Staudamm-Projekt in der Türkei Ein Dorf, dem Untergang geweiht

Die Türkei will den Tigris stauen, um Energie zu gewinnen und Land zu bewässern. Ganze Dörfer sollen untergehen, darunter der Ort Hasankeyf. Der gigantische Damm ist nicht mehr zu verhindern - Dorfbewohner werden für neue Häuser zur Kasse gebeten.

Aus Hasankeyf berichtet "zenith"-Autor Jannis Hagmann

Jannis Hagmann

Hasankeyf erinnert an eine Westernstadt, die Straßen staubig, die Rollläden heruntergelassen. Vor den niedrigen Häusern warten einige Männer, trinken Tee, spielen Tavla. Am Nachmittag, wenn die Sonne nicht mehr im Zenit steht, wollen sie wieder protestieren und die Brücke besetzen, die das kleine anatolische Dorf mit der anderen Seite des Tigris-Tals verbindet - von der sich ein einzigartiger Blick auf das stolz in die Höhe ragende Minarett von Hasankeyfs El-Rizk-Moschee bietet.

Vor der Moschee steht Osman; auch er protestiert und versucht, einige Broschüren über seinen berühmten Heimatort unter die Touristen zu bringen. "Die Regierung ist völlig verrückt", sagt er. Geht es nach Premier Erdogan - und danach sieht es aus - werden im Vorgarten der 600 Jahre alten Moschee bald Fische schwimmen. Am Haus von Osmans Familie werden sich Algen bilden. Hasankeyfs Straßen werden in den Tiefen des Ilisu-Stausees untergehen, einem der größten künstlichen Seen der Welt.

Stausee wird größer als München

Was Osman aber heute auf die Straße treibt, ist nicht der Stausee selbst. Die Pläne der türkischen Regierung, am Oberlauf des Tigris in Südostanatolien einen gewaltigen Damm zu errichten, sind bereits seit langem bekannt. Was Osman heute aufregt, liegt auf der anderen Seite des Tigris. Über die Dächer Hasankeyfs zeigt er auf einige Häuser, die sich jenseits des Tigris in die Hänge ducken. "Das ist Yeni Hasankeyf", sagt Osman, das "neue Hasankeyf". Mit den staatlichen Entschädigungszahlungen, von denen er kürzlich erfahren hat, wird sich seine Familie dort jedoch nie ein Haus leisten können. "30.000 Türkische Lira sollen wir für unser altes Haus bekommen", erzählt er, "160.000 wird das neue kosten." Das sind knapp 60.000 Euro - eine Menge Geld im fernen Anatolien.

Wie Osman und seine Familie sollen Tausende Einheimische des überwiegend von Kurden bewohnten Tigris-Tals zwangsumgesiedelt werden. Die Regierung spricht von bis zu 15.000 Menschen; Experten der Weltbank schätzen die Zahl auf etwa das Doppelte, und Gegner des Damms rechnen mit 65.000 Menschen, die insgesamt - etwa durch die Enteignung von Feldern - betroffen sein werden.

Noch in diesem Jahr soll der Damm fertiggestellt sein. Wie eine gigantische Badewanne würde sich das Tigris-Tal dann auf einer Länge von 135 Kilometern langsam füllen, bis der Pegel, vielleicht schon im 2015, seinen geplanten Stand erreicht und kurz unter der Spitze des El-Rizk-Minaretts in Hasankeyf Halt macht. Mit 313 Quadratkilometern Fläche könnte der Stausee dann eine Großstadt wie München schlucken.

Dutzende historisch bedeutsamer Stätten sollen in dem Stausee untergehen. Selbst in einer Bewertung der am Bau beteiligten Unternehmen heißt es: "Das kulturelle Erbe der Gegend ist historisch bedeutsam. Die Gegend wurde seit mehr als 100.000 Jahren bewohnt." So sei das Tigris-Tal Zeuge zahlreicher Hochkulturen geworden - "allerdings", schränken die Autoren ein, "scheint es nicht Kern einer Zivilisation gewesen zu sein, abgesehen von einigen Jahrhunderten im Mittelalter."

