Jüdische Fluchtwelle Lieber Raketenhagel als Leben in Frankreich

Immer mehr französische Juden kaufen sich Wohnungen in Israel - schon lange vor den Mordattacken fühlten sie sich mit ihren Familien in der alten Heimat nicht mehr sicher. Der Anschlag von Toulouse könnte die Auswanderungswelle noch verstärken.

Tel Aviv: Immer mehr französische Juden fürchten um ihre Sicherheit in der Heimat
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Tel Aviv: Immer mehr französische Juden fürchten um ihre Sicherheit in der Heimat

Von Gil Yaron, Tel Aviv


Es muss viele an die Selektion in den Konzentrationslagern der Nazis erinnert haben: Kurz nach dem Attentat auf die jüdische Schule in Toulouse betraten in der Stadt Schuldirektoren die Klassen und baten die jüdischen Schüler, sich zu melden: "Wir bitten euch, den Unterricht zu verlassen und euch zu den anderen jüdischen Kindern zu gesellen, die sich an einem geschlossenen und sicheren Ort befinden."

Es war als Vorsichtsmaßnahme gedacht, die der Bitte der jüdischen Gemeinde entsprach. Doch sie macht deutlich, wie sehr sich manche Juden in Frankreich als bedrohte, zunehmend ausgegrenzte Minderheit erleben. Tausende fällen deswegen jedes Jahr einen dramatischen Entschluss: Sie packen ihre sieben Sachen und ziehen ins Krisengebiet Israel. Dort fühlen sie sich besser aufgehoben.

Linda zog vor fünf Jahren aus Paris über Kanada ins israelische Aschdod. Noch vor einer Woche waren sie, ihr Mann und ihre zwei Söhne dem Raketenhagel aus Gaza ausgesetzt. Trotzdem ist Linda, die ihren Nachnamen nicht angeben will, heilfroh nicht mehr in Frankreich zu leben. "Hier ist es viel sicherer als in Frankreich", sagt sie.

Dort sei der "Antisemitismus unerträglich geworden: Kinder werden auf dem Schulweg drangsaliert, nur weil sie Juden sind", sagt Linda. Sie selber sei "mitten auf der Champs-Elysées" Opfer eines solchen Übergriffs geworden: "Ich trug eine Kette mit einem Davidstern. Jemand rempelte mich an. Ich sagte ihm: 'Dafür kann man sich doch entschuldigen!'. Er sagte mir nur, dass er sich nicht bei Juden entschuldige."

Laut Angaben des israelischen Einwanderungsministeriums siedeln derzeit jedes Jahr rund 2000 französische Juden nach Israel über, rund 100.000 sind es bereits insgesamt. Der israelischen Regierung ist das durchaus recht: Sie freut sich über die kaufkräftigen, gebildeten Einwanderer. Im Jahr 2004 löste solch ein offener Aufruf zur Auswanderung von Premierminister Ariel Scharon in Paris Empörung aus und kühlte die bilateralen Beziehungen ab. Doch die Einwanderungswelle hielt an: "Es ist noch keine Flucht vor Antisemitismus", sagt Avi Zana, Direktor von Ami, einer Hilfsorganisation für frankophone Neuankömmlinge, zu SPIEGEL ONLINE.

Juden reisten auch aus religiösen Gründen ein, oder um eine jüdische Braut zu finden. Dennoch kämen viele auch angesichts der heiklen Lage vor Ort zum Schluss "dass die Zukunft jüdischer Kinder dort nicht mehr sicher ist." Laut einer Studie im Jahr 2004 erwägt jeder vierte der rund 500.000 Juden Frankreichs, nach Israel auszuwandern - aus Angst vor Antisemitismus.

Wie viel Schutz können Kameras bieten?

Im Jahr 2006 erreichte diese Angst einen Höhepunkt, nachdem der 24 Jahre alte Ilan Halimi von einer Gruppe mit antisemitischem und arabischem Hintergrund drei Wochen lang festgehalten, gefoltert und schließlich ermordet wurde. Die Einwanderungszahlen aus Frankreich schwollen damals um rund 50 Prozent an.

