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Guantanamo-Protest: Zwangsernährung im Selbstversuch

Von Theresa Breuer

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Es ist ein verstörendes Video: Ein Guantanamo-Häftling wird gegen seinen Willen brutal mit einem Schlauch ernährt. Doch der vermeintliche Gefangene ist in Wahrheit ein bekannter Künstler - der Rapper Mos Def.

Berlin - Wir sehen einen hell erleuchteten Raum, Scheinwerfer richten sich auf einen Stuhl, der dem in einer Arztpraxis ähnelt. Ein dunkelhäutiger Mann läuft auf den Stuhl zu, seine Fußfesseln klirren, eine Kette verbindet sie mit seinen Handschellen. Er trägt einen orangefarbenen Anzug, wie man ihn von unzähligen Bildern von Guantanamo-Häftlingen kennt. Auf dem Stuhl fixieren ihn Menschen, deren Gesichter auf dem Video nicht zu sehen sind. Sie zurren die Lederriemen um seine Handgelenke fest, auch sein Kopf wird festgeschnallt.

Unruhe macht sich im Gesicht des Mannes bemerkbar, während eine Frau im grünen Arztkittel eine Flüssigkeit mit einer Spritze in einen Plastikschlauch füllt. Dann führt sie ihm dem Schlauch in die Nase ein, die Speiseröhre hinunter bis in den Magen. Der Mann verzieht das Gesicht, geschüttelt von Schmerz oder Ekel - oder von beidem. Seine Füße verkrampfen sich, er schüttelt den Kopf hin und her, fängt an zu würgen, zu husten, zu schreien. Er wehrt sich, so sehr das seine Fesseln zulassen.

"Bitte, bitte, bitte aufhören", fleht er. Und immer wieder: "Stopp!" Hysterisch beginnt er zu schluchzen. "Ich bin es", sagt er, "ich kann es nicht tun." Aus dem Off erklingt eine Stimme. "Aufhören", sagt sie.

Rapper will auf Guantanamo-Schicksale aufmerksam machen

Das Video wirkt, als werde ein Guantanamo-Häftling zwangsernährt. Doch bei dem Mann handelt es sich in Wirklichkeit um den amerikanischen Rapper und Schauspieler Yasiin Bey, 39, besser bekannt unter seinem früheren Künstlernamen Mos Def. Der Rapper hat in der Vergangenheit immer wieder mit kritischen Texten und politischem Engagement auf sich aufmerksam gemacht. 2008 wurde er in New York festgenommen, als er bei einer unerlaubten Straßenperformance die Bush-Regierung dafür kritisiert hat, zu wenig für die Opfer des Hurrikans "Katrina" zu tun.

Mit 19 Jahren ist Bey zum Islam konvertiert. Nun will er sich mit den Häftlingen von Guantanamo solidarisch zeigen, nachempfinden, wie es ist, gegen seinen Willen ernährt zu werden, mittels dieser rabiaten Methode. "Es ist eine Art Brennen", beschreibt er die Prozedur in dem Video. "Es wird unerträglich, als ob etwas in dein Gehirn läuft", sagt er, noch sichtlich mitgenommen. "Ich habe es nicht ausgehalten."

Video vermittelt eine Ahnung von Folter

Das Video hat Bey gemeinsam mit der britischen Menschenrechtsorganisation Reprieve (Begnadigung) und dem mehrfach ausgezeichneten Regisseur Asif Kapadia produziert. Am Montag ist es auf der Webseite des "Guardian" erschienen und hat sich binnen weniger Stunden über die sozialen Netzwerke verbreitet.

Zwar mag das vierminütige Video inszeniert sein, doch das macht die Bilder nicht weniger realitätsgetreu. Denn die Anleitung zur Zwangsernährung stammt aus Dokumenten, die vor einigen Wochen an die Öffentlichkeit gelangt sind und von al-Dschasira veröffentlicht wurden. "Warnung", heißt es deshalb zu Beginn des Videos, "einige Zuschauer könnten diese Bilder verstörend finden." Sie vermitteln eine Ahnung davon, dass auch Zwangsernährung eine Art von Folter ist.

Regierung hat keine Lösung für Hungerstreikende

Yasiin Bey und Reprieve wollen mit dem Video auf die mehr als 100 Guantanamo-Häftlinge aufmerksam machen, die sich seit Februar in dem Lager im Hungerstreik befinden. Die Gefangenen protestieren damit gegen ihre Haftbedingungen und gegen die Konfiszierung von persönlichen Gegenständen wie Briefen oder Fotos.

