Idlib-Konferenz in Teheran Drei Männer verhandeln über drei Millionen Syrer

Das Assad-Regime rüstet zur Schlacht um die syrische Provinz Idlib. Bei einem Gipfel mit Wladimir Putin und Hassan Rohani versucht Recep Tayyip Erdogan die Offensive noch abzuwenden. Das wird schwierig.

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Zum dritten Mal innerhalb von zehn Monaten treffen sich am Freitag Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan und Hassan Rohani. Sie werden über den Syrienkrieg beraten. Noch nie stand so viel auf dem Spiel wie bei diesem Treffen in Teheran. Die Präsidenten von Russland, der Türkei und Irans verhandeln über das Schicksal der knapp drei Millionen Menschen in der syrischen Provinz Idlib.

Die russische Regierung erweckt den Eindruck, als sei eine Bodenoffensive nur noch eine Frage von Tagen. Die türkische Führung hält dagegen, dass sie eine Militäroperation, die eine neue Massenflucht in die Türkei auslösen könnte, nicht hinnehmen werde.

Irans Regierung richtet das Treffen am Freitag zwar aus, spielt inhaltlich aber nur eine Nebenrolle. Idlib in Nordwestsyrien liegt fernab der Grenzen zu Libanon und Israel und ist damit für Teheran strategisch nicht besonders wichtig.

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Der syrische Diktator Baschar al-Assad drängt hingegen schon lange auf die Schlacht um Idlib. Mit der Rückeroberung der Provinz hätte das Regime fast alle dicht besiedelten Gebiete des Landes wieder unter seiner Kontrolle. "Wäre Russland nicht, hätte die Operation schon lange begonnen", analysiert Marina Belenkaja vom Carnegie Moscow Center.

Erdogan will Zeit gewinnen

Erdogan wird beim Gipfel in Teheran versuchen, den Beginn einer Bodenoffensive weiter hinauszuzögern. Unter anderem dürfte der türkische Präsident argumentieren, seine Regierung benötige noch mehr Zeit, um die Terrororganisation Hayat Tahrir al-Scham (HTS), die in Idlib rund 10.000 Kämpfer zählt, zum Aufgeben zu bewegen. Deren Präsenz nehmen Moskau und Damaskus zum Vorwand für ihre Militärpläne. Idlib müsse von Terroristen gesäubert werden, sagt Putin.

Aus dem Kreml heißt es, man erwarte zum Abschluss des Gipfels in Teheran eine gemeinsame Erklärung. Das deutet daraufhin, dass Putin, Erdogan und Rohani am Ende zumindest einen Formelkompromiss finden werden. Möglich ist etwa, dass Russland der Türkei einen Teil von Idlib in Grenznähe überlässt, in dem Flüchtlinge unterkommen könnten.

Ob dieser Plan dann aber auch umgesetzt würde, ist äußerst fraglich. Schließlich hatten sich die drei Präsidenten bei ihren bisherigen Treffen formal auch auf die Einrichtung sogenannter Deeskalationszonen in Syrien geeinigt, in denen Zivilisten geschützt werden sollten. Inzwischen hat das Assad-Regime drei von vier Deeskalationszonen in Syrien militärisch erobert, nur Idlib, die vierte, ist bislang von einer Bodenoffensive verschont geblieben.

Die Türkei wäre wie kein anderer Nachbarstaat von einer Offensive des syrischen Regimes in Idlib betroffen. Der türkische Geheimdienst MIT rechnet mit mindestens 250.000 Flüchtlingen, die in die Türkei drängen könnten, wenn Idlib fällt - darunter etliche Dschihadisten. Das Land hat seit 2011 bereits 3,5 Millionen Syrer aufgenommen.

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Krieg in Syrien: Ringen um Idlib

Im Zuge der Wirtschaftskrise wird die Stimmung in der Türkei gegenüber den Flüchtlingen aber immer ablehnender. Laut einer Umfrage der Istanbuler Bilgi-Universität wünschen sich acht von zehn Erdogan-Anhängern, dass die Syrer in ihre Heimat zurückkehren.

Erdogan wird Assad und Putin kaum militärisch herausfordern. Er kann jedoch auch nicht tatenlos einer Militäroffensive zusehen, ohne Chaos an der Grenze und Racheakte von Dschihadisten in türkischen Städten zu riskieren.

Putin braucht Erdogan

Umgekehrt hat aber auch Putin derzeit kein Interesse, Erdogan zu brüskieren. Beide Staatsmänner stimmen sich seit Monaten eng ab - allein in diesem Jahr haben beide 17 Mal miteinander telefoniert.

