Verwirrung um Flyer in Idomeni Facebook-Gruppe soll Flucht geplant haben

Ein Flugblatt verführte in Idomeni eine Gruppe von Syrern zu einem gefährlichen Fluchtversuch - unterschrieben mit "Kommando Norbert Blüm". Zeugen berichten: Die Aktion wurde in einer Facebook-Gruppe organisiert.

Flucht aus Idomeni
DPA

Flucht aus Idomeni

Von der griechisch-mazedonischen Grenze berichtet


Die Hoffnung schwindet für die Flüchtlinge in Idomeni, dem griechisch-mazedonischen Grenzort. Gibt es doch noch eine Chance zur Weiterreise? In den vergangenen Tagen sorgten Flyer zusätzlich für Chaos. Darin war ein Weg eingezeichnet, wie die Migranten den mazedonischen Zaun meiden und über Umwege doch noch über die Grenze kommen könnten. Hunderte Migranten machten sich auf die Suche.

Doch woher kam das Flugblatt? Was hat es damit auf sich? Nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE wurden die Zettel bereits in der Nacht zu Sonntag verteilt. In einem weißen Transportwagen gelangten sie ins Camp, auf dem Fahrzeug war ein gefälschtes Zeichen des Roten Kreuzes.

Der stellvertretende griechische Verteidigungsminister Dimitris Vitsas sagte einem Fernsehsender, die Regierung wisse, wer hinter der "kriminellen Aktion" stehe. Er werde sich dazu in den nächsten Stunden äußern.

Screenshot Idomeni Flugblatt

Screenshot Idomeni Flugblatt

Der Flyer war unterzeichnet von einem "kommando norbert blüm" - doch die Urheber waren zunächst unklar. Der CDU-Politiker und Ex-Minister war am vergangenen Wochenende im griechischen Flüchtlingslager Idomeni, der 80-Jährige verbrachte dort sogar eine Nacht im Zelt auf matschigem Untergrund. Aber mit dem Flugblatt hat er nichts zu tun.

Laut Augenzeugen sagte Blüm den Hilfesuchenden vor Ort aber, das Problem sei nicht Deutschland, sondern die Balkanländer. Wer es nach Deutschland schaffe, könne dort auch bleiben. Die gut gemeinte Aussage habe den Menschen vor Ort wieder Hoffnung gemacht, berichteten Menschen vor Ort SPIEGEL ONLINE.

Motiviert durch die Informationen auf dem Flugblatt machten sich mehrere Flüchtlinge auf den Weg: In der Nähe des Dorfes Hamilo spannten sie ein Seil über einen stark angeschwollenen Fluss und überquerten ihn. Einige Kilometer weiter erreichten sie den Teilabschnitt der griechisch-mazedonischen Grenze. Es ist einer der wenigen Übergänge, an denen bislang noch kein Zaun steht.

Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE liegt der Ursprung der Aktion bereits drei Wochen zurück. Damals verweigerte Mazedonien Afghanen den Zutritt, die Grenze war quasi geschlossen. Ein Syrer, dem die Flucht zuvor nach Deutschland gelungen war, schickte über Facebook eine Nachricht an einige Landsmänner. Er erklärte ihnen, wie er gelaufen sei und forderte sie auf, denselben Weg zu nehmen. Der Verfasser der Nachricht ist also kein deutscher Staatsbürger, könnte aber von Deutsch-Syrern bei seiner Flucht unterstützt worden sein.

Daraufhin diskutierten rund 300 Menschen in einer geschlossenen Facebook-Gruppe über ihre mögliche Flucht, zumeist junge Männer aus Syrien und dem Irak. Die Flyer wurden daraufhin vermutlich in den benachbarten Orten Kilkis oder Polykastro gedruckt.

Doch der Plan blieb nicht geheim: Die Flugblätter erreichten nicht nur Idomeni, sondern auch den Grenzort Gevgilia. Demnach wussten die Mazedonier, dass die Männer auf dem Weg waren. Auch Flüchtlinge, die bereits die griechisch-mazedonische Grenze überquert hatten, warnten die Gruppe, dass ihre Fluchtpläne nicht unbemerkt geblieben seien.

Dennoch versuchten sie ihr Glück: Die erste Gruppe schaffte es nach Mazedonien, wurde dann aber von Sicherheitskräften aufgegriffen und zurückgebracht. Weitere Ankömmlinge wurden direkt am Übergang von Soldaten aufgehalten.

Im Video: Dramatische Szenen an Grenzfluss bei Idomeni

Drei Migranten waren in der Nacht von Sonntag auf Montag auf einer Alternativroute beim Versuch ertrunken, ein Gewässer zu durchqueren. Dazu hieß es jedoch nun vor Ort, ihr Fluchtversuch stehe nicht im Zusammenhang mit den Flugblättern: Die Toten waren Afghanen und hatten weder Zugang zur Facebook-Gruppe noch zu den Infozetteln.

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Endstation Lagerfeuer: Elendstreck von Idomeni gestoppt
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Übersetzung: Vera Kämper

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