Aufruhr an der grünen Grenze Nur weg aus Idomeni

Ihr Schleichweg führte über Matschfelder durch einen reißenden Fluss: Hunderte Flüchtlinge sind von Idomeni nach Mazedonien vorgedrungen. Bis bewaffnete Soldaten sie aufhielten.

Von der griechisch-mazedonischen Grenze berichtet

Dimitris Chantzaras

"Nicht einen Schritt weiter", ruft der mazedonische Soldat zu Iman hinüber. "Hier ist Mazedonien", erklärt der große, breitschultrige Mann. Seine Waffe deutet auf die Stelle, an der Griechenland endet und Mazedonien beginnt. Er und seine Einheit haben klare Anweisungen: Iman und die anderen Flüchtlinge stoppen.

Iman, eine Syrierin, Mitte dreißig, gehorcht. Sie bleibt auf der griechischen Seite des matschigen Feldes stehen. Sie wird dort die Nacht verbringen, zusammen mit Hunderten anderen Migranten. Sie alle hatten am Montag versucht, zu entkommen. Sie wollten nur noch fort aus jener griechischen Zeltstadt kurz vor der Grenze, in der bis zu 12.000 Menschen unter armseligen Bedingungen ausharren und deren Name zum Sinnbild der humanitären Krise geworden ist. Fort aus Idomeni.

Am Sonntag hatte die griechische Regierung Flugblätter verteilt, die die Flüchtlinge anwiesen, das überfüllte Zeltlager aufzugeben und nach Süden zu gehen, in andere Lager, in denen es geordneter zugehen soll. Doch so sehr sich die meisten Migranten auch wünschten, Idomeni zu verlassen: Die wenigsten hörten auf Athen. Nach Süden will niemand, nur nach Norden.

Fluchthilfe-Flyer aus dem Idomeni-Camp

Fluchthilfe-Flyer aus dem Idomeni-Camp

Am Montag machte ein weiterer Flyer die Runde - unterzeichnet ausgerechnet von einem "kommando norbert blüm". Darin war ein Weg eingezeichnet, wie die Migranten den mazedonischen Zaun meiden und über Umwege doch noch über die Grenze kommen könnten. Am Mittag machten sich Hunderte Migranten auf die Suche.

Männer, Frauen, Kinder, Rollstuhlfahrer, Babys in Kinderwagen, Familien, die ihre Habe bei sich trugen: Sie alle machten sich auf den Weg, auf matschigen Straßen, stundenlang. Nahe des Dorfes Hamilo spannten sie ein Seil über einen stark angeschwollenen Fluss und überquerten ihn. Einige Kilometer weiter erreichten sie ihr Ziel: einen Teilabschnitt der griechisch-mazedonischen Grenze, einen der wenigen Übergänge, an denen bislang noch kein Zaun steht.

Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)

Die erste Gruppe schaffte es nach Mazedonien, wurden dann aber von Sicherheitskräften aufgegriffen und zurückgebracht. Weitere Ankömmlinge wurden direkt am Übergang aufgehalten, von Soldaten, die Mazedonien hastig zur Grenze schickte. Dort, wo keine Zäune stehen, halten nun Waffen die Flüchtlinge zurück.

Iman ist mit ihrem Mann und zwei ihrer Kinder hier. Zwei weitere sind schon in Deutschland. Sie ist fassungslos: "Warum dürfen wir nicht durch?", fragt sie. Iman weiß noch nicht, dass die Balkanroute dicht ist. Sie will nicht glauben, dass sie vielleicht permanent geschlossen bleibt. Sie will nicht zurück nach Idomeni. "Wir werden sterben, wenn wir dort bleiben", sagt sie.

Im Video: Dramatische Szenen an Grenzfluss bei Idomeni

Drei Migranten sind bereits tot. Sie ertranken, als sie versuchten, den angeschwollenen Grenzfluss zu durchqueren. Ihr Tod überraschte niemanden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis in Idomeni so etwas passieren musste. Alle wussten das, die Polizisten, die Helfer, die Journalisten. Die Frage war nur, ob der Tod der ersten Flüchtlinge durch Krankheit verursacht werden würde - oder durch einen Akt der Verzweiflung. Das Letztere war der Fall.

Weder die Nachrichten über die Ertrunkenen noch über die Präsenz der Soldaten schreckten die Nachzügler ab. Montag gegen Mitternacht, in einer dunklen, sternlosen Stunde, klammerten sich drei weitere Familien an das Seil im reißenden Fluss und machten sich auf den Weg Richtung Mazedonien. Ein spanischer Helfer unterstützte sie bei der Überquerung. "Wir sagten ihnen, dass sie nicht nach Mazedonien können", berichtet der Mann. "Sie wollten trotzdem weiter."

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Idomeni: Flüchtlinge suchen das Loch im Zaun

Die griechische Regierung hält sich aus all dem weitgehend heraus. Sie weigert sich, die Existenz von Idomeni durch verstärkte staatliche Präsenz zu legitimieren. Eine Handvoll überforderter Polizisten und Grenzwächter sich die einzigen staatlichen Repräsentanten hier. Hinzu kommen einige mobile medizinische Einheiten. Würden Nichtregierungsorganisationen die Flüchtlinge nicht mit allem versorgen: Die humanitäre Lage sähe noch weit desaströser aus.

Die Rolle der griechischen Regierung in der Flüchtlingskrise hat sich bemerkenswert gewandelt. Vor Kurzem noch war sie dafür geschmäht worden, dass sie die Grenze zur Türkei nicht genug gegen den Flüchtlingsstrom sichern würde. Seit Österreich und die Balkanstaaten zur Blockade rufen, schlägt Athen eine Welle der Sympathie entgegen: Griechenland gilt nun als Staat, der es tapfer mit einer doppelten Krise aus Schulden und Migranten aufnimmt.

Und dennoch: Die Lage in Idomeni offenbart auch das Versagen der griechischen Behörden. Vergangene Nacht schien es kurz so, als würde Athen endlich eingreifen. Premier Alexis Tsipras berief ein Krisentreffen mit seinen Ministern ein, um die Lage in Idomeni zu besprechen. Doch auch dieses Treffen blieb ohne Ergebnis. Tsipras wiederholte nur seinen Aufruf, die Flüchtlinge sollten Idomeni verlassen und an anderen Orten Zuflucht suchen. Es war dieselbe Strategie, die bislang so spektakulär gescheitert ist.

Am Dienstagfrüh war zunächst unklar, ob Griechenland die Geflohenen, die es aus Idomeni bis nach Mazedonien geschafft hatten, wieder zurücknehmen wird. Am Vormittag meldete die mazedonische Polizei der Nachrichtenagentur Reuters zufolge, man habe 600 Menschen zurück über die Grenze geschafft.

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Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Schultz

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