Hungersnot in Nordkorea: Das Dilemma der Helfer

Von Sonja Ernst

In Nordkorea steckt die Arbeit der Hilfsorganisationen in einer politischen Zwickmühle: Sie wollen die Tyrannei nicht stützen, aber die Menschen auch nicht verhungern lassen. Manche humanitären Gruppen haben Nordkorea verlassen, andere kämpfen vor Ort um jeden kleinen Erfolg.

Kinder in Nordkorea: Seit Jahren herrscht Unterernährung
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Kinder in Nordkorea: Seit Jahren herrscht Unterernährung

Berlin - Nordkoreaner können ihr Radio nur ein- oder ausschalten, der Sender ist immer derselbe. Über den fest installierten Kanal ertönt Propaganda non-stop: die Huldigungen des "Geliebten Führers" Kim Jong Il. "West-Radio" wie in der DDR ist undenkbar, dafür sorgen die Störsender des Regimes. Hier herrscht Big Brother: Ideologische Gehirnwäsche, Bespitzelung und Angst bestimmen den Alltag der 22 Millionen Menschen. Seit mehr als fünfzig Jahren sind die Nordkoreaner hermetisch von der Außenwelt abgeschottet: Ein Meisterwerk in Zeiten der Globalisierung, wäre es nicht ein Regime des Terrors und des Hungers.

Mitte der neunziger Jahre starben schätzungsweise rund zwei Millionen Menschen den Hungertod. Nach zwei Flutkatastrophen war die Ernte ausgeblieben. Aber nicht die Naturgewalten hatten Schuld an der Tragödie: Die Menschen hungerten bereits, die Industrie war vollkommen marode und Kim Jong Il und sein Clan waren einzig am Machterhalt interessiert.

In den Jahren der größten Not kamen internationale Hilfsorganisationen ins Land, die dem Regime als "Eindringlinge" gelten. Sie könnten den Nordkoreanern erzählen, wie es "draußen" aussieht, und dass die Südkoreaner nicht hungern und in den brutalen Fängen des Erzfeindes USA sind.

Keine Ahnung vom Rest der Welt

Mike Bratzke reiste 1999 zum ersten Mal in die stalinistische Festung. "Kaum zu ertragen war die Ohnmacht, nicht helfen zu dürfen", sagt der 31-jährige. Wenn Menschen auf offener Straße vor Hunger und Schwäche in sich zusammensanken, durfte Bratzke nicht helfen: Einmischung unerlaubt. "Das war Isolation in einem absolut isolierten Land", sagt Bratzke.

Vier Jahre blieb der Helfer und arbeitete zumeist für die Nothilfe-Organisation Cap Anamur. Als paralysiert hat er die Menschen in Erinnerung. Bei den Fabrikappellen, Paraden und Parteiveranstaltungen tritt man pflichtgemäß an. Wer fernbleibt, macht sich verdächtig und das System der Denunziation funktioniert. "Irgendwann akzeptiert man das alles, wie die Notwendigkeit zu atmen", sagt Bratzke.

Die Auslandshilfe rettet die Nordkoreaner vor dem Hungertod
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Die Auslandshilfe rettet die Nordkoreaner vor dem Hungertod

Zu einzelnen Provinzen ist der Zutritt verboten; niemand weiß, was dort vor sich geht. Bratzke lernte ein wenig Koreanisch, aber das half wenig. Ein Gespräch unter vier Augen mit dem Bauern oder Arbeiter ist fast unmöglich. Ein "Schatten" klebt immer an der eigenen Seite: der Übersetzer, der Fahrer oder jemand vom Volkskomitee - das Regime ist immer dabei.

Cap Anamur zog 2002 den Schlussstrich und kehrte Nordkorea den Rücken. "Nach fünf Jahren mussten wir feststellen, dass wir unter normalen Verhältnissen dasselbe in einem Jahr hätten erreichen können", sagt Rupert Neudeck, Gründer von Cap Anamur. Das Team wollte sich freier bewegen und forderte direkten Kontakt zu den Menschen - eigentlich Selbstverständlichkeiten. Doch die Machthaber schalteten auf stur; Cap Anamur ging. "Man sollte nicht auf Biegen und Brechen durchhalten", sagt Neudeck.

