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Hungerkrise: Wie Entwicklungshelfer den Tod nach Afrika bringen

Ein Kommentar von Thilo Thielke

2. Teil: Afrika hungert, weil sich der Anbau von Lebensmitteln sowie der Handel nicht lohnen

Die Helfer zieht es in die Trockengebiete: dorthin, wo die Bedürftigen sind, wo die Hilfe dringend benötigt wird. Normalerweise hungern in solchen Gegenden nicht viele Menschen, da sie dünn besiedelt sind. Hungersnöte in der Sahara sind vergleichsweise unbedeutend. Aber in Nordkenia, überhaupt in den Randgebieten der Wüsten wie dem Sahel, kommen sie natürlich vor. Darum graben die Helfer dort Brunnen, damit die Menschen sauberes Trinkwasser erhalten.

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Um so einen Brunnen kommt es aber bald zu einem regelrechten Gedränge. Immer mehr Viehhirten ziehen zu den Brunnen, Nomaden mit ihren Herden. Diese Herden, besonders die Ziegen, fressen schnell alles kahl. Wo früher allenfalls ab und zu jemand vorbeikam, entsteht schnell ein staubiges Dorf, dann eine kleine Stadt. Immer mehr Helfer sind nun vonnöten, die Menschen zu ernähren, die sich um den Brunnen und um die Verteilstationen angesiedelt haben. Bald schon geht nichts mehr ohne Hilfe. Die Gegend ist hoffnungslos überbevölkert. Und ein Ausweg aus dem Dilemma scheint nicht in Sicht.

Entwicklungshilfe ist Planwirtschaft - ohne Plan

Entwicklungshilfe ist Planwirtschaft, wenn auch eine ohne Konzept. Dass Ernährungsengpässe planwirtschaftlich beseitigt werden könnten, ist ein Gedanke, der bereits in der Sowjetunion, Nordkorea und Kuba unglücklich gescheitert ist. Die Afrikaner können einem manchmal leid tun, dass sie weiter als Versuchskaninchen herhalten müssen.

Die Philanthropen hätten jeden Sinn für Menschlichkeit verloren, unkte Oscar Wilde einmal. Es scheint, als habe er wieder einmal recht behalten.

Aber die Afrikaner sind ja selber schuld, sie müssten die Hilfe ja nicht annehmen, könnte man jetzt einwenden. Doch diese Argumentation ist perfide. Die meisten afrikanischen Staaten sind bitterarm. Das Bruttoinlandsprodukt Mexikos ist zum Beispiel 50-mal so groß wie das des ölreichen Sudan. Natürlich lehnen die wenigsten afrikanischen Staatschefs die ihnen so großzügig angebotene Spende ab. Mit dem Geld lassen sich schließlich Fußballstadien bauen oder schöne Boulevards, durch die das Militär später zum Jahrestag der Machtergreifung paradieren kann. Man kann damit Limousinen kaufen und Reisen unternehmen, um auf Uno-Konferenzen mit anderen Staatschefs und Entwicklungshilfeministern die Hungerprobleme der Welt zu wälzen.

Dass in Afrika gehungert wird, liegt vor allem daran, dass sich der kommerzielle Anbau von Lebensmitteln und der Handel damit nicht lohnen. Entweder ruiniert die Entwicklungshilfe die Preise, oder ruchlose wie korrupte Führer bestehlen das Volk. In kaum einem afrikanischen Land ist zudem privater Grundbesitz gestattet, alles gehört dem Stamm oder dem Staat.

Wo kommerzielle Landwirtschaft funktionierte, wie in Simbabwe, Südafrika oder Namibia, wird sie hingegen durch die Vertreibung der weißen Siedler zerstört. Die namibische Landreform wird dabei ironischerweise sogar mit deutschen Steuergeldern finanziert. Bald werden auch diese Länder am Tropf des Rests der Welt hängen.

Wo Hunger herrscht, sind skrupellose Politiker schuld

Es ist also eine Mär, dass in Afrika gehungert werden müsste. Der größte Teil Afrikas ist dünn besiedelt. Viele Länder verfügen über ein Klima, in dem alles gedeiht. Lange glaubte man etwa, die größten Hungerprobleme würden irgendwann in dichtbesiedelten asiatischen Ländern wie China und Indien auftauchen. Doch zwischenzeitlich produzierten gerade diese Staaten sogar Überschüsse. Im ebenfalls sehr dicht besiedelten Europa wurden ähnliche Erfahrungen gemacht, hier arbeiten nur noch rund drei Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft - und dennoch können massenhaft Überschüsse produziert werden.

