Geheime Gefangene Israel rätselt über zweiten Häftling X

Noch wissen nur wenige, wie er heißt und was er getan hat. Fest steht nur, dass seit Jahren ein Unbekannter im Hochsicherheitstrakt eines israelischen Gefängnisses einsitzt. Sein Fall gleicht dem des Ex-Mossad-Agenten Zygier, der 2010 in seiner Zelle Selbstmord beging. Die Opposition ist alarmiert.

Ajalon-Gefängnis bei Tel Aviv: Wer ist der Mann in Zelle 13?
DPA

Ajalon-Gefängnis bei Tel Aviv: Wer ist der Mann in Zelle 13?


Tel Aviv - Er sitzt in einer Gefängniszelle ohne Fenster. Kameras überwachen jede seiner Bewegungen rund um die Uhr, nur wenige Minuten am Tag darf er einen kleinen, hermetisch gesicherten Gefängnishof betreten. Er hat keinen Kontakt zu anderen Häftlingen, selbst seine Bewacher wissen nicht, wie er heißt und warum er hier ist. Aber seit Dienstag weiß ganz Israel, dass es ihn gibt.

Die israelischen Medien nennen ihn den zweiten Häftling X. Seine Existenz wurde durch die Freigabe von Gerichtsakten zum Fall Ben Zygier bekannt. Zygier, der sogenannte Häftling X, war ein Mossad-Agent, der zwei israelische Top-Spione im Libanon an die Hisbollah verraten hatte.

Der israelische Geheimdienst kam dem Verräter auf die Schliche, seit Januar 2010 saß der gebürtige Australier in Zelle 15 des Hochsicherheitstrakts im Ajalon-Gefängnis nahe Tel Aviv. Am Abend des 15. Dezember 2010 fanden seine Wärter die Leiche des 34-Jährigen. Zygier hatte sich in seiner Zelle erhängt. Die Hintergründe seiner Geheimdienstlaufbahn und seiner Gefangenschaft hatte der SPIEGEL im März dieses Jahres enthüllt.

Nun kommt durch das Protokoll einer Gerichtsanhörung heraus: Während Zygier in Zelle 15 einsaß, saß in Zelle 13 ein weiterer Häftling. Nach Informationen der Zeitung "Haaretz" sitzt der Mann dort bis heute ein. Seit Jahren habe er sein fensterloses Verlies nur für wenige Minuten pro Tag verlassen können.

Israels Regierung spielt den Fall herunter

Justiz und Politik lassen die Öffentlichkeit über die Identität des Gefangenen im Unklaren. Nur wenige Eingeweihte wissen, wer der Unbekannte ist und warum er inhaftiert ist. Er soll aber bereits in einem Geheimprozess für seine Taten verurteilt worden sein.

Rechtsanwalt Avigdor Feldman, der Zygier während seiner Gefangenschaft juristisch vertrat, sagte in einem Radiointerview, dass die Vergehen des zweiten Häftling X "viel sensationeller und unglaublicher" seien. "Als israelischer Bürger war ich geschockt, als ich von dem Fall erfuhr", sagte Feldman.

Der Gefangene in Zelle 13 sei für eine "furchtbare Verletzung der Sicherheit" verantwortlich. Juristen mit "engen Verbindungen zur politischen Elite" hätten dafür gesorgt, dass der Fall bislang verschwiegen wurde, sagte der Anwalt. Zugleich machte Feldman Druck auf die Medien, die Hintergründe des zweiten Häftling X zu enthüllen. "Wer auch immer diese Affäre öffentlich macht, wird diesem Land einen großen Dienst erweisen", sagte er.

Doch die Regierung zeigt daran bislang wenig Interesse: Der ehemalige Außenminister und jetzige Chef des Parlamentsausschusses für Außenpolitik und Verteidigung, Avigdor Lieberman, kritisierte die Bekanntmachung des Falls. Zugleich bekräftigte er, dass Israel sich an geltendes Recht halte. "Israel schützt die Rechte der Gefangenen. Wir behandeln die Angelegenheit äußerst gewissenhaft, auch wenn es sich um einen sehr ernsten Fall handelt", sagte Lieberman.

Jitzchak Aharonowitsch, Minister für öffentliche Sicherheit, stellte klar: "Es gibt keine verschwundenen Gefangenen in Israel, deren Familien nichts über ihre Inhaftierung wissen." Nur weil die Öffentlichkeit zum Schutz der israelischen Sicherheit nicht von den Häftlingen wisse, bedeute dies nicht, dass die juristischen Instanzen ebenso außen vor seien.

Die linke Opposition in der Knesset zeigte sich dennoch geschockt von dem neuen Fall. "Der Gedanke, dass weitere Häftlinge unter diesen Bedingungen festgehalten werden, ist beängstigend und verstörend", sagte Nachman Schai, der für die Arbeitspartei im Parlament sitzt. Der arabische Meretz-Abgeordnete Issawi Frej warnt gar: "Israel ist auf dem schnellsten Wege, ein Polizeistaat zu werden."

syd

insgesamt 18 Beiträge
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Battlemonk 11.07.2013
1.
dass er noch lebt ist ein beweis dass isreal ein rechtsstaat ist jeder andere staat hätte ihn umgebracht
Lea S. 11.07.2013
2.
Zitat von sysopDPANoch wissen nur wenige, wie er heißt und was er getan hat. Fest steht nur, dass seit Jahren ein Unbekannter im Hochsicherheitstrakt eines israelischen Gefängnisses einsitzt. Sein Fall gleicht dem des Ex-Mossad-Agenten Zygier, der 2010 in seiner Zelle Selbstmord beging. Die Opposition ist alarmiert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/im-ajalon-gefaengnis-in-israel-sitzt-ein-zweiter-haeftling-x-a-910599.html
Wie wäre es, mal den NSA zu fragen?
ambulans 11.07.2013
3. die
menschenrechte sind universell, unteilbar, unveräußerlich und gelten selbstverständlich auch in allen lebenslagen - also auch hinter gittern. scheint aber einigen nicht so richtig bekannt zu sein (liste: bitte vervollständigen)
Leserbrief 11.07.2013
4. bla bla bla
In den Nachbarländern werden tausende Menschen getötet und der Autor rätselt über einen Gefangenen. Stopover in Tel Aviv gemacht mit Cocktail am Strand?
brut_dargent 11.07.2013
5.
Ne, nicht die NSA fragen, die antworten grundsätzlich nicht. Vielleicht weiß es Edward Snwoden. Wäre dem Inhaftierten zu wünschen.
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