Immense Lebensmittelpreise Schwere Unruhen in Haiti - 9000 Uno-Blauhelme machtlos

Der Hunger treibt viele Bewohner Haitis auf die Barrikaden: Bewaffnete ziehen durch die Straßen, errichten Sperren, stecken Autoreifen in Brand und plündern Geschäfte. Präsident Preval will sich nun für niedrigere Lebensmittelpreise einsetzen.


Port-au-Prince - Es war ein verzweifelter Appell des Präsidenten. Rene Preval meldete sich erstmals seit Beginn der Unruhen in der vergangenen Woche öffentlich zu Wort. Er rief die Bewohner zu einem Ende der Plünderungen auf. "Die Lösung liegt nicht darin, herumzulaufen und Läden zu zerstören", sagte er. "Ich gebe euch den Befehl aufzuhören." Er versprach, die Lebensmittelimporteure zu einer Senkung der Preise zu drängen.

Doch der präsidiale Appell verhallte ungehört, die Unruhen gehen weiter. In der Hauptstadt Port-au-Prince zogen mit Knüppeln und Steinen bewaffnete Banden durch die Straßen, steckten Autoreifen in Brand und errichteten Straßenbarrikaden. Läden, Supermärkte, Tankstellen und Regierungsbüros wurden geplündert. Aufständische gingen auch gegen Radiosender vor. In einigen Stadtteilen breite sich Panik aus, berichtete ein Einwohner des Stadtviertels Petionville. In den Elendsvierteln und auch in den wohlhabenderen Vorstädten waren Schüsse zu hören.

Die Unruhen waren Ende der vergangenen Woche wegen der ständig steigenden Preise für Lebensmittel zunächst in der südhaitianischen Stadt Les Cayes ausgebrochen. Bisher kamen fünf Menschen ums Leben, Dutzende wurden verletzt. Seit Dienstag dieser Woche ziehen Tausende vorwiegend junger Männer plündernd durch die Straßen von Port-au-Prince. Sie fordern unter anderem den Rücktritt der Regierung.

Polizisten und die etwa 9000 Uno-Blauhelmsoldaten hatten vergeblich versucht, die Situation in den Griff zu bekommen. Die Unruhen erstreckten sich auf das ganze Land. In der nördlichen Stadt Cap-Haitien versuchten Banden, Lebensmittel aus einem Lager des Welternährungsprogramm (WFP) zu stehlen, wie eine Sprecherin der Blauhelme erklärte.

Die weltweit gestiegenen Lebensmittelpreise treffen Haiti besonders hart, wo 80 Prozent der Bevölkerung mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen muss. Die Preise für Reis, Bohnen, Früchte und Kondensmilch sind seit dem vergangenen Jahr um 50 Prozent gestiegen. Nudeln kosten sogar doppelt so viel.

Es wird vermutet, dass auch Drogenbanden oder Anhänger des 2004 gestürzten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide die Unruhen provoziert haben, mit dem Ziel, die Lage im ärmsten Land Amerikas weiter zu destabilisieren. Haiti ist in Jahrzehnten der Diktatur wirtschaftlich und politisch völlig ruiniert worden. Die Uno-Mission Minustah versucht seit Mitte 2004, dem Land den Weg in die Demokratie zu ebnen.

asc/AP/dpa



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