Wo wirklich Hunger herrscht, sind skrupellose Führer schuld, die ihre Völker ausbeuten und darben lassen oder in Kriege hetzen. Der Sozialist Mengistu Haile Mariam von Äthiopien war so jemand oder sein Kollege Robert Mugabe in Simbabwe, bei dem er dann auch konsequenterweise untergekrochen ist. So ist es heute im Sudan oder in Somalia oder im Tschad oder bei den Steinzeitkommunisten in Eritrea.

Dem Rest des Kontinents aber wäre mehr geholfen, wenn man den Selbstheilungskräften Afrikas vertrauen würde, anstatt ständig die Dosis einer schädlichen Medizin zu erhöhen. Eine Reihe afrikanischer Intellektueller fordert, man solle Afrika endlich in Ruhe lassen, die Afrikaner seien schließlich nicht suizidal veranlagt. Handel würde die Probleme besser lösen als Hilfe. Auch müsse Grund und Boden endlich privatisiert werden, und die Alimentierung von Diktatoren müsse ein Ende finden.

Sie sehen das Heil im Gegenteil von Entwicklungshilfe - und das wäre mal einen Versuch wert.

Karl-Ludwig Günsche

Elizabeth Paulson, Südafrika:
"Wie kriege ich sie heute wieder satt"
Elizabeth Paulson hat als einzige in ihrer Familie feste Arbeit. Doch die Kosten für Lebensmittel, Strom und Wasser sind so stark gestiegen, dass das Geld nur noch für die Grundversorgung reicht. Meist gibt es Marmeladenbrot oder Maisbrei - und die nächste Preiserhöhung steht schon fest. Aufgezeichnet von Karl-Ludwig Günsche mehr...


Andreas Lorenz

Yu Liping, Peking:
"Chinesische Hausfrauen sind sehr sparsam"
Die Sekretärin Yu Liping spürt den Preisanstieg im Supermarkt deutlich - was jedoch für sie und ihren Mann kein großes Problem ist: Sie sind Doppelverdiener mit einem Kind. Die abendliche Milch für den Sohn und die regelmäßigen Restaurantbesuche sind weiterhin drin. Aufgezeichnet von Andreas Lorenz mehr...


Reyna Diaz, Mexiko-Stadt:
"Für drei Mahlzeiten am Tag reicht es nicht"
Reyna Diaz kann ihrer Familie kein Mittagessen mehr geben. Das Frühstück muss jetzt bis zum Abendbrot reichen. Manchmal muss sie die letzten Notgroschen antasten, um ihren Mann, die Kinder und den Enkel satt zu bekommen. Aufgezeichnet von Klaus Ehringfeld mehr...


Hilja Müller

Anita Antonio, Philippinen:
"Manchmal geben meine Arbeitgeber mir ihre Reste mit"
Anita Antonio arbeitet an sieben Tagen die Woche, um ihre Familie zu ernähren. Ihr Mann ist arbeitslos und sie von Juni bis August auch. Wie die 35-Jährige dann ihre drei Kinder satt bekommen soll, weiß sie nicht. Aufgezeichnet von Hilja Müller mehr...


Horand Knaup

Brenda Ondisa, Kenia:
"Ein halbes Brot pro Tag muss reichen"
Brenda Ondisa will vor allem ihrer kleinen Tochter Shamine alles geben, was sie braucht. Sie und ihr Mann Samuel hungern oft, damit die Zweijährige genug zu essen hat. Fleisch kann sich die Familie schon lange nicht mehr leisten - und auch Brot gibt es nur noch halbsoviel wie früher. Aufgezeichnet von Horand Knaup mehr...


Jürgen Kremb

Catherine Chin, Singapur:
"Die Inflation macht uns sehr zu schaffen"
Eine typische Mittelstandsfamilie in Singapur: er selbständig, sie Hausfrau, drei Kinder, keine Sorgen. Doch inzwischen sind die Lebensmittelpreise so gestiegen, dass die 44-jährige Catherine Chin auf jeden Cent achten muss, um ihre Familie satt zu bekommen. Aufgezeichnet von Jürgen Kremb mehr...


