Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Einwanderer aus Haiti: Hunderttausenden Dominikanern droht Staatenlosigkeit

Aus Santo Domingo berichtet Martin Franke

Dominikanische Republik: Protest gegen drastisches Urteil Fotos
reconoci.do

Sie sind Kinder haitianischer Einwanderer, haben aber ihr ganzes Leben in der Dominikanischen Republik verbracht. Doch das Verfassungsgericht verweigert ihnen jetzt die Staatsbürgerschaft. In dem karibischen Urlaubsland könnten so Hunderttausende staatenlos werden. Die Uno protestiert.

"Stell Dir vor: Das Land, in dem du geboren bist, sagt eines Tages zu dir, dass du nicht mehr dazugehörst." Ana María Belique ist noch immer empört über das Urteil der Verfassungsrichter in der Dominikanischen Republik. Diese haben entschieden, dass die Kinder haitianischer Einwanderer kein Recht auf die dominikanische Staatsbürgerschaft haben. Hunderttausende könnten nun staatenlos werden - obwohl sie nie in einem anderen Land als der Dominikanischen Republik gelebt haben.

Auch Belique trifft das Urteil hart. Nachdem sie von einer Reise aus Brasilien zurückkam, nahm man ihren Ausweis weg. Sie führt jetzt mit der Organisation Reconoci den Protest gegen eine umstrittene Entscheidung an und will die Ungerechtigkeit nicht akzeptieren. "Sie nehmen dir deine Papiere, nur weil du eine dunklere Hautfarbe hast, dein Nachname haitianisch klingt oder deine Eltern Haitianer sind."

Seit Generationen wandern Haitianer in die benachbarte Dominikanische Republik ein - auf der Suche nach Arbeit, Sicherheit und einer besseren Perspektive. Viele von ihnen bleiben, bekommen Kinder, die die dominikanische Staatsbürgerschaft erhalten. Doch die Behörden gehen nun gegen diese "unechten" Mitbürger vor.

Das musste auch die 29-jährige Juliana Deguis erfahren, deren Eltern einst aus Haiti kamen und deren Fall die neue Debatte auslöste. Sie zog im September vor Gericht, um das Recht auf Ausstellung eines Personalausweises zu bekommen. Die zentrale Wahlbehörde Junta Central Electoral, die die Registrierung aller dominikanischen Staatsbürger verwaltet, lehnte die Klage ab und beschlagnahmte zugleich ihre Geburtsurkunde mit der Begründung, dass ihr Nachname haitianisch sei. "Ich fühle mich schrecklich, denn ohne Ausweisdokumente darf ich nicht arbeiten und kann auch meine Kinder nicht in der Schule anmelden", klagte Deguis, die Mutter von vier Kindern ist, gegenüber der "New York Times".

Dass diese Entscheidung sogar von dem Verfassungsgericht, dem Tribunal Constitucional, bestätigt wurde, führte dazu, dass die Vereinten Nationen nun den Richterspruch überprüfen. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk erklärte, es sei "sehr besorgt" über das Urteil. Schätzungen zufolge sind mehr als 250.000 Bürger betroffen. Die Staatsangehörigkeit soll nun rückwirkend bis in das Jahr 1929 untersucht werden.

Menschen, die in der Dominikanischen Republik geboren werden, erhalten üblicherweise die Staatsangehörigkeit. Immer öfter haben in den vergangenen Jahren aber all jene Probleme bekommen, deren Eltern illegal eingewandert sind, darunter viele Saisonarbeiter. Das Verfassungsgericht argumentiert jetzt, dass alle Dominikaner haitianischer Herkunft den regulären Migrationsstatus ihrer Eltern nachweisen müssen, um die Staatsbürgerschaft zu behalten.

Proteste vor dem Ministerium

Sollte sich die Gesetzeslage nicht ändern, besteht die Gefahr, dass der dominikanische Staat die Menschen abschiebt. Spätestens die Ausweisung in das arme Haiti würde zu einer massiven Anzahl an Staatenlosen führen und die Probleme auf der Hispaniola verschärfen.

Der Präsident der Dominikanischen Republik verteidigt die Entscheidung der Richter. Das Urteil gebe auch die Position der dominikanischen Regierung wieder, erklärt Danilo Medina, der erst im vergangenen Jahr gewählt wurde.

