Moskauer Freischärler Strelkow "Ich träume von Russland in den Grenzen von 1939"

Der Moskauer Freischärler Igor Strelkow hat mit seinen Kämpfern den Krieg in die Ostukraine getragen. Putin agiert ihm zu lasch, er wünscht sich, dass Russland "in der ganzen Ukraine für Ordnung sorgt". Gespräch mit einem Fanatiker.

Ein Interview von , Moskau

AP

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Der russische Freischärler-Führer Igor Strelkow hatte maßgeblichen Anteil daran, den Krieg in die Ukraine zu tragen. Anfang 2014 reiste er auf die Krim, im April rückte er dann mit Dutzenden Bewaffneten in der Ostukraine ein. In der Kleinstadt Slowjansk - strategisch günstig zwischen den Metropolen Donezk und Charkiw gelegen - baute er eine der ersten schlagkräftigen Rebellen-Einheiten auf.

Strelkow stieg auf zum "Verteidigungsminister" der selbsternannten "Volksrepublik Donezk". Es war sein fünfter Krieg: Strelkow hatte bereits Anfang der Neunzigerjahren auf Seiten der moskautreuen Separatisten-Republik Transnistrien gekämpft und in Bosnien auf Seiten der Serben. Für beide Tschetschenien-Feldzüge meldete er sich freiwillig.

Mitte August 2014 musste Strelkow jedoch das Schlachtfeld in der Ostukraine verlassen. Die Umstände dieser Rückkehr sind bis heute unklar: Strelkow glaubt, Strippenzieher im Kreml hätten ihn aus dem Weg räumen wollen. Weggefährten wie der ehemalige "Premierminister" von Donezk dagegen behaupten, Strelkow sei nicht mehr zurechnungsfähig und deshalb aus dem Verkehr gezogen worden.

Strelkow verfügt über Verbindungen zum russischen Inlandsgeheimdienst FSB, aus seinen Antworten spricht aber auch ein fanatischer Überzeugungstäter. Nach Monate dauernden Verhandlungen gab Strelkow SPIEGEL ONLINE ein Interview. Aus seinen Antworten spricht das Weltbild von Russlands radikalen Rechten, die heute mehr Einfluss in Moskau haben als je zuvor.

Im Interview wiederholt Strelkow manche Phrase der russischen Propaganda, etwa die von der angeblich "faschistischen Junta" in Kiew. In vielem aber geht ihm der Kreml noch nicht weit genug. Strelkow sieht die Ostukraine nur als Auftakt für ein größeres Ziel: die Wiederherstellung von Russland als Imperium.

SPIEGEL ONLINE: Warum stehen sich Russland und der Westen wieder als Feinde gegenüber?

Strelkow: Weil es schwer ist, Freundschaft mit jemandem zu schließen, der nach seinem Sieg nicht aufhört, den Gegner zu demütigen.

SPIEGEL ONLINE: Es war doch Moskau, das mit Militär in der Ukraine intervenierte.

Strelkow: Jeder Versuch Russlands, seine Souveränität wiederzuerlangen, wird vom Westen als Aggression gebrandmarkt. In der globalen Welt gibt es nur noch wenige Staaten, die sich eine reale Unabhängigkeit erhalten können. Der Westen will eine Weltregierung schaffen, autarke Staaten wie Russland haben in dieser Konzeption keinen Platz. Deshalb wird Russland in den Augen des Westens immer ein Feind bleiben. Er will Russland ausschließlich als Rohstoff-Anhängsel.

SPIEGEL ONLINE: Moment! Russland selbst hat nichts getan, um seine Wirtschaft unabhängiger von Öl und Gasexporten zu machen.

Strelkow: Ja, die herrschende Klasse war damit zufrieden. Ein Teil der Elite hat es aber inzwischen satt, den Prügelknaben der Welt zu spielen. Letztlich war es Russland, das Europa ein goldenes Zeitalter beschert hat: Nach 1990 hatte es Zugriff auf billige, aber qualifizierte Arbeitskräfte, konnte Militärbudgets senken und die sowjetische Wissenschaft ausschlachten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie erwartet, dass der Krieg in der Ukraine, den Sie begonnen haben, so lange dauern wird und so blutig wird?

Strelkow: Nein. Ich war der Meinung, dass Moskau den Donbass ähnlich wie die Krim zügig annektieren wird nach dem Referendum. Der Großteil der Landwehr kämpft für eine Vereinigung mit Russland und wurde inspiriert von der Krim.

SPIEGEL ONLINE: Also kämpfen Sie in Wahrheit für ein russisches Imperium, nicht für einen Separatisten-Staat wie beispielsweise die Basken.

Strelkow: Separatisten sind für mich die ukrainischen Politiker, weil sie sich von Russland abspalten wollen. Ich bleibe Anhänger eines einigen Russlands. Kiew ist eine russische Stadt. Ich will die historisch gerechte Wiederherstellung Russlands. Die Ukraine war, ist und bleibt ein Teil Russlands. Ich träume davon, dass Russland zurückkehrt zu seinen natürlichen Grenzen, Minimum die Grenzen von 1939.

