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28. Juli 2011, 11:23 Uhr

Hungersnot in Afrika

"Die Krise ist menschengemacht"

Die Supermacht China breitet sich in Afrika aus - das ist laut dem Afrika-Beauftragten der Bundesregierung nicht ohne Risiko für die dortige Bevölkerung. Manche Regierungen verkauften ihr Land lieber an Investoren als die eigenen Kleinbauern zu unterstützen.

Frankfurt am Main - Hunderte von Verträgen haben die chinesische Regierung und Privatunternehmen mit Afrikanern abgeschlossen. Wie kein anderes Land engagiert sich die Großmacht China auf dem Kontinent. Die Firmen fördern Öl vor der angolanischen Küste, betreiben Kupferminen in Sambia, bauen achtspurige Straßen in Kenia.

China hat den afrikanischen Markt erschlossen - doch das ist nach Ansicht des Afrika-Beauftragten der Bundesregierung, Günter Nooke (CDU), auch riskant für die Einheimischen. Dies zeigt sich seiner Meinung nach in der aktuellen Hungerkrise. Rund zwölf Millionen Menschen leiden unter der schwersten Dürre seit 60 Jahren - betroffen sind Männer, Frauen und Kinder in Somalia, Kenia, Äthiopien, Dschibuti, Uganda und im Sudan.

Nooke verwies in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" auf das Beispiel Äthiopien, wo große Teile von Land an ausländische Unternehmen oder an Staaten wie China verkauft würden, die dort Landwirtschaft betreiben wollten. Dies sei "für eine kleine Elite sehr attraktiv", so Nooke. Der breiten Bevölkerung wäre jedoch mehr geholfen, wenn sich die dortige Regierung um den Aufbau besserer eigener landwirtschaftlicher Produktionsstrukturen kümmern würde. "Klar ist auf alle Fälle: Die Katastrophe ist auch menschengemacht", sagte er.

Es sei zwar nicht alles schlecht, was China in Afrika mache, "aber Lebensmittel nur für den Export zu erzeugen, kann noch zu großen sozialen Konflikten in Afrika führen, wenn dadurch Kleinbauern der Boden und damit ihre Lebensgrundlage entzogen wird".

Grundsätzlich habe Afrika gute Bedingungen für eine ausreichende Lebensmittelversorgung, so Nooke. Oft seien zwei bis drei Ernten pro Jahr möglich. Allen Experten sei aber klar, dass die traditionelle Landwirtschaft durch Kleinbauern nicht mehr ausreiche. Außerdem zeige die gegenwärtige Katastrophe, wie wichtig Bewässerungssysteme, eine richtige Lagerhaltung oder der Einsatz dürreresistenter Pflanzen seien. Da dies kostspielig sei, müsse eine industrielle Landwirtschaft aufgebaut werden, sagte der Regierungsbeauftragte. "Wir wollen das international stärker fördern", kündigte er an.

Angesichts der Hungerkatastrophe wurde bei einer internationalen Konferenz in Rom am Montag ein zweigleisiger Aktionsplan beschlossen, der nicht nur Soforthilfe für die Notleidenden vorsieht, sondern auch langfristige Maßnahmen. Bauern und Fischern soll damit Hilfe zur Selbsthilfe gegeben und der Landwirtschaftssektor ausgebaut werden. Besonders unterstützt werden sollen Hirten sowie Landwirte mit Viehzucht.

Anfang der Woche erhöhte die Bundesregierung wegen der Dürre ihre Hilfen von gut 15 Millionen auf über 30 Millionen Euro. Hinzu kommen etwa 32 Millionen Euro aus Deutschland, die im Rahmen von neuen Hilfen der EU-Kommission nach Afrika gehen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel reiste vor zwei Wochen durch Afrika. Für ihren Besuch hatte sie allerdings nur drei Tage Zeit - sie bereiste lediglich Kenia, Angola und Nigeria. Die Hungersnot in Ostafrika war bei den Gesprächen der Kanzlerin zwar ein Thema. Doch in der Öffentlichkeit blieb vor allem ein Rüstungsgeschäft der Bundesregierung mit Angola hängen.

Ansonsten aber tut sich die deutsche Wirtschaft schwer mit Geschäftsbeziehungen in Afrika. Viele früher enge Kontakte sind verlorengegangen, die Unternehmen scheuen die Risiken, die mit einem Afrika-Engagement verbunden sind.

Die Großmacht China dagegen ist in Afrika auf dem Vormarsch. Staatspräsident Hu Jintao hat viele Länder dort bereist, der Premier und der Außenminister sind regelmäßig auf dem Kontinent unterwegs. Sino-afrikanische Treffen auf Ministerebene sind üblich und werden von den Afrikanern gern besucht, weil sie die Rückreise regelmäßig mit neuen Aufträgen in der Tasche antreten können. Demokratische Strukturen und Menschenrechte sind für Peking nebensächlich.

Rund eine Million Chinesen sollen sich inzwischen auf dem Kontinent niedergelassen haben. Deren Dominanz hat US-Außenministerin Hillary Clinton vor einigen Wochen dazu veranlasst, vor einem Kolonialismus Chinas zu warnen: "Wir haben es doch in der Kolonialzeit gesehen, wie leicht das geht: reinkommen, die Ressourcen zu räubern, die Herrscher zu bezahlen und wieder zu verschwinden."

kgp/AFP/Reuters

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