Die humanitäre Hilfe der letzten Jahre hat vielen Nordkoreanern das Leben gerettet. Doch die Menschen sind weiterhin zu kraftlos und zu sehr in den konfuzianistischen Traditionen gefangen als dass sie aufbegehren. Es soll Aufstände geben, doch diese sind spontan und nicht vernetzt. Auf Gegenwehr reagiert Pjöngjang unmittelbar und brutal. Das Regime hat Arbeitslager errichtet, das beweisen Satellitenbilder und Flüchtlings-Berichte.

Baumrindensuppe im Gulag

Amnesty International schätzt 200.000 Gefangene in diesen gulag-artigen Lagern, so Roland Brauckmann, Nordkorea-Koordinator von ai. Sie heißen "Umerziehung durch Arbeit" und sind großflächige Gelände mit Kohlengrube und Fabrik. Hier sitzen nicht nur politische Gefangene, die den Mut hatten dem Regime zu widersprechen. Es werden auch Diebe eingesperrt, die vor Hunger stahlen. "Sie gelten als 'wirtschaftlich unnötige Menschengruppe'", sagt Brauckmann. Die Gefangenen sind nur noch Arbeitsmasse, mit Baumrindensuppe hält man sie am Leben.

Seit 2004 kämpft Amnesty International gezielt für das Menschenrecht auf Ernährung, so Brauckmann. Der Knochenbau von Kindern läge drei Jahre hinter dem ihrer südkoreanischen Altersgenossen zurück. Es herrscht eine permanente Unter- und Fehlernährung. Der "Geliebte Führer" Kim Jong Il hält sein Volk am Limit - verhungern darf es nicht, denn es soll arbeiten.

Der Tyrann Kim Jong Il: Er mag Parties und Luxus
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Der Tyrann Kim Jong Il: Er mag Parties und Luxus

Zugleich leistet sich das Regime die fünftgrößte Armee weltweit. Rund eine Million Soldaten stehen für den Wahnsinn des "Geliebten Führers" bei Gewehr, bis zu 800.000 Reservisten und drei bis vier Millionen paramilitärischer Einheiten. Nach Schätzungen des CIA fließen bis zu 33 Prozent des Bruttoinlandproduktes in die Verteidigung. Doch abgesehen von der nuklearen Volksbombe, ist die militärische Ausrüstung "im Kriegsfall wenig wert", so Hanns Günther Hilpert von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

In Nordkorea herrscht ein Personenkult, der an gottähnliche Wahnvorstellungen erinnert. Kim Il Sung, der Vater des jetzigen Tyrannen lächelt nach wie vor von allen öffentlichen Gebäuden. Als der "Große Führer" Kim Il Sung 1994 starb, bestieg sein Sohn den "Thron". Seitdem gilt Kim junior als einer der schillerndsten Tyrannen auf der Weltbühne. Er hält sich für einen Weltklasse-Gourmet und gibt gerne den Playboy. Sein japanischer Sushi-Chef packte in einem Buch aus: Er berichtet von Partys mit nackten Frauen, Luxusgütern im Überfluss und einem sprunghaften, rätselhaften Kim Jong Il.

Die Reisdiplomatie ist keine Lösung

"Das Bild des bizarren und irrationalen Kims ist nur eine Facette ", sagt der Nordkorea-Experte Hilpert. Bislang beweist sich Kim Jong Il als guter Pokerspieler. Seine Drohungen an die Weltgemeinschaft wirken systemerhaltend: Niemand will den Zusammenbruch der Kim-Dynastie und so werden die Hilfslieferungen nicht gestoppt. Doch dieser "Reisdiplomatie" fehlt der rote Faden.