SPIEGEL ONLINE: Was hindert den Kreml, mit Neurussland (damit meint Moskau weite Gebiete im Osten und Süden der Ukraine, d. Red.) wie mit der Krim zu verfahren?

Strelkow: Ich kann nicht in den Kreml schauen. Es sind außenpolitische Gründe, die Moskau zögern lassen. Vielleicht Rücksicht auf den Westen. Die Offensiven im Winter haben keine Entscheidung gebracht, nur mehr Zerstörung. Warum haben wir die ukrainische Armee nicht schon im September vernichtet, als wir die Gelegenheit dazu hatten? Wir hätten Mariupol einnehmen können und mehr. Jetzt ist die ukrainische Armee - trotz der Niederlage bei Debalzewe - den „Volksrepubliken“ weiter überlegen.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern noch mehr Unterstützung durch Russland?

Strelkow: Wenn Russland sich stärker einbrächte, wäre alles möglich, einschließlich des Sturzes des Regimes in Kiew. Für mich ist das eine Regierung von Nazis. Russland muss in der gesamten Ukraine für Ordnung sorgen und eine legitime Regierung an die Macht bringen. Nur dann können die Probleme des Donbass gelöst werden.

SPIEGEL ONLINE: Vor Kurzem wurde Boris Nemzow getötet, ein Anführer der liberalen Opposition. Wie verändert der Mord die Lage im Land?

Strelkow: Kaum. Nemzow genoss kein Ansehen in der Bevölkerung. Er hatte keine Verdienste, keine Talente. Seine Mörder wollen Russland destabilisieren. Sie werden keinen Erfolg haben. Er war schon zu Lebzeiten eine Luftnummer, aufgeblasen wie ein Ballon. Jetzt hat ihn jemand zum Platzen gebracht. Es knallt, aber im Endeffekt ist es doch nur Luft.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich an, als würden Sie sich über den Tod freuen. Tut Ihnen der Mensch Nemzow gar nicht leid?

Strelkow: Nein. Er war ein Feind des russischen Staates und des gesamten russischen Volkes. Wäre ich aber vor Ort gewesen, ich hätte die Tat zu verhindern versucht. Der Mord schadet Russland und den Anliegen der Patrioten.

SPIEGEL ONLINE: Die Opposition glaubt, dass der Kreml einen Kritiker loswerden wollte.

Strelkow: Lächerlich. Nemzow war keine Gefahr für Putin. Sein Tod nutzt der Opposition und ausländischen Kräften, die die Lage im Land destabilisieren wollen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist absurd. Selbst zum Trauermarsch für Nemzow kamen kaum 50.000 Menschen. Ein toter Liberaler treibt die Russen nicht auf die Barrikaden.

Strelkow: Seine Autorität reicht nicht, stimmt. Aber nicht immer schätzen die Hintermänner die reale Lage korrekt ein. Noch dazu, wenn die Analytiker im Ausland sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll Russland nach Ihrer Vorstellung aussehen? Eine Demokratie oder ein totalitärer Führerstaat?

Strelkow: Die Menschheit hat wenig Erfahrung mit Demokratie, aber viel mit der Monarchie. Ich bin Anhänger der orthodoxen Monarchie. Jede autoritäre Regierungsform ist für Russland optimal. Sie entspricht unserer Kultur und der wirtschaftlichen Realität.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Büro hängt ein Porträt von Putin. Früher war Ihnen der Präsident doch zu lasch, zu liberal und zu prowestlich. Woher der Sinneswandel?

Strelkow: Der Präsident hat entschieden, dass er nicht wie Gorbatschow als Judas in die Geschichte eingehen will. Er hat endlich verstanden, dass alle Zugeständnisse an den Westen fruchtlos sind. Er stellt die russische Souveränität wieder her.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ihm aber - wie Nemzow - "antirussische Politik" vorgeworfen.

Strelkow: Seine patriotischen Äußerungen habe ich lange als leere Worte angesehen. Putin hatte einen Westkurs eingeschlagen. Mit der Krim aber hat Putin erreicht, wovon viele Patrioten nur träumen konnten. Er hat sich in eine Situation gebracht, aus der es kein Zurück für ihn gibt. Ich hoffe, Putin versteht das. Erfolg kann er nur noch zusammen mit den Patrioten haben.

Das Interview wurde im Moskauer Büro von Strelkows Bewegung "Noworossija - Neurussland" geführt.


Zusammengefasst: Der Moskauer Freischärler Igor Strelkow fordert im Interview, Kreml-Chef Putin müsse in der ganzen Ukraine "für Ordnung sorgen". Er träumt zudem von der "historisch gerechten Wiederherstellung Russlands".

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