausend Bewohner der Frontstädte Dschamdschamal und Kalak seien bereits aus ihren Häusern geflohen und suchten Zuflucht bei Verwandten und Freunden an der Grenze zu Iran, sagte der Minister für humanitäre Fragen, Abdul Rassak Mirsa.

Viele seien aber nur in Notlagern ohne Strom und hygienische Versorgung untergekommen. "Wenn der Krieg weiter geht, werden die Menschen bald keine Nahrungsmittel mehr haben". Da viele Märkte geschlossen seien und die Preise für Lebensmittel stiegen, sei die Bevölkerung dringend auf Nahrungsmittel und Zelte angewiesen - und die sind, wie auch im Süden, bisher nicht in Sicht.

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