Ilyas Kashmiri Der Mann, der Terror möglich macht

In seinem Versteck in Waziristan stapelten sich Sprengstoffwesten, sein Netzwerk reicht bis nach Europa: Der Pakistaner Ilyas Kashmiri gilt als möglicher Hintermann der Terrorpläne, vor denen die Bundesregierung warnt.

Ilyas Kashmiri: Qaida-Aufsteiger mit internationalen Ambitionen
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Ilyas Kashmiri: Qaida-Aufsteiger mit internationalen Ambitionen

Von Yassin Musharbash


Berlin - Die pakistanische Unruheprovinz Nordwaziristan ist eine Spielwiese militanter Dschihadisten jeglicher Couleur. Doch selbst in dieser bunten Mischung aus bis an die Zähne bewaffneten Kämpfern aus aller Herren Länder fällt Ilyas Kashmiri auf. Dass er eine große Nummer ist, daraus macht der Pakistaner keinen Hehl: Wenn er in seinem Jeep am Waffenmarkt der Stadt Miranshah vorfährt, wird er von seinen eigenen Bodyguards begleitet. Angeblich trägt sein Fahrzeug sogar eine weiße Standarte. Wenn innerhalb der dschihadistischen Community im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet jährlich ein Aufsteiger gekürt würde: Der Titel für das Jahr 2010 wäre zweifellos an den 1964 in Kaschmir geborenen Top-Terroristen gegangen.

"Genie des Bösen", "der neue Bin Laden", "gefährlichster Mann der Welt": Mit diesen und ähnlichen Attributen haben westliche Zeitungen und Magazine ihn in den vergangenen Monaten belegt. Das mag im Einzelnen übertrieben sein, als Nachfolger des Qaida-Chefs Osama Bin Laden zum Beispiel sieht ihn niemand. Aber eines stimmt: Ilyas Kaschmiri, der sich zuvor einige Jahre eher bedeckt gehalten hatte, ist eine neue zentrale Figur auf der Bühne des internationalen dschihadistischen Terrorismus.

Dafür, dass Kashmiri im Moment an Anschlagsplänen für Europa feilt, gibt es zwar keine Bestätigung. Und Berichte, dass deutsche Dschihadisten von ihm geschult worden seien, stimmen vermutlich nicht. Sicherheitsbehörden wären jedoch keineswegs überrascht, sollte sich herausstellen, dass der Pakistaner solche Operationen plant.

Aber sie wissen es nicht.

Kashmiri ist schon lange eine Legende. Als Afghanistankämpfer gegen die Sowjets verdiente er sich seine Sporen, später gründete er mit der Harakat ul-Jihadi Islami (HUJI) seine eigene militante Organisation, die vor allem in Kaschmir gegen indische Ziele bombte. Damals galt er den pakistanischen Geheimdiensten als willkommenes Werkzeug, um 2003 soll er sich aber mit ihnen überworfen haben. Seitdem wird er auch für schwere Anschläge und Attentatsversuche in seinem Heimatland verantwortlich gemacht.

Kashmiri wollte Rache für die Mohammed-Karikaturen

Als exzellenter Planer galt er in der Szene schon länger, ein Großmaul vielleicht, eher ungehobelt, sicher kein Ideologe und schon gar kein Prediger. Aber ein ruchloser und penibler Planer von Anschlägen, ein Maschinist des Terrors, ein Möglichmacher. Seinen Durchbruch als Terrorist mit internationalen Ambitionen aber hatte er im vergangenen Jahr: Die Indizien, dass er 2009 Anschläge in Kopenhagen plante, aus Rache für die Mohammed-Karikaturen, sind überwältigend.

David Headley, ein US-Bürger mit pakistanischen Wurzeln, der bereits zugegeben hat, dass er die Anschlagsziele der Terrorserie in Mumbai 2008 ausgekundschaftet hat, war der Mann, den Kashmiri mit diesen Planungen betraut hatte.

In seinen Aussagen, die SPIEGEL ONLINE zum Teil vorliegen, spricht Headley über zwei Begegnungen mit Kashmiri. Im Februar 2009 besuchte er ihn in Miranshah. "Ich konnte in seinem Haus sehen, wie eine Menge Sprengstoffwesten für Selbstmordattentäter vorbereitet wurden", berichtete Headley seinen Vernehmern.

