Marfa, Texas: Hollywoods Spielplatz im Wilden Westen

Aus Marfa, Texas, berichtet

Marfa liegt im tiefsten Texas. Der Pionierort mitten in der Wüste, der Hollywood als Kulisse diente, ist heute eine Kolonie von Künstlern und Hipstern. Und was für diese Region völlig untypisch ist: Demokraten sind die dominierende Kraft.

Wüstenort Marfa: Von der Hollywoodkulisse zur Künstlerkolonie Fotos
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Es ist das Letzte, was man in einem 2000-Einwohner-Kaff im Wilden Westen erwartet hätte. Doch der Blick täuscht nicht: In der Oak Street, gleich um die Ecke von dem Hotel, in dem James Dean wohnte, als er hier 1956 "Giganten" drehte, steht es schwarz auf der Lehmsteinwand: "Public Library." Bücherei.

"Wir haben 30.000 Bücher", sagt Bibliothekar Ryan Young. "Und dienstags zeigen wir Filme." Young sitzt im Lesesaal, draußen tutet die Eisenbahn vorbei - einer dieser endlosen Güterzüge der Union Pacific Railroad, die auf ihrem Weg von Houston nach Los Angeles hier durch Marfa scheppern, seit 1883.

Unser Roadtrip durch die USA vor der Präsidentschaftswahl hat uns in den äußersten Südwesten gebracht, fernab aller Kandidaten. Denn nicht nur für die ist Marfa am Ende der Welt: Eine Autostunde nach Süden liegt die mexikanische Grenze, drei Autostunden nach Nordwesten die nächste Stadt, El Paso. Dazwischen: Wüste.

Aber das heißt eben noch lange nicht, dass das texanischen Kaff tot ist. Im Gegenteil: Hinter den Fassaden, die aussehen wie Filmkulissen, blühen Kunst, Kultur - und eine ganz ureigene, Texas-untypische Spielart progressiver Politik.

Es gibt Museen, Galerien, Theatergruppen, Musikbands und ein Bezirkskomitee der Demokratischen Partei, in dem auch Young sitzt. "Wir sind belesener, als man denkt", sagt er und grinst. "Informierter und interessierter."

Das liegt auch daran, dass viele, die hier draußen leben, wie Young Zuzügler sind. "Vanity Fair" nennt Marfa einen "Spielplatz für Pioniere und Pilgerväter" der US-Kreativszene.

Young, 21, kam im September. Zuvor hatte er drei Jahre lang in New Yorks Finanzbranche gerackert. "Das war nichts für mich", sagt er. Über Freunde hörte er von Marfa, besuchte es - und blieb: "Hier fühle ich mich zu Hause."

Solche Geschichten erzählen viele hier. Die Einsamkeit, die Leere der Landschaft, die trockene Gluthitze: Was die einen abschreckt, ist für andere ein schöpferisches Paradies.

Liz Taylor und James Dean kamen für Dreharbeiten

Das begann mit Donald Judd, dem berühmten Maler, Bildhauer und Architekten. Der kaufte sich 1972 sein erstes von vielen Häusern in Marfa. Bald besaß er den halben Ort, dank Stiftungsgeldern der Dia Art Foundation.

Marfas erste Blütezeit war da längst vorbei. 1956 war das, als Hollywood anrückte: Die Außenaufnahmen für das Epos "Giganten" mit Liz Taylor und James Dean fanden hier statt. Die Schauspieler wohnten im Hotel Paisano, wo heute noch ein Zimmer mit Devotionalien an sie erinnert, samt James Dean aus Pappe.

Mit Donald Judd begann eine Renaissance. Er eröffnete Galerien für seine Monumentalwerke, aber auch für befreundete Künstler. Die Chinati Foundation, seine Nachlassstiftung, ist heute das weltgrößte Open-Air-Museum für moderne Kunst: Judds Betonklötze ruhen im Wüstengras wie Hinterlassenschaften von Außerirdischen. Den Künstlern folgte erneut Hollywood: In Marfa wurden die Thriller "No Country For Old Men" und "There will be Blood" gedreht.

Ester Partegas, 40, landete vor einem Monat hier. Die Spanierin, die seit kurzem auch einen US-Pass hat und sonst in Virginia lebt, bastelt in einem alten Kühlhaus Skulpturen aus Lehm und Ton. Warum Marfa? "Die Landschaft, die Stille", sagt sie. "Es gibt keine Ablenkungen."

"Wir haben andere Probleme als der Rest der Welt"

Noch etwas ist speziell: Der Wüstenbezirk Presidio, dessen einziger Ort Marfa ist, ist ein selten demokratischer Fleck in West Texas. Auch wenn bei der Kongresswahl 2010 hier nur 967 Stimmen abgegeben wurden - 808 gingen davon an den Demokraten Ciro Rodriguez.

"Wir haben andere Probleme als der Rest der Welt", sagt Tom Michael, der Marfas ortseigenen Radiosender KRTS leitet. Aus dem Mini-Studio am Bahnübergang sendet er Country-Songs, Nachrichten und Polit-Talk.

Was sind diese Probleme? Vor allem Wasser: Die lange Dürre hat die Trinkwasserversorgung zum Politikum gemacht. Außerdem: illegale Einwanderung, kaputte Schulen, das dünne Gesundheitssystem. Die einzige Apotheke ist eine halbe Stunde entfernt. Die Leute bilden Fahrgemeinschaften, wenn sie was brauchen.

Auch Jobs sind ein Thema - sprich: ihr Mangel. Die Arbeitslosenquote im Bezirk Presidio liegt bei 13,7 Prozent, fast doppelt so hoch wie in Gesamt-Texas. Das betrifft jedoch weniger die neuen Kreativen, sondern die "Ureinwohner", die einst vor vielen Generationen aus Mexiko kamen. Kein Wunder, dass es zwischen den beiden Schichten hier Spannungen gibt: Die einen haben kein Geld - die anderen geben Abermillionen Dollar für Kunst und Kultur aus.

Ryan Youngs Bücherei versucht, die Kluft zu überbrücken. Ihre Programmkino-Shows würden von allen gut besucht, sagt er. Zuletzt gab es "Kinyarwanda", einen Film über die Ruanda-Greuel. Es soll ja nicht heißen, dass sie sich in Marfa nur für sich selbst interessieren.

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insgesamt 1 Beitrag
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1. Einfache Entscheidung
tailspin 24.07.2012
Ich wollt schon immer mal nach Marfa. Aber jetzt, wo sich die Demokraten da eingenistet haben, werde ich das bleiben lassen. Die haben mich schon genug Geld gekostet.
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