Idomeni-Fotograf "Die Menschen wirkten, als wäre ihr Traum für immer verloren"

Er schoss das Bild von dem Neugeborenen, das über einer Pfütze gewaschen wird. Stunden nach seiner Rückkehr aus Idomeni erzählt der Fotograf Iker Pastor von seiner Zeit im Flüchtlingscamp.

Ein Interview von

Iker Pastor/ Anadolu Agency/ Gettyimages

SPIEGEL ONLINE: Sie waren zwei Wochen im Flüchtlingslager in Idomeni. Wie war Ihr erster Eindruck?

Pastor: Als ich Ende Februar ankam, waren die Helfer schon sehr wütend über die Situation. Menschen, die im Lager eintrafen, mussten im Freien auf dem Boden schlafen. Während der zwei Wochen, die ich dort war, wurde es dann noch schlimmer. Am Anfang war da noch nicht so viel Matsch. Dann kam der Regen, und während des Regens kamen immer mehr Flüchtlinge an. Es war ein einziges Chaos.

SPIEGEL ONLINE: Zehn Tage nach Ihrer Ankunft wurde die Balkanroute geschlossen. Wie reagierten die Flüchtlinge darauf?

Pastor: Die Menschen wirkten plötzlich wie Mauern, als wäre ihr Traum, die Grenze zu überqueren für immer verloren.

SPIEGEL ONLINE: Sicher eine bedrückende Stimmung. Auch für Sie als Beobachter?

Pastor: Ich war nicht nur Beobachter. Natürlich war ich als Fotograf vor Ort, aber wichtiger war es mir zu helfen. Wenn die Menschen sagten, sie wollten nicht, dass ich sie fotografiere, ließ ich es sein. Und wenn die Menschen Hilfe brauchten, half ich, so gut ich konnte.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Foto von dem Baby, das vor dem Zelt gewaschen wird, wurde von vielen Medien in Europa gezeigt. Erinnern Sie sich noch an den Moment der Aufnahme?

Pastor: Es ging alles sehr schnell. Es dauerte vielleicht 50 Sekunden, als der Vater das kleine Baby nahm, um es zu waschen. Dann waren die Eltern und das Kind wieder verschwunden. Sie schlossen das Zelt, und ich dachte nur: Was ist da gerade passiert?

SPIEGEL ONLINE: Wussten Sie, dass Sie ein wichtiges Bild geschossen haben?

Pastor: Nein, das Bild habe ich am vergangenen Sonntag gemacht, die ganzen Veröffentlichungen kamen erst fünf Tage später. Bis dahin hatte ich etliche andere Bilder gemacht, die die Situation im Camp vielleicht noch besser zeigen. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet dieses Bild die Menschen so beeindruckt hat.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein Bild, das die Situation für Sie am besten illustriert?

Pastor: Zwei Wochen vor Ort, das sind ziemlich viele Bilder. Vielleicht das Foto, das ich gestern auf Twitter gepostet habe. Es zeigt ein kleines Mädchen, das in einem Zelteingang seine Turnschuhe vom Matsch säubert.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie Freunden, wenn Sie gefragt werden, wie es dort war?

Pastor: Ich bin erst seit gestern Nacht wieder zu Hause. Und mit meinem Kopf bin ich immer noch in Idomeni. Vielleicht kann ich diese Frage in zwei Tagen beantworten. Jetzt kann ich nur sagen: Ich bin nicht wichtig. Die Menschen, die in Idomeni festsitzen, sind wichtig.

Im Video: Die katastrophalen Zustände in Idomeni

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