Kashmiri habe ihn zu den Anschlägen in Mumbai gratuliert. Dann habe man Tacheles gesprochen. "Kashmiri gab mir 1500 Dollar und sagte mir, ich sollte zurück nach Dänemark gehen und mehr Videos machen." Videos machen, das bedeutete: Noch genauer auskundschaften, wo man mit welcher Methode zuschlagen könnte. Der Plan, genannt "Projekt Mickey Mouse", bestand darin, die Tageszeitung "Jyllandsposten" zu attackieren.

Kashmiri, so heißt es in anderen Quellen, habe Geiseln nehmen und dort exekutieren wollen. In den Aussagen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, berichtet Headley lediglich, dass bei dem Treffen in Miranshah auch ein "genereller Angriff auf Kopenhagen" diskutiert worden sei. Er selbst habe sich zudem bereit erklärt, als Selbstmordattentäter zu fungieren.

Kontakte in England und Skandinavien

Aus den Vernehmungen geht hervor, dass Ilyas Kashmiris eigenes Netz bis nach Europa reicht. In Großbritannien, in Dänemark, in Schweden lässt er Headley seine Leute anrufen oder treffen. Nicht alle reden gut über Kashmiri, aber einige wären bereit gewesen, sich einspannen zu lassen. Auch nach Deutschland reist Headley seinen Angaben zufolge zwei Mal, ob er dort Kontakte trifft, ist unklar.

Kashmiris Gefährlichkeit beruht nicht zuletzt auf diesem Netzwerk. Nicht immer ist klar, ob es sein eigenes ist oder ob er sich Kontakte anderer militanter Gruppen "ausleiht". Sicher ist: Kashmiri ist Anführer der sagenumwobenen Brigade 313. Einige Experten halten sie für zur HUJI gehörig, andere ordnen sie al-Qaida zu. Jedenfalls gilt die Brigade als eines der schärfsten Schwerter des militanten Dschihadismus, als Kommandotruppe mit internationalem Anspruch.

Kashmiri pflegt in jedem Fall enge Kontakte zu al-Qaida. Als im indischen Pune 2009 eine Bombe explodierte, nahe einer deutschen Bäckerei, bekennt er sich zu dem Anschlag - und nicht nur er, auch al-Qaida pries ihn für die Tat. Es war Headley, der auch diesen Anschlagsort ausgekundschaftet hatte.

Die Brigade 313, darauf deuten neue Hinweise hin, ist enger an al-Qaida herangerückt und könnte eine Rolle spielen bei den mutmaßlich geplanten Anschlägen in Europa. Ein nicht-westlicher Geheimdienst ist jüngst in einer Analyse zu dem Schluss gekommen, dass die Brigade 313 eine Unterabteilung unterhält, die eigentlich eine Qaida-Spezialtruppe für Aufträge in nicht-islamischen Staaten ist. "Jund al-Fida" - Armee der Opferbereitschaft - soll diese Abteilung heißen, ein Name, der angeblich auf Osama Bin Laden zurückgeht.

Ob das stimmt, weiß niemand genau. Es gehört zur Taktik al-Qaidas, solche Details zu verschleiern, auch, indem man falsche Bezeichnungen kursieren lässt.

Kontakte zu Lashkar-i-Toiba

Neben al-Qaida kann Kashmiri aber möglicherweise auch auf Beziehungen zur Terrortruppe Lashkar-i-Toiba (LiT) setzen. Zwar verließ Headley mehr oder weniger formell die LiT, weil er sie ideologisch und in ihrer Zielsetzung nicht mehr überzeugend fand. Aber Kashmiri selbst sagte Headley zufolge im Zuge der Dänemark-Planungen, es sei nicht nötig, die LiT mit ins Boot zu holen. Was im Umkehrschluss bedeutet: Es wäre möglich gewesen. Für Kashmiri.

Immer wieder gibt es Gerüchte, Kashmiri sei in Wahrheit bereits tot. Sicher ist, dass die CIA ihn mit ihren Drohnen jagt. Er sei deswegen vorsichtig geworden, heißt es. Einen aktuellen Lebensbeweis gibt es aber nicht. Vor einem Jahr gab er zwar ein seltenes Interview, aber er produziert keine Video- oder Audiobotschaften wie die Qaida-Spitze um Bin Laden.

Vermutlich ist es ihm recht, wenn Unklarheiten und Rätsel seine Existenz umgeben. Denn wenn er noch lebt, dann wird er wohl auch wieder bomben. In Indien vielleicht, in Pakistan - oder im Westen.

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