Für die Betroffenen ist diese Haltung schwer zu akzeptieren. "Ich bin Dominikaner, ich bin in der Dominikanischen Republik geboren. Ich arbeite hier mit Einschränkungen, alles nur, weil sie mir meine dominikanische Staatsbürgerschaft wegnehmen wollen", erklärt Alfredo Oguisten aus Santo Domingo. Er ist Sohn haitianischer Eltern, studierte Kommunikationstechnologie und Englisch und arbeitet in einem Mobilfunkgeschäft in der Hauptstadt des Landes.

Die Betroffenen haben sich zusammengeschlossen. Was mit einer Protestkampagne im Jahr 2011 begann, ist 2013 zu einer großen Bewegung gegen Diskriminierung angewachsen. Menschen wie Alfredo Oguisten und Ana María Belique demonstrieren vor dem Migrationsministerium und der Wahlbehörde und harren dort bis tief in die Nacht aus.

Das Urteil soll bis Oktober 2014 umgesetzt werden. Bis dahin bleibt den Dominikanern haitianischer Herkunft keine andere Option als weiterzukämpfen. Auf die Frage, ob es denn noch Hoffnung gibt, antworten sie fast mit karibischer Leichtigkeit: "Ja, natürlich, es gibt immer Hoffnung!"

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Auch innerhalb des europäischen Hauses ...
jautaealis 03.11.2013
... finden derlei Erniedrigungen und Entrechtungen statt: So deklariert etwa das hochnationalistische Lettland alle russischsprachigen Einwohner (somit annähernd die Bevölkerungsmehrheit) zu ‘Nichtstaatsbürgern’ – die dann neben den lettisch- und livischsprachigen ‘Staatsbürgern’ sowie den ‘Staatenlosen’ stehen! Die UNO sollte sich letztendlich gleichermaßen mit der Dominikanischen Republik und Lettland wegen solcherlei Vergehen gegen die Menschlichkeit bzw. die Menschenrechte und das Völkerrecht befassen...
2. Völkerrecht hin oder her
roedaelefanten 03.11.2013
Kein Staat ist per (UN?) Gesetz gezwungen, jemand eine Staatsbürgerschaft zu verleihen! Danach müsste z.B. Deutschland allen in D. geborenen per Automatik die deutsche Staatsbürgerschaft ausstellen. Wer will das WIRKLICH?
3. Jedes Recht nützt einer Seite
DenkZweiMalNach 03.11.2013
Recht ist immer menschengemacht und nützt dem einen bzw. benachteiligt den anderen. So kennen die wenigsten Länder der Erde ein automatisches Staatsbürgerrecht für Einwandererkinder. Das ist auch folgerichtig, weil Mini-Staaten sonst schnell überlaufen werden könnten. Der Punkt ist ein anderer: Die Medien drängen auf ein Weltbürgerrecht und eine Weltregierung - zum Nutzen der Grossindustrie. Eine einzelne Wählerstimme wiegt dann nichts mehr.
4. Nationalismus ein Relikt des 19. Jahrhunderts
abbrazzo 03.11.2013
Wem gehört denn ein Land? Irgend wann hat es sich irgend jemand Land genommen. Gerade auf dieser Insel, wo die Ureinwohner innerhalb von kürzester Zeit ausgerottet wurden, trifft dies besonders zu. Von daher halte ich diese Entscheidung für mehr als fragwürdig und nicht mehr zeitgemäß. Wieviele Tote haben die aus rein nationalistischen Gründen geführten Kriege gefordert. Wenn man sich die Geschichte der Dominikanischen Republik und vor allem die ihrer Diktatoren mal genauer anschaut, fallen einem frappierende Ähnlichkeiten zu einem anderen Land, das ebenfalls mit "D" beginnt auf. Hinzu kommt, dass die DR ohne die billigen Arbeitskräfte aus Haiti gar nicht funktionieren würde. Wer erledigt denn dort die ganzen niedrigen Arbeiten für eine Handvoll Dollar pro Tag?
5. Differenzieren!
pharcyde 03.11.2013
Hier ist doch nicht das Geburtsortprinzip zur Diskussion gestellt, sondern die Tatsache, dass einer nicht kleinen Bevölkerungsgruppe der schon zugestandene Ausweis abgesprochen wird! Das ist ein großer Unterschied und vor allem mehr als skandalös. Ich finde es gut, dass die UN ihrer Rolle gerecht wird und diesem bürokratischen Wahnsinn die rote Karte zeigt. Das gibt Hoffnung, und diese stirbt bekanntlich zuletzt!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Karte


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: