Interaktiver Globus Wo das Essen nicht reicht

Die gute Nachricht: Von neun Menschen weltweit werden acht satt. Die schlechte: Einer muss hungrig ins Bett. Dabei gibt es genug Essen. Wissen Sie, wo und warum es an Nahrung fehlt?

Ein Freiwilliger verteilt in Somalia Essen des Welternährungsprogramms an Geflüchtete.
REUTERS

Ein Freiwilliger verteilt in Somalia Essen des Welternährungsprogramms an Geflüchtete.

Von


Die Vereinten Nationen (Uno) bezeichnen Hunger als das "größte lösbare Problem der Welt". Und tatsächlich hat sich die Situation in den vergangenen Jahrzehnten bereits enorm verbessert. Das ambitionierte Vorhaben nun: Bis 2030 soll niemand mehr hungern. Das ist eines der sogenannten Nachhaltigkeitsziele, die Uno-Staaten 2015 vereinbarten. SPIEGEL ONLINE untersucht die verschiedenen Vorhaben in der Serie Expedition ÜberMorgen.

In welchen Ländern Lebensmittel besonders knapp oder teuer sind und was getan wird, um den Hunger zu bekämpfen, können Sie mit unserem Globus-Quiz erkunden:

Die Gründe, warum Menschen hungern, sind vielfältig. Schauen wir uns drei der Ursachen näher an:

1. Krieg und Konflikte

Häufig ist Hunger eine Folge bewaffneter Konflikte. Sowohl andauernde Bürgerkriege als auch solche, die schon vor Jahren beendet wurden, können dazu führen, dass Nahrungsmittel nicht mehr zu den Menschen gelangen oder unerschwinglich werden.

Das Ranking der Welthungerhilfe zu den am stärksten von Hunger betroffenen Ländern wird von mehreren Staaten angeführt, in denen Bürgerkrieg herrschte oder noch immer tobt. Der Welthungerindex (WHI) berücksichtigt das allgemeine Ausmaß von Unterernährung in einem Land, aber auch speziell Auszehrung, Wachstumsverzögerungen und Sterblichkeit unter Kindern.

Hunger messen
So wird der WHI berechnet
Der Welthungerindex (WHI) ist ein Bericht, den die Welthungerhilfe, das International Food Policy Research Institute und Concern Worldwide jedes Jahr veröffentlichen. Er schreibt jedem Land einen Zahlenwert zwischen 0 und 100 zu. Je höher der Wert ausfällt, desto größer ist der Hunger in einem Land. Ab einem WHI-Wert von 20 bezeichnen die Autoren die Situation in einem Land als "ernst", ab einem Wert von 35 gilt sie als "sehr ernst". Für die Berechnung des WHI ziehen die Autoren vier Messgrößen heran: den Anteil unterernährter Menschen, die Verbreitung von Auszehrung bei Kindern, die Verbeitung von Wachstumsverzögerungen bei Kindern und die Sterblichkeitsrate bei Kindern. 13 Länder konnten im jüngsten WHI nicht berücksichtigt werden, weil keine ausreichenden Daten vorhanden waren. Darunter sind Länder wie Syrien, Südsudan und Eritrea, über die die Autoren auf Grundlage von Schätzungen "erhebliche Besorgnis" äußern.

Am verheerendsten ist laut WHI derzeit die Situation in der Zentralafrikanischen Republik. Dort stürzten die muslimischen Séléka-Rebellen 2013 den christlichen Präsidenten François Bozizé. Seither kämpfen verfeindete Milizen gegeneinander, Tausende Menschen wurden getötet, Hunderttausende in die Flucht getrieben. Lieferketten wurden zerstört, auch für Hilfsorganisationen ist die Situation mancherorts zu gefährlich. Viele Menschen leiden unter Mangelernährung, weil sie nur noch eine Mahlzeit am Tag zu sich nehmen.

Wo die Lage laut Welthungerindex am schlimmsten ist

Land Index
Zentralafrikanische Republik 46,1
Tschad 44,3
Sambia 39,0
Haiti 36,9
Madagaskar 35,4
Sierra Leone 35,0
Jemen 35,0
Afghanistan 34,8
Osttimor 34,3
Niger 33,7

Quelle: Welthungerhilfe, IFPRI, UN, Concern Worldwide (Stand 2016)

Auch im Tschad, in Sierra Leone, dem Jemen, Afghanistan und Niger gab oder gibt es bewaffnete Konflikte, die für Hunger in diesen Ländern mitverantwortlich sind.

Für einige Länder lässt sich der WHI wegen mangelnder Daten nicht berechnen, zum Beispiel für den Südsudan. Dennoch ist die Lage dort verheerend: In dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land herrscht die schwerste humanitäre Krise Afrikas seit vielen Jahren. Das Welternährungsprogramm der Uno versorgt Hunderttausende Geflüchtete aus dem Südsudan mit Nahrung - teilweise durch riskante Lebensmittelabwürfe aus der Luft. (Lesen Sie dazu auch die Multimedia-Reportage "Die Hungermaschine".)

2. Klimawandel und Naturkatastrophen

In Haiti hingegen kommen mit dem politischen Chaos und den Folgen von Wirbelstürmen und der Erdbebenkatastrophe von 2010 mehrere Faktoren zusammen. Die Infrastruktur ist zerstört, das Ackerland unbrauchbar. Auch in Ostafrika lösten Umwelteinflüsse in den vergangenen Jahren immer wieder akute Hungersnöte aus: In Somalia, Kenia und Äthiopien etwa sorgten Dürren für massive Ernteausfälle. Das trifft vor allem die zahlreichen Kleinbauern, die in erster Linie sich selbst versorgen.

Wegen des Klimawandels könnten Dürren und Naturkatastrophen in Zukunft noch zunehmen. Hilfsorganisationen fürchten, dass dadurch sogar die Erfolge der vergangenen Jahrzehnte in der Hungerbekämpfung auf dem Spiel stehen: Fruchtbare Ackerflächen könnten austrocknen, Ernten durch Überschwemmungen und Stürme zerstört werden. Und laut Klimaforschern sind ausgerechnet jene Regionen am stärksten betroffen, in denen der Hunger jetzt schon am größten ist - die afrikanischen Länder südlich der Sahara, Südostasien und Südamerika.

3. Hohe Nahrungsmittelpreise

Die Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt schwanken ständig. In den vergangenen Jahren waren die Ausschläge besonders heftig: 2007 und 2008, sowie noch einmal 2010 und 2011 wurden unter anderem Getreide und Milchprodukte drastisch teurer. Getreide und Milch legten im Vergleich zum Beginn des Jahrtausends um durchschnittlich 80 Prozent zu, 2016 erreichten sie fast wieder die ursprünglichen Preise. Der Food Price Index der Uno-Ernährungsorganisation FAO macht die Schwankungen deutlich.

Über die unmittelbaren Gründe für die regelrechten Preisexplosionen streiten Ökonomen. Einerseits werden lang- und mittelfristige Ursachen angeführt: So wächst zum Beispiel die Weltbevölkerung, und Ernten fallen wegen Klimaveränderungen und des Anbaus von Biospritpflanzen auf Äckern, auf denen früher Getreide und Gemüse wuchs, schlechter aus. Andererseits sind zahlreiche Hilfsorganisationen und Kenner der Finanzbranche davon überzeugt, dass auch Spekulationsgeschäfte für die heftigen Ausschläge mitverantwortlich sind - Händler also, die an den Börsen auf steigende oder fallende Nahrungsmittelpreise wetten.

Je abhängiger ein Land von Importen ist, desto stärker wirken sich die Schwankungen des Weltmarkts auf die Verkaufspreise vor Ort aus. Hinzu kommen die Begebenheiten in den Ländern selbst: Beschädigte Infrastruktur oder geringe Ernten in Folge von Dürren können Nahrungsmittel nicht nur verknappen, sondern auch verteuern. Das führt dazu, dass sich Teile der Bevölkerung schlicht kein Essen mehr leisten können. Oder das Geld reicht nur noch für eine einseitige, unausgewogene Ernährung, wodurch den Menschen wichtige Nährstoffe fehlen - auch das ist eine Form von Hunger.

Um zu bewerten, wie teuer Essen in einem Land ist, setzt die FAO die Nahrungspreise ins Verhältnis zu den Preisen anderer Güter des täglichen Lebens. In Europa und Nordamerika sind Nahrungsmittel demnach besonders günstig. Wo sie hingegen am teuersten sind, erfahren Sie in unserem Globus-Quiz zum Thema Hunger oben in diesem Artikel.

Die Hungermaschine

Hinweis: Falls Sie die SPIEGEL-ONLINE-Android-App nutzen, aktualisieren Sie diese bitte, um den interaktiven Globus fehlerfrei nutzen zu können. Sie benötigen auf Android-Geräten außerdem mindestens Version 4.4 des Betriebssystems.

Ihr Feedback ist uns jederzeit sehr willkommen. Sie erreichen uns unter der E-Mail-Adresse uebermorgen@spiegel.de .

SPIEGEL ONLINE

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.