Britta Petersen

Vijayama, Indien:
"Wir essen jetzt mehr Sardinen -: die sind nahrhaft und preiswert"
Vijayama muss von umgerechnet 130 Euro im Monat 13 Kinder satt bekommen - kaum möglich mit den heutigen Preisen. Viele Lebensmittel sind komplett gestrichen. Mangos und Spinat gibt's nur deshalb noch, weil sie sie selber im Garten anbaut. Aufgezeichnet von Britta Petersen mehr...


Asèta Ouédraogo, Burkina Faso:
"Schulgeld für die Kinder können wir nicht mehr bezahlen"
Statt Reis mit Gemüse gibt es meist nur noch Maisfladen: Drei Viertel ihrer Einkünfte muss Asèta Ouédraogo aus Burkina Faso für Nahrungsmittel ausgeben. Wenn die Preise so hoch bleiben, kann bald keines der vier Kinder mehr zur Schule gehen. Aufgezeichnet von Hannes Mehrer mehr...


Amira El Ahl

Tahia Alwi Mohammed, Ägypten:
"Am Monatsende ist das Geld weg"
Tahia Alwi Mohammed lebt in der Oase Farafra in der Wüste Ägyptens. Sie und ihr Mann haben beide gute Jobs - doch vom gemeinsamen Einkommen gehen trotzden zwei Drittel nur für Lebensmittel drauf. Die Kinder fragen ihre Mutter, warum sie sie geboren habe. Aufgezeichnet von Amira El Ahl mehr...

Warum die Lebensmittelpreise so hoch sind
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Neue Essgewohnheiten
In China, Indien und anderen Schwellenländern wächst die Mittelschicht, die sich dank ihres neuen Wohlstandes anders ernährt. Und das heißt: mehr Fleisch und Milch, weniger Reis und Gemüse. Für die Herstellung von Fleisch benötigt man allerdings vergleichsweise viel pflanzliche Nahrung, so müssen etwa für eine Kalorie Rindfleisch sieben Kalorien Pflanzennahrung verfüttert werden. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 50 Kilogramm pro Jahr schon heute mehr als halb so hoch wie in den Industrieländern. Trotzdem gab es in dem Land zuletzt eine Überproduktion an Reise und anderen Grundnahrungsmitteln. Das Land führte zuletzt netto noch Fleisch aus. Nur bei Sojabohnen und Futtermittel für Hühner wurde im großen Stil importiert.

Biokraftstoffe
Laut Weltbank ist es der verstärkte Anbau der sogenannten Energiepflanzen, der je nach Land 30 bis 70 Prozent der Preissteigerungen verursacht haben könnte. Denn vor allem in Europa und den USA werden immer häufiger Mais, Raps, Futterrüben oder Zuckerrohr mit dem Ziel angebaut, daraus Biokraftstoffe zu gewinnen. Damit soll die Abhängigkeit von Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas vermindert werden und der Ausstoß von Kohlendioxid verringert werden. Experten schätzen, dass die Biospritherstellung derzeit weltweit mit jährlich sechs Milliarden US-Dollar subventioniert wird, allein in der EU fließen jedes Jahr 90 Millionen Euro an Subventionen. Allerdings bemängeln Kritiker, dass der Anbau von Energiepflanzen zu Lasten von Wasser, Boden und Biodiversität gehe. Dazu kommt die verschärfte Konkurrenz um Anbauflächen.