Irak und Syrien sind über Erdogan verärgert

Für die AKP-Regierung unter Premier Erdogan sei Hydroenergie von besonderer Bedeutung, erklärt Erdem Evren, Experte für Wasserpolitik am Berliner Forschungsinstitut Zentrum Moderner Orient. "Wenn du das derzeitige Wachstum im Bausektor aufrecht erhalten willst, brauchst du vor allem eins: Energie." Zudem stehe das Land kurz vor der Krise. "Das Leistungsbilanzdefizit nimmt bedrohliche Ausmaße an", sagt Evren, "das heißt, das Land konsumiert mehr als es produziert. Da Energieeinfuhren einen großen Teil dieses Defizits ausmachen, will die Regierung die Abhängigkeit von Importen verringern, indem sie Energie aus einheimischen Ressourcen gewinnt." Selbstversorgung und Unabhängigkeit von anderen Staaten in der Region, das seien die übergeordneten Ziele der Strategen in Ankara.

Sowohl der Irak als auch Syrien klagen, dass die Türkei das Wasser der gemeinsamen Flüsse Euphrat und Tigris monopolisiere. Im Streit um den Ilisu-Damm bat die irakische Regierung sogar die Arabische Liga um Unterstützung. Die Reduzierung der Wassermenge schade der Landwirtschaft und führe zu Bodenerosion und Versalzung in ehemals bewässerten Gebieten.

Irakische Naturschützer sorgen sich vor allem um die Sümpfe im Süden des Landes. Gut tausend Kilometer vom Ilisu-Damm flussabwärts, kurz vor der irakischen Stadt Basra, überschwemmen Euphrat und Tigris ein weites Gebiet, bilden flache Seen, Feuchtgebiete und ausgedehnte Schilfflächen. "Der Irak wird leiden", fürchtet Azzam Alwash von der Naturschutzorganisation "Nature Iraq", "der Ilisu-Damm bedroht den Artenreichtum."

Dass der Bau des Ilisu-Damms noch verhindert werden kann, dass Hasankeyf noch eine Chance hat, über Wasser zu bleiben - daran glauben mittlerweile auch die Dammgegner selbst nicht mehr. Osman sagt resigniert: "Wir werden wohl wegziehen oder jahrelang einen Kredit für das neue Haus abbezahlen."


Dieser Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe des Magazins "zenith"

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dbrown 16.02.2014
1. und so einer will in die EU???
ich hoffe, dass das nie geschehen wird!!!
Maximilien.de.Robespierre 16.02.2014
2. Strom ohne Schadstoffe aus Wasserkraft !
Ein Staudamm produziert Strom ohne Schadstoffe aus Wasserkraft. In Deutschland funkrioniert das seit 100 Jahren. Das Dorf Hasankeyf liegt relativ nah am Irak. Auch im Irak wird der Tigris gestaut im "Mosul Dam Lake". Der Tigris ist also schon heute reguliert. Desahlb stellt der Damm in Hasankeyf kein Problem dar.
Otoshi 16.02.2014
3. Eigentum verpflichtet
So traurig es fuer den einzelnen ist. Ich hoffe, es gibt eine angemessene Entschaedigung für die Bewohner. Manchmal muss man sich von altem trennen, wenn es dadurch vielen besser geht, why not.
nanny88 16.02.2014
4. Sowas ist doch....
Total daneben. Hätten die nicht auf ihren großen Feldern Windräder oder Solarplatten bauen können?
dschungelmann 16.02.2014
5. Die Leute sollten zumindest das bekommen....
was sie verliehren werden. Alles andere wahre Diebstahl. Aber was kann man von Erdogan im Groessenwahn schon erwarten. Der demontiert sich gerade selbst.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.