Massenproteste am Sonntag: Mordanschlag versetzt Libanon in Aufruhr
Müllcontainer und Autoreifen brennen, Zehntausende Menschen fordern auf den Straßen den Rücktritt der Regierung, Soldaten sind mit Panzern in Stellung gegangen. Nach dem Anschlag in Beirut wächst in Libanon die Angst vor einem Bürgerkrieg. Für Sonntag werden Massenproteste erwartet.
Beirut - Zehntausende Menschen sind schon jetzt in Libanon auf den Straßen. Zum Zeichen ihres Protestes gegen den Mord an ihrem Glaubensbruder Wissam al-Hassan steckten demonstrierende Sunniten Autoreifen und Müllcontainer in Brand. Sie blockierten die Zufahrt zum internationalen Flughafen in Beirut und sperrten Straßen in der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli. Nach dem verheerenden Bombenanschlag auf den Syrien-kritischen Chef des Polizei-Geheimdienstes ist das Land in Aufruhr.
Und es werden noch größere Demonstrationen erwartet. Der ehemalige libanesische Premierminister Saad al-Hariri rief die Bürger dazu auf, am Sonntag zu Hassans Beerdigung zu kommen. Das könnte die Trauerzeremonie zu einer mächtigen politischen Bewegung werden lassen. Die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg wächst.
"Jeder von euch ist persönlich eingeladen, morgen am Märtyrer-Platz für Wissam al-Hassan zu beten", sagte Hariri in einem Statement, das am Samstag von Future Television ausgestrahlt wurde. Al-Hassan soll nach dpa-Informationen am Sonntag an der Seite von Ex-Ministerpräsident Rafik al-Hariri im Zentrum von Beirut begraben werden.
Hassan und sieben weitere Menschen waren nach Regierungsangaben am Freitag bei dem Anschlag in dem christlichen Viertel Aschrafieh getötet worden. 86 Menschen seien verletzt worden. Das Rote Kreuz deutete am Samstag allerdings an, die Opferzahl könne niedriger liegen.
Ministerpräsident Mikati vermutet Syrien hinter dem Attentat
Die Hintergründe des Anschlags sind noch unklar. Ministerpräsident Nadschib Mikati ließ durchblicken, dass er Syriens Regierung hinter dem Attentat vermutet. Er sehe einen Zusammenhang zwischen dem Anschlag und einer kürzlich von Hassan aufgedeckten Attentatsverschwörung, die zur Anklage von Ex-Minister Michel Samaha geführt hatte, sagte Mikati.
Samaha gilt als Anhänger des syrischen Staatschefs Baschar al-Assad. Hassan war ein enger Gefolgsmann des ermordeten Ministerpräsidenten Hariri und leitete auch die Ermittlungen zu dessen Tod. Seine Recherchen legten eine Verwicklung Syriens und der Hisbollah in den Mord nahe. Hariris Sohn, der ehemalige Ministerpräsident Saad al-Hariri, machte Assad für den Anschlag verantwortlich.
Die Opposition in Libanon fordert den Rücktritt der Regierung, die 2011 von einem Bündnis an die Macht gebracht wurde, das von der pro-syrischen, schiitischen Hisbollah dominiert wurde. Das Kabinett unter dem Hisbollah-nahen Ministerpräsidenten Mikati beriet am Samstag über Konsequenzen aus dem Anschlag und bot seinen Rücktritt an. Dieser wurde auf Bitten von Präsident Michel Suleiman aber nicht sofort wirksam. "Wir wollen kein Machtvakuum im Libanon", argumentierte anschließend der Ministerpräsident.
Polizeichef rechnet mit weiteren Anschlägen
Der multireligiöse Libanon ist tief zerstritten zwischen Anhängern und Gegnern des syrischen Staatschefs. Viele Schiiten unterstützen den ihrer Konfession nahestehenden Alawiten Assad, die meisten Sunniten stehen auf der Seite seiner Gegner. Schon vor dem Anschlag in Beirut hatten sich in Tripoli Sunniten und Alawiten Kämpfe geliefert. Tausende Syrer waren vor der Gewalt in der Heimat in das Nachbarland Libanon geflohen.
Libanons Polizeichef Aschraf Rifi nannte den Mord an Hassan einen schweren Schlag: "Wir haben einen Stützpfeiler unserer Sicherheit verloren." Dem Land stünden weitere Opfer bevor."Wir wissen das. Aber wir lassen uns nicht brechen", so Rifi. Nach dem weltweit verurteilten Anschlag verstärkte die Regierung die Sicherheitsvorkehrungen und ließ Soldaten an strategisch wichtigen Plätzen Stellung beziehen.
Einige der Demonstranten wählten am Samstag den friedlichen Weg und trugen Plakate mit ihren politischen Forderungen oder gedachten mit Kerzen und Blumen der Opfer. Doch im Bekaa-Tal im Osten eskalierte die Situation: Soldaten schossen auf Demonstranten, die eine Straße blockierten, und verletzten Aussagen von Zeugen zufolge zwei Menschen.
siu/Reuters/dpa
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