Spekulationen
Längst wird an den internationalen Börsen auch mit Papieren gehandelt, die auf die Preisentwicklung bei Lebensmitteln setzen. Experten vermuten, dass etwa ein Viertel des Preisanstiegs bei den Nahrungsmitteln auf Spekulationsgeschäfte zurückzuführen ist. Welchen Einfluss diese Handelsströme haben, hat sich am Beispiel der Ukraine gezeigt: Als das Land beschloss, mehr Raps für die EU anzubauen, stieg der langfristige Weizenpreis um ein Drittel. Als US-Präsident George Bush ankündigte, Bio-Ethanol zu fördern, verdoppelte sich der Zuckerpreis.
Schlechte Ernten
Ein Teil des Preisanstiegs der vergangenen Monate ist auf normale wie vorübergehende Faktoren zurückzuführen: In einigen Teilen der Welt kam es durch Dürre oder heftige Regenfälle in den vergangenen zwei Jahren zu schlechten Ernten. So hat Australien, immerhin einer der größten Weizenexporteure der Welt, 2006 und 2007 massiv unter Trockenheit gelitten; die Ernte sank von 25 Millionen Tonnen Weizen auf 13 Millionen Tonnen. Auch in der EU ernteten die Bauern zehn Millionen Tonnen weniger Getreide als erwartet - gleichzeitig sind die Lager der EU so leer wie noch nie. Denn in den vergangenen Jahren war es das erklärte Ziel, die Überproduktion abzubauen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 142 Beiträge
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1. Schöner Artikel
pappel 04.06.2008
Leider aber ein alter Hut. vor 10 Jahren wurde schon von Afrikanischer (!) Seite gefordert die Entwicklungshilfe abzuschaffen. Aber der Westen möchte halt gerne ein hilfloses Afrika.....
2. Großartiger Artikel
michael76 04.06.2008
Leider wird dieser Aspekt der Entwicklungshilfe viel zu selten erwähnt. Ich denke, dass am Entwicklungshilfe-Hype auch ein latenter Rassismus schuld ist, der den Europäern irgendwie einredet, dass Afrikaner nicht in der Lager sind, ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln und ihnen deswegen geholfen werden muss.
3. Teilwahrheit
dieMegamaschine, 04.06.2008
Was mir auffällt an diesen Beiträgen, dass sie viel "blablabla" enthalten und eigentlich nie auf den Punkt kommen, nie den Kern der Dinge herausschälen und Nebel verbreiten. Afrika hungert, weil diese Länder immer noch faktisch kolonisiert werden, sie als billige Rohstofflieferanten gelten und weil die EU und die USA ihre subventionierten Agrarprodukte in diese Länder pumpt und dort den einheimischen Markt kaputt macht. Gleichzeitig werden Anbauflächen geschaffen für Monokulturen und die Bauern sind gezwungen, für Billiglöhne, die an der Armutsgrenze liegen und kaum zum Überleben reichen, auf diesen Großplantagen zu arbeiten. Dazu kommt dann noch bewaffnete Auseinandersetzungen um Geld und Macht und Rohstoffe mit Hilfe von Waffen aus den USA, aus Europa oder Russland. Entwicklungshilfe sieht dann so aus, dass Konzerne sich nur um ihre Absatzmärkte und Rohstoffbeschaffungen kümmern. Das Elend der Bevölkerung interessiert niemanden. Solange Firmen wie Monsanto frei und ungehindert agieren können und den Welthunger dazu nutzen, ihren Genfraß zu verbreiten, wird dieses Problem nie gelöst.
4. alter Hut
SaT 04.06.2008
Zitat von pappelLeider aber ein alter Hut. vor 10 Jahren wurde schon von Afrikanischer (!) Seite gefordert die Entwicklungshilfe abzuschaffen. Aber der Westen möchte halt gerne ein hilfloses Afrika.....
Ein alter Hut – aber es passiert nichts. Deshalb muss man dies immer wieder erwähnen Das glaube ich nun nicht. Es ist vielmehr so, dass Entwicklungshilfe ein Milliardengeschäft ist. Und wo es um so viel Geld geht wird natürlich in den Medien fleißig die Werbetrommel gerührt sowie eine starke Lobby in der Politik aufgebaut.
5. Das kleine "Aber..."
clan_berlin 04.06.2008
Schön wieder von Herr Thielke zu hören. Ich bin selber einer dieser Entwicklungshelfer und kann ihm nur Recht geben. Aber wie das so ist: Es gibt auch Ausnahmen. Mein Projekt unterstütze Exporteure beim Aufbau eines Vertriebsnetzes, vom Anbau bis zum Importeur in Asien und Europa. Da können die Bauern endlich richtig Geld machen. Zugegeben wenn ich mir mein Umfeld anschaue, Kollegen aus anderen Organisationen, dann bin ich auch oft am Verzweifeln… Nun kommt die gute Nachricht! Die hohen Lebensmittelpreise sind ein Segen für Afrika, da wird es auch dem World Food Program,USAID,CARE, etc. zu teuer Lebensmittel zu verschenken, war ja ehe dafür gedacht westliche Überschussproduktion zu subventionieren. Und die Entwicklungshelfer? Ich hoffe, die kommen auf den Trichter und unterstützen die Bauern hier mit Produktionsmitteln wie subventioniertem Dünger, Kredite, damit die es sich leisten können Nahrungsmittel anzubauen. Wenn Afrika jetzt nicht mitzieht bei der Produktion, könnte es böse enden und der Segen zum Fluch werden.
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