Rund 45 der Männer werden derzeit zwangsernährt. Normalerweise findet das Verfahren zweimal am Tag statt, bis zu zwei Stunden kann es dauern. Aktivisten und Anwälte der Gefangenen haben in der Vergangenheit immer wieder eine Einstellung der harschen Prozedur gefordert. Die Regierung hingegen kontert, dass es sich dabei um eine humane Art handle, die Häftlinge vor dem Verhungern zu schützen.

Gerade ist die Diskussion um die Zwangsernährung neu aufgeflammt. Denn in dieser Woche beginnt der Ramadan, der heilige Fastenmonat des Islam, in dem Muslime tagsüber weder essen noch trinken. Mehrere Häftlinge hatten sich an ein amerikanisches Gericht gewandt und darum gebeten, die Zwangsernährung während des Ramadan auszusetzen. Die US-Regierung hat den Häftlingen nun zugestanden, sie im Fastenmonat ausschließlich nachts zu ernähren. Eine langfristige Lösung für die Hungerstreikenden hat sie bislang jedoch noch nicht gefunden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Dante Terrell Smith, nicht Yasiin Bey (Mos Def)
stammtischhistoriker 09.07.2013
ein Konvertit zum Islam.. (seufz) von denen lasse ich mich noch ungerner über die Ungerechtigkeiten die den Muslimen widerfahren aufklären, als von den gebürtigen. Danke. Die letzte Dexter Staffel hat ja bewiesen, dass er ein ganz passabler Schauspieler ist, daher würde ich das nicht überbewerten.
2. Ein Rechtsstaat kann kein Gefängnis ausserhalb der Rechtssprechung haben
rainer_d 09.07.2013
Man stelle sich vor, die Bundesrepublik unterhielte solche "Sonderstrafanstalten". "Früher" waren das die Konzentrationslager. Da habe es auch solche und solche gegeben - aber am Ende blieb ein KZ eben immer ein KZ. Und so wird Guantanamo eben auch nie ein "normaler" Knast mit normalen Gefangenen sein können, weil er das nie sein sollte. Seine blosse Existenz (und die Weigerung oder Unfähigkeit von Präsident Obama das Lager zu schliessen) ist somit eigentlich nur ein weiteres Indiz dafür, dass die USA wohl schon lange kein Rechtsstaat aus dem Bilderbuch mehr sind. Das ist momentan kein grosses Problem (ist es ja für China auch nicht gross) - es wird eben eher langfristig zum Problem, oder im Angesicht grosser ökonomischer/politischer Krisen oder schlicht bei Naturkatastrophen.
3. Ist das die Freiheit?
G.O.Marvin 09.07.2013
Ich bin nicht antiamerikanisch. Ich bin anti-Folter. Das ist Folter.
4. Man..
hundotto 09.07.2013
..kann sich eigentlich nur wünschen das Bush und seine Schergen,genau wie der aktuelle amerikanische Regierungsapparat,eines Tages für seine Schweinereien angemessen bezahlen müssen.Ich wünsche diesen Schweinen das schlimmste!!Und den Handlangern und Fans dieses widerlichen Regimes soll das gleiche Leid erfahren wie seinen unzähligen,unschuldigen Opfern.Ich hasse es in dieser Scheisswelt leben zu müssen.
5.
J.M.Mierscheid 09.07.2013
Zitat von stammtischhistorikerein Konvertit zum Islam.. (seufz) von denen lasse ich mich noch ungerner über die Ungerechtigkeiten die den Muslimen widerfahren aufklären, als von den gebürtigen. Danke. Die letzte Dexter Staffel hat ja bewiesen, dass er ein ganz passabler Schauspieler ist, daher würde ich das nicht überbewerten.
"Anti-Amerikanismus" jetzt schon im eigenen Land? Was wohl unser Bundesinnenminister dazu sagen wird. Erklären Sie doch mal aus welchen Gründen. Vorher sollten Sie jedoch bedenken, dass das Feriencamp Guantanamo nicht zwangsläufig nur Moslems beherbergt. Durch Ihren etwas salopp daherkommenden Spruch verdeutlichen Sie übrigens, gegen wen diese "Ungerechtigkeiten" in der Wahrnehmung mancher Leute eigentlich gerichtet sind.
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