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Hungerkrise: Wie Entwicklungshelfer den Tod nach Afrika bringen

Ein Kommentar von Thilo Thielke

In Afrika müsste niemand hungern. Der Hunger dort ist ein Machwerk skrupelloser Herrscher - und ihrer Freunde im Westen. Paradoxerweise sind es Entwicklungshilfeminister, die sich dem Fortschritt in den Weg stellen.

Folgt man der Logik des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen, dann ist das ostafrikanische Kenia mit seinen rund 32 Millionen Einwohnern ein einziges Hungerkatastrophengebiet. In dem beliebten Reiseland, berühmt für Nationalparks wie Tsavo, Samburu oder Meru, verteilen die Uno-Leute nämlich jedes Jahr mehr Lebensmittel als im Südsudan - das jahrzehntelang von Bürgerkriegen verheert wurde. Stirbt Kenia nun also den Hungertod?

Wenn es so wäre, würde es Afrikas Aussichten, sich jemals selbst ernähren zu können, recht düster erscheinen lassen. Ein Blick auf die Landkarte zeigt nämlich, dass Kenia am Victoriasee liegt. Der Victoriasee, von seinem britischen "Entdecker" John Hanning Speke weiland nach dessen Queen benannt, ist eigentlich wie ein Meer - trotz seines stetig sinkenden Wasserpegels. Dieses Binnenmeer verbindet Tansania und Uganda mit Kenia. Es ist ungefähr 68.000 Quadratkilometer groß und damit der größte See Afrikas. Und: Er ist voller Süßwasser.

In Kenia stellt sich also - ähnlich übrigens wie in Malawi, aus dem ebenfalls regelmäßig von Hungersnöten berichtet wird - die Frage: Kann man eigentlich neben einem solch gigantischen Süßwasserreservoir verhungern?

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Natürlich ist Kenia groß. Es verfügt über Savannen, Hochland, Trockenzonen im Norden, Gebirge und feuchtschwüle Gegenden wie die 480 Kilometer lange Ostküste am Indischen Ozean oder den Kakamega-Regenwald im Westen - wo geradezu Treibhausklima herrscht. Wenn man es nur halbwegs geschickt anstellt, dürfte in so einem Land niemand verhungern - und zwar auch ohne die Hilfe der Philanthropen von der Weltgemeinschaft.

Was im Westen dieses gesegneten Landes an Überschüssen produziert wird, müsste einfach in den Norden geliefert und dort verkauft werden. Was den Landwirten einen Anreiz verschaffen würde, mehr zu produzieren. Wenn sie mehr verdienen, zahlen sie auch mehr Steuern. Der Staat nimmt mehr ein und kann in den Ausbau der desaströsen Infrastruktur stecken.

Wie ist das aber nun in Afrika?

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Natürlich würde der afrikanische Staat das eingenommene Geld nur äußerst ungern in den Ausbau des Straßennetzes stecken. Gerade erst hat der kenianische Finanzminister Amos Kimunya verkündet, er müsse dringend an der Infrastruktur sparen, weil er sonst das Kabinett nicht bezahlen kann. Kenia hat jetzt 94 Minister und Hilfsminister. Jeder verdient mehr als 20.000 Dollar im Monat und benötigt dazu noch einen eigenen Hofstaat. Im kenianischen Haushalt klafft aus diesem Grund ein Riesenloch von rund 300 Millionen Dollar. Demnächst werden die Kenianer deshalb erklären, die reiche Welt müsse diese Rechnung bezahlen. Andernfalls verhungerten die Kenianer, und der - unter anderem erst durch die Schaffung dieses voluminösen Kabinetts - mühsam erkämpfte Frieden sei in Gefahr.

Die Straßen sind also katastrophal, und sie bleiben es für eine Weile, weswegen der Mais aus dem Westen Tage oder Wochen benötigen würde, um in den Norden des Landes zu gelangen. Aber was soll er da auch? Herrschte im Norden des Landes ein Engpass, war bisher meist schon das World Food Program da und hat kostenlos Lebensmittel verteilt. Dafür werden die Mitarbeiter bezahlt: dass sie Hunger bekämpfen. Und deshalb schreiben sie in der Regel Berichte, in denen die Lage in Afrika dramatisch geschildert wird und die meistens mit Appellen enden, dass mehr Lebensmittel gespendet werden müssten.

Die Entwicklungshelfer, deren Berichte unser Afrikabild maßgeblich prägen, tun das gewissermaßen aus einem Selbsterhaltungstrieb, von dem sie glauben, er sei bei den Afrikanern nicht vorhanden. Die würden ohne Hilfe alle verhungern, sagen die Helfer. Die Helfer würden ohne Hilfe allerdings alle arbeitslos.

