Hungerkatastrophe im Südsudan Im Sumpf des Todes

Der Weiße Nil versorgt im Südsudan eines der größten Sumpfgebiete der Erde mit Wasser. Das Areal bietet Zehntausenden Flüchtlingen Schutz vor dem Bürgerkrieg - und ist zugleich eine tödliche Falle.

Oxfam

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Seit einem Monat herrscht wegen des Bürgerkriegs im Südsudan die schwerste humanitäre Krise Afrikas seit vielen Jahren. In der aktuellen Hungersnot sterben Menschen, weil sie nichts zu essen haben. Jeden Tag, trotz aller Bemühungen.

Eine solche Katastrophe geschieht auf der Welt im 21. Jahrhundert nur, wenn Gewalt und Unterversorgung zusammenkommen. Im südsudanesischen Bundesstaat Unity sind in den vergangenen vier Wochen Dutzende Menschen verhungert, alle internationalen Appelle an die Regierung in Juba haben nichts bewirkt.

"Gräueltaten bleiben ungestraft", kritisierte Uno-Generalsekretär António Guterres in der Sitzung des Sicherheitsrats den Südsudan. Die Regierung des nordafrikanischen Landes zeige "keine ernste Besorgnis" über die Krise und über die Hungersnot. Stattdessen geht es weiter wie seit drei Jahren: Krieg, Flucht und Vertreibung, Entführungen, Tod.

Seit 2013 tobt ein Bürgerkrieg um die Ressourcen des erst 2011 gegründeten Südsudan. Die Hauptgegner sind die Männer des Präsidenten Salva Kiir und die Milizen seines ehemaligen Vize-Präsidenten Riek Machar. Zehntausende sind gestorben, Millionen mussten fliehen.

Wenn im Mai die Regenzeit beginnt und die Kämpfe dann weitergehen, wird schon bald die Hälfte des südsudanesischen Volkes vom Hungertod bedroht sein. Betroffen seien 5,5 Millionen Menschen, warnen internationale Helfer und die Uno seit Wochen.

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Das Horrorszenario gilt für das ganze Land - doch die auf der Uno-Katastrophenkarte dunkelrot eingefärbten Regionen Mayendit und Leer haben mit mehreren Härten zugleich zu kämpfen: Hier toben Kämpfe, und hier sind mehr als 100.000 Menschen in ein Gebiet geflohen, in dem man eigentlich nicht leben kann.

Ein Sumpfgebiet so groß wie Belgien

Der Sudd ist ein riesiges Sumpfgebiet, in der Regenzeit ist eine Fläche so groß wie Belgien überschwemmt. Die Wassermassen des Weißen Nil strömen aus Uganda ins Land und ergießen sich dann in die weite Ebene im Bundesstaat Unity.

Sudd-Sumpfgebiet an der Grenze zwischen Unity und Jongelei im Südsudan
AFP

Sudd-Sumpfgebiet an der Grenze zwischen Unity und Jongelei im Südsudan

Im Bürgerkrieg bieten die Sümpfe etwas Schutz, weil mordende Milizen und Regierungstruppen die eigentlich unbewohnten Inseln in der nassen Landschaft meiden. Aber der Sumpf ist auch eine Todesfalle, weil es dort kein Essen, kein Trinkwasser und keinerlei Versorgung gibt. An seinen Rändern marodieren Rebellen und die Horden der Regierungsarmee, nichts ist vor ihnen sicher.

Krankenstationen wurden in den vergangenen Jahren mehrfach eröffnet und wenig später wieder geplündert und zerstört. Die Helfer von Ärzte ohne Grenzen sind dazu übergegangen, lokale Helfer auszubilden, die dann mit den Flüchtlingen in den Sümpfen leben. So riskieren die Mitarbeiter und Patienten nicht, auf dem Weg zur Behandlung erschossen zu werden - in Gesundheitszentren, die über kurz oder lang ohnehin wieder Milizen zum Opfer fallen.

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Flucht in den Sumpf: "Die Menschen essen Seerosen"

Die britische Hilfsorganisation Oxfam, die in den Sümpfen rund 5000 Menschen mit dem Nötigsten versorgt, darf nicht sagen, was genau die Menschen durch die Kämpfer erdulden müssen und wer genau am Rand der Sümpf warum auf wen schießt. Zu groß die Gefahr, selbst zum Ziel zu werden und dann nicht mehr helfen zu können.

"Die Flüchtlinge, die hier auf den eigentlich unbewohnbaren Inseln leben, erzählen uns, sie seien vor Gewehrkugeln geflohen", sagt Oxfam-Mitarbeiterin Dorothy Sang. Wer die Kugeln auf wen und warum abgefeuert hat, will die Nothilfe-Managerin nicht sagen. Die Frontlinie verlaufe durch die Regionen, in denen die Hungersnot ausgerufen wurde.

Vor einer Woche ist Sang selbst so weit in die Sümpfe gefahren, wie es sicher war. "Die Menschen dort essen Seerosen. Einige fischen, aber die meisten haben nichts und sind in akuter Not." Außer mit Kanus käme man in der Gegend nicht voran, die Menschen auf der Flucht wateten bis zur Hüfte oder bis zum Hals durch das Wasser, um eine der Inseln zu erreichen. Cholera, Malaria und andere Krankheiten durch verschmutztes Wasser oder Mücken sind für die geschwächten Menschen eine ständige Gefahr.

Nichts läuft - außer 130.000 Barrel Öl am Tag

Dass die Kämpfe kein Ende nehmen, liegt an der Gier der Kriegsparteien. Der Sentry Report legte im vergangenen Jahr nahe, dass der Krieg auch darum weitergeht, weil er ein einträgliches Geschäft für die Warlords aller Seiten - einschließlich des Präsidenten - ist. Der Report wird vom Hollywoodschauspieler George Clooney und dem Menschenrechtsaktivisten John Prendergast finanziert.

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Warlords im Südsudan: Öl an der einen, Blut an der anderen Hand

Unter der Erde des Bundesstaats Unity lagert Öl. Wer die Region an der Grenze zum Sudan beherrscht, kriegt die Quellen und die Einnahmen, denn auch wenn sonst nichts im Land funktioniert: Das Öl fließt und wird verkauft. Laut der chinesischen Agentur Xinhua verkauft der Südsudan 130.000 Barrel am Tag, 98 Prozent der Einnahmen des Landes stammten demnach aus dem Ölgeschäft.

Nicht nur Helfer, auch Mitarbeiter der Ölfirmen sind in Gefahr. Denn auch wer gerade nicht die Förderstellen kontrolliert, will sich bereichern: Im März entführten Rebellen laut Regierungsangaben acht Mitarbeiter eines chinesisch-malaysischen Ölunternehmens und verlangten einen Million US-Dollar Lösegeld. Juba reagierte schnell, Präsident Salva Kiir ordnete militärischen Schutz für Ölarbeiter und Raffinerien an, meldete die chinesische Agentur Xinhua.

Aus dem Versprechen von Präsident Kiir, gegen den Hunger zu helfen und Hilfsorganisationen den Zugang zu erleichtern, ist hingegen nichts geworden. Und auch international ist noch immer nicht so richtig realisiert worden, was sich im Südsudan und anderen Krisenherden im Norden Afrikas und dem arabischen Raum an Katastrophen anbahnt. Uno-Boss Guterres appellierte Mitte Februar, diese Regionen benötigten bis Ende März dringend vier Milliarden Euro Hilfe. Zugesagt wurden bislang gerade einmal zehn Prozent.



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