Angesichts der Spannungen zwischen Erdogan und US-Präsident Donald Trump nutzt Putin sein gutes persönliches Verhältnis zum türkischen Staatschef, um einen Keil in die Nato zu treiben. "Die Türkei durchläuft gerade einen historischen Bruch mit dem Westen, da wird Putin keine Schritte unternehmen, Ankara wieder in den Schoß des Westens zu treiben", prophezeit der türkische Kolumnist Sedat Ergin.

Zudem weiß Putin, dass die Türkei als größter und mächtigster Nachbarstaat ein gewichtiges Wort bei der Nachkriegsordnung in Syrien mitreden wird. Schon mehrfach hat der Kremlchef den Abzug großer Truppenteile aus dem Bürgerkriegsland verkündet, wirklich passiert ist bislang wenig. Langsam gerät Putin in Zugzwang: Er hat große Investitionen im Sozial- und Gesundheitswesen angekündigt. Gleichzeitig verschlingt die Militäroperation in Syrien laut Schätzungen drei Millionen Dollar täglich.

Doch selbst wenn das Assad-Regime Idlib wieder vollständig einnehmen sollte: So schnell kann sich Russlands Militär nicht komplett aus Syrien zurückziehen. Assad braucht nicht nur Finanzhilfen. Der Diktator ist auch weiterhin auf militärischen Beistand aus Moskau angewiesen. Denn es wird weiterhin Rebellengruppen geben, die gegen das Regime ankämpfen werden.

Mitarbeit: Katja Kuznetzowa

insgesamt 52 Beiträge
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Kater Bolle 07.09.2018
1. Keinen Euro für den Wiederaufbau in Syrien.....
Hier muss ausschließlich das Verursacherprinzip gelten. Wer bombt der zahlt auch alles. Hier sind Russland und Iran in der Pflicht alles zu zahlen. Kein Steuergeld aus Deutschland. Auch nicht versteckt über den EU-Etat. Wir müssen erst mal unsere zerbröckelnden Schulden, Straßen und Brücken in Ordnung bringen. Außerdem gehören für alle Kriegsverbrecher einschl. Herrn Assad und seiner Regierung samt Hintermänner internationale Haftbefehle ausgestellt. Sobald jemand in die EU einreißt müssen diese Verbrecher sofft festgesetzt werden. Diplomatenpaß egal......... Alleine die Fotos von tausenden Folteropfern rechtfertigt das. Wir können hier nicht immer über Werte reden sondern müssen uns hierfür auch mal international unbeliebt machen.
adieu2000 07.09.2018
2. Die Menschen in Syrien hoffen auf Frieden
Ohne islamistische Fanatiker und Söldner aus arabischen Nachbar Staaten. Wer wünscht sich einen Bürgerkrieg in Syrien?
go-west 07.09.2018
3. Ich musste beim Anblick dieses Fotos
mit diesen 3 in einer Reihe sitzenden Herren unwillkürlich an den Ausdruck von Bush Junior denken : die Achse des Bösen... Da kann kaum etwas Gutes für die Bevölkerung herauskommen.
KingTut 07.09.2018
4. Afrin
Was ist mit Afrin, wo die Türkei 250.000 Kurden vertrieben hat, wie uns Herr Popp am 18.07.18 berichtete: http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-afrin-unter-tuerkischer-herrschaft-die-kaempfer-machen-was-sie-wollen-a-1218366.html Wie soll es mit der türkischen Besatzung dieses Gebietes weitergehen und wie steht es um die Rückkehr der vertriebenen, dort ursprünglich ansässigen Bevölkerung? Ob Erdogan tatsächlich einen historischen Bruch mit dem Westen vollzieht, bezweifle ich stark, denn diesen braucht er dringender denn je. Putin wird ihm wirtschaftlich nicht helfen können, ist sein Land doch selbst so gut wie bankrott. Und was den Wiederaufbau Syriens betrifft, habe ich schon eine Anung, wer hier die Hauptlast tragen wird.
ReichArt 07.09.2018
5. Erdogan
hat sich vor Jahren für Syrien eingesetzt und sich mit seinem damaligen Freund Assad verfeindet. Heute muss man Ihm leider Recht geben! Hier ist die EU und Rest der Welt verpflichtet Syrien zu helfen! Es darf nicht sein das alles auf die Türkei gewälzt wird!
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