Und wenn die Hilfe da ist? Leiden erst einmal die Händler, denn die Lebensmittelpreise fallen ins Bodenlose. Vorratslager anzulegen, lohnt bei der gegenwärtigen Praxis also nicht. Außerdem leiden die Landwirte, denn ihre Ernte wird wertlos. Besser beraten ist folglich, wer sich in der Nähe der Helfer tummelt. Dort gibt es alles umsonst, und arbeiten muss man auch nicht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 142 Beiträge
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1. Schöner Artikel
pappel 04.06.2008
Leider aber ein alter Hut. vor 10 Jahren wurde schon von Afrikanischer (!) Seite gefordert die Entwicklungshilfe abzuschaffen. Aber der Westen möchte halt gerne ein hilfloses Afrika.....
2. Großartiger Artikel
michael76 04.06.2008
Leider wird dieser Aspekt der Entwicklungshilfe viel zu selten erwähnt. Ich denke, dass am Entwicklungshilfe-Hype auch ein latenter Rassismus schuld ist, der den Europäern irgendwie einredet, dass Afrikaner nicht in der Lager sind, ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln und ihnen deswegen geholfen werden muss.
3. Teilwahrheit
dieMegamaschine, 04.06.2008
Was mir auffällt an diesen Beiträgen, dass sie viel "blablabla" enthalten und eigentlich nie auf den Punkt kommen, nie den Kern der Dinge herausschälen und Nebel verbreiten. Afrika hungert, weil diese Länder immer noch faktisch kolonisiert werden, sie als billige Rohstofflieferanten gelten und weil die EU und die USA ihre subventionierten Agrarprodukte in diese Länder pumpt und dort den einheimischen Markt kaputt macht. Gleichzeitig werden Anbauflächen geschaffen für Monokulturen und die Bauern sind gezwungen, für Billiglöhne, die an der Armutsgrenze liegen und kaum zum Überleben reichen, auf diesen Großplantagen zu arbeiten. Dazu kommt dann noch bewaffnete Auseinandersetzungen um Geld und Macht und Rohstoffe mit Hilfe von Waffen aus den USA, aus Europa oder Russland. Entwicklungshilfe sieht dann so aus, dass Konzerne sich nur um ihre Absatzmärkte und Rohstoffbeschaffungen kümmern. Das Elend der Bevölkerung interessiert niemanden. Solange Firmen wie Monsanto frei und ungehindert agieren können und den Welthunger dazu nutzen, ihren Genfraß zu verbreiten, wird dieses Problem nie gelöst.
4. alter Hut
SaT 04.06.2008
Zitat von pappelLeider aber ein alter Hut. vor 10 Jahren wurde schon von Afrikanischer (!) Seite gefordert die Entwicklungshilfe abzuschaffen. Aber der Westen möchte halt gerne ein hilfloses Afrika.....
Ein alter Hut – aber es passiert nichts. Deshalb muss man dies immer wieder erwähnen Das glaube ich nun nicht. Es ist vielmehr so, dass Entwicklungshilfe ein Milliardengeschäft ist. Und wo es um so viel Geld geht wird natürlich in den Medien fleißig die Werbetrommel gerührt sowie eine starke Lobby in der Politik aufgebaut.
5. Das kleine "Aber..."
clan_berlin 04.06.2008
Schön wieder von Herr Thielke zu hören. Ich bin selber einer dieser Entwicklungshelfer und kann ihm nur Recht geben. Aber wie das so ist: Es gibt auch Ausnahmen. Mein Projekt unterstütze Exporteure beim Aufbau eines Vertriebsnetzes, vom Anbau bis zum Importeur in Asien und Europa. Da können die Bauern endlich richtig Geld machen. Zugegeben wenn ich mir mein Umfeld anschaue, Kollegen aus anderen Organisationen, dann bin ich auch oft am Verzweifeln… Nun kommt die gute Nachricht! Die hohen Lebensmittelpreise sind ein Segen für Afrika, da wird es auch dem World Food Program,USAID,CARE, etc. zu teuer Lebensmittel zu verschenken, war ja ehe dafür gedacht westliche Überschussproduktion zu subventionieren. Und die Entwicklungshelfer? Ich hoffe, die kommen auf den Trichter und unterstützen die Bauern hier mit Produktionsmitteln wie subventioniertem Dünger, Kredite, damit die es sich leisten können Nahrungsmittel anzubauen. Wenn Afrika jetzt nicht mitzieht bei der Produktion, könnte es böse enden und der Segen zum Fluch werden.
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