"Solange das Ausland Nordkorea ernährt, kann das Land mit seinen Devisen nachrüsten", sagt Hilpert. Doch was machen? Gehen wie Cap Anamur? "Auch wir haben unsere Bauchschmerzen", sagt Uwe Müller von der Deutschen Welthungerhilfe. Seit 1997 arbeitet die Hilfsorganisation in Nordkorea. Bislang sind 40 Millionen Euro geflossen, so der Programm-Manager. Mit Pjöngjang gibt es tagtägliche Diskussionen um die Bewegungsfreiheit der Mitarbeiter und Kontroll-Besuche der Projekte.

Gegen den Erzfeind USA: Pjöngjang rüstet weiter auf
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Gegen den Erzfeind USA: Pjöngjang rüstet weiter auf

"Wenn wir uns zurückziehen, verlieren wir zu viel", sagt Müller. Jetzt gab es ein Novum: Seine Kollegin Petra Küper durfte 50 nordkoreanische Familien zu Hause besuchen - mit den "Aufpassern" an ihrer Seite. Küper wurde freundlich und offen empfangen, viele hatten noch nie einen Ausländer gesehen. Die Wohnungen waren oft nackt: kein Tisch, kein Schrank - es fehlte an Strom und Wasser. Obwohl Besuche durchaus gestellt schienen, so Küper, haben Frauen zu ihr gesagt: "Wir haben Hunger". Unter dem Regime kann das ein Todesurteil bedeuten.

Solche Offenheit ist selten. Am ehesten ist der Kontakt zu den nordkoreanischen Mitarbeitern möglich. Die sind handverlesen und werden der Deutschen Welthungerhilfe zugeteilt. Im Büro in Pjöngjang sitzt man dann Schulter an Schulter, wo sich Freundschaften durchaus anbahnen können. Aber es bleiben Alltagsfreundschaften, die große Politik bleibt außen vor.

Als Ausländer kommt man nicht in den Gulag

Müller nutzt seine Möglichkeiten und schickt regelmäßig deutsche Presseartikel über Nordkorea in das Pjöngjanger Büro. "Wenn wir den Kollegen die Artikel vorlegen, schaut man erst einmal in ein verknistertes Gesicht", sagt Müller. Manchmal wird diskutiert, wenn auch zaghaft. Doch die Deutschen vermeiden, dass sich Nordkoreaner um Kopf und Kragen reden. "Als Ausländer hatte ich Narrenfreiheit, aber mich steckt man auch nicht in den Gulag", sagt Bratzke.

Es gilt Feingefühl und Zurückhaltung, aber auch ein ständiges Taxieren der Grenzen. Der Ostdeutsche Bratzke galt quasi als "Nordkoreaner" und die deutsche Wiedervereinigung war oft Thema. Doch sobald er die deutsche Teilung mit der koreanischen verglich, endete das Gespräch: "Nein. In Nordkorea ist doch alles ganz anders." Viele Nordkoreaner sind von ihrer Sicht der Dinge auch einfach überzeugt: "Die USA sind Abschaum und der Rest der Welt versinkt im Leid". Die Propagandamaschine arbeitet schon zu lange und zu gut.

Dagegen anzukämpfen fällt schwer. Doch wie viel an Regeln und Hemmnissen darf die humanitäre Hilfe akzeptieren? Mit dem Welternährungsprogramm der UN flossen seit 1995 Lebensmittel in Höhe von rund 1,5 Milliarden Dollar nach Nordkorea. Die Menschen werden vor dem Hungertod bewahrt, doch zugleich bleiben sie auf dem Niveau der Unterernährung. Nach Jahren der humanitären Hilfe müssen sich die Konditionen endlich verbessern, das Regime muss sich bewegen. In den letzten Jahren gab es jedoch keine klare Nordkorea-Politik weder von den USA, der EU noch von den Nachbarstaaten. Man reagierte lediglich - immer dann, wenn Pjöngjang bellte.

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