Von Fabian Reinbold
Hamburg - In Italien läuft seit hundert Tagen eines der spannendsten Politik-Experimente Europas: Was muss eine Regierung tun, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen? Wie viel Zeit braucht ein dramatisch verschuldetes Land, um die Finanzmärkte zu beruhigen? Kann ein Kabinett aus Wirtschaftsexperten die Mentalität seiner Landsleute ändern?
Der Wirtschaftsprofessor Mario Monti trat Mitte November mitten in einer dramatischen Finanzkrise als Ministerpräsident an. Nach hundert Tagen gibt es erste Antworten auf die existentiellen Fragen, zum Beispiel bei einer Rede in Straßburg. Monti sprach in jenem Plenarsaal, in dem sein Vorgänger Silvio Berlusconi wiederholt für Eklats sorgte. Auch Monti teilte am vergangenen Mittwoch aus, gegen die Griechen, denen er "schlimmste Praktiken" unterstellte, und gegen die Deutschen, die den Stabilitätspakt ja als erste aufgeweicht hätten. Monti mahnte, Europa nicht weiter zu spalten. Die Abgeordneten unterbrachen seine Rede zwölfmal - mit Applaus.
Der Auftritt hat Symbolkraft, er zeigt: Italien ist wieder da und hat sich unter Monti vom Sorgenkind zum Hoffnungsträger bei der Euro-Rettung gewandelt. Kanzlerin Angela Merkel bespricht sich vor Euro-Gipfeln stets mit Monti, das US-Magazin "Time" nannte ihn diese Woche gar "den wichtigsten Mann in Europa".
Ganz falsch ist das nicht: Als Monti antrat, stand Italien am Euro-Pranger. Die Märkte wetteten gegen Italien, Europa zitterte, dass die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone in Zahlungsschwierigkeiten geraten und die gemeinsame Währung aufs Spiel setzen würde.
Monti gibt den Anti-Berlusconi
Hundert Tage später ist nicht alles anders, aber vieles besser. Europa hat wieder Vertrauen in Italien gefasst. Das hat viel mit Monti zu tun: Der 68 Jahre alte Wirtschaftsprofessor halt Italiens Politik wieder berechenbar gemacht. Monti, der stets ruhig und höflich spricht, gibt den Anti-Berlusconi. Er brachte einen neuen Ton in die italienische Politik, in seiner Antrittsrede wies er die Senatoren in Rom zurecht: "Hören Sie mir lieber zu statt zu applaudieren."
Montis Technokraten-Kabinett ist fast zeitgleich mit der Experten-Regierung in Athen gestartet, beide haben die gleiche Mission. Sie sollten das schaffen, woran die Berufspolitiker gescheitert waren: die Schulden- und Wirtschaftskrise ihrer Länder zu bekämpfen und Vertrauen zurückzugewinnen. Dass das in Italien bislang deutlich besser geklappt hat, hat mehrere Gründe:
Am Montag kündigte der Ministerpräsident nun an, Italien habe genug gespart. Es gehe nun darum, die seit Jahren dümpelnde Wirtschaft in Schwung zu bringen. Die Daten sind düster: Für 2012 sagt der Internationale Währungsfonds ein Defizit von 2,2 Prozent voraus. Doch nur Wachstum wird den Etat entlasten, der 2013 erstmals ohne neue Schulden auskommen soll.
Schon die Abschaffung erster Privilegien im Januar traf auf Widerstand: Taxifahrer blockierten Innenstädte, Lkw-Fahrer tagelang Autobahnen. Nun will das Kabinett den gesamten Arbeitsmarkt reformieren, Kündigungsschutz lockern, damit neue Jobs entstehen.
An den harten Ton des Professors muss sich Italien noch gewöhnen
Doch Italiener fürchten, die Liberalisierung könne ihre Situation verschlechtern. Die mächtigen Gewerkschaften haben harten Widerstand angekündigt, die Sozialdemokraten murren - und Monti selbst irritierte seine verunsicherten Landsleute, in dem er sagte, eine Festanstellung sei doch eintönig. In dem von Jugendarbeitslosigkeit geplagten Land kam das nicht gut an.
Italien muss sich nach den Alles-ist-gut-Reden Berlusconis noch an die harten Töne des Professors gewöhnen, der von allen Opfer verlangt und die Bereitschaft, sich zu ändern. Sein Ziel: den Italienern eine neue Kultur einzuimpfen.
Damit steht Monti noch ganz am Anfang, und die Zeit ist bereits knapp. Spätestens bis Ende März will Monti die Liberalisierung durchbringen, notfalls auch ohne den Segen der Gewerkschaften. Er will den Wandel, bevor die Gesetze der alten italienischen Politik wieder greifen. Denn schon im Mai sind Kommunalwahlen, die Unterstützung der Partei für unbeliebte Reformen könnte schnell schwinden.
Das Vertrauen, das er sich in seinen ersten hundert Tagen erarbeitet hat, wird Monti dabei brauchen.
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