Der Knesset-Abgeordnete Daniel Ben Simon hat das Phänomen jüdischer Auswanderung in seinem Buch "Französischer Biss" untersucht: "Juden in Frankreich haben Angst vor dem Tag, an dem die Muslime zu einem bestimmenden Faktor der französischen Innenpolitik werden. Sie fürchten, dass das Land dann nicht mehr sicher für sie sein wird", sagte Ben Simon SPIEGEL ONLINE.

Schon jetzt komme es jedes Jahr zu "Hunderten antisemitischer Zwischenfälle", hauptsächlich von Seiten arabischer Einwanderer, sagt Zana: "Das löst großen Druck aus. Wie lange können jüdische Gemeinden sich vor Übergriffen mit Überwachungskameras schützen?"

Explodierende Wohnungspreise in den Stadtzentren

Der Tel Aviver Immobilienmakler Jitzchak Touitou bestätigt diesen Trend: "Rund ein Drittel meiner Kunden sind Juden aus Frankreich", sagt Touitou. Nicht bloß Superreiche leisten sich Zweitwohnungen in Israel: "Jeder französische Jude, der das Geld nur irgendwie aufbringen kann, kauft hier eine Wohnung", sagt Touitou. Ben Simon schätzt, dass "fast jeder zweite französische Jude einen Wohnsitz in Israel unterhält." Es sei "eine Art Versicherungspolice, falls die Lage in Frankreich noch schlimmer wird."

Touitou hört bei den Häuserbesichtigungen haarsträubende Berichte von seinen Kunden: "Die Atmosphäre in Frankreich ist sehr bedrohlich geworden: Menschen tragen keine Kippa mehr, wenn sie auf der Straße gehen. Sie haben Angst, angepöbelt zu werden."

Der Angriff auf die Schule sei eine tragische Ironie, sagt Touitou, dessen Schwiegermutter mit dem Gründer der Schuleinrichtung "Ozar Hatorah" verheiratet ist: "Ich kenne den Lehrer, der erschossen wurde. Er lebte bis vor kurzem hier in Israel. Man musste ihn lange überreden nach Toulouse zu gehen, um dort Hebräisch und Religion zu unterrichten. Und dann verlässt er den Krisenherd Nahost und wird in Frankreich mit seinen zwei Kindern ermordet."

Vizepremier Silvan Schalom nutzte nun wie Scharon 2004 die Gelegenheit, Frankreichs Juden nach Israel einzuladen, drückte sich diesmal aber vorsichtig aus. Dennoch meint Ben Simon, dass dem israelischen Aufruf Erfolg beschieden sein könnte: "Wenn sich herausstellt, dass das Ereignis tatsächlich gezielt gegen Juden gerichtet war, erwartet Israel ein Fluchtwelle französischer Juden."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
Europa! 21.03.2012
1. Eine Schande
Zitat von sysopAFPImmer mehr französische Juden kaufen sich Wohnungen in Israel - schon lange vor den Mordattacken fühlten sie sich mit ihren Familien in der alten Heimat nicht mehr sicher. Der Anschlag von Toulouse könnte die Auswanderungswelle noch verstärken. Jüdische Fluchtwelle: Lieber Raketenhagel als Leben in Frankreich - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822369,00.html)
Juden leben seit zweitausend Jahren in Frankreich und Deutschland, sie sind konstituierender Bestandteil Europas. Nach all den Verfolgungen durch die Kirche, nach Hunderten von Pogromen und nach dem von Deutschen verschuldeten Holocaust kann es einfach nicht angehen, dass sie jetzt vor islamistischen Mördern flüchten müssen.
daniel.schloss@web.de 21.03.2012
2. Augenwischerei
Zitat von sysopAFPImmer mehr französische Juden kaufen sich Wohnungen in Israel - schon lange vor den Mordattacken fühlten sie sich mit ihren Familien in der alten Heimat nicht mehr sicher. Der Anschlag von Toulouse könnte die Auswanderungswelle noch verstärken. Jüdische Fluchtwelle: Lieber Raketenhagel als Leben in Frankreich - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822369,00.html)
Könnte die Presse mal beginnen, das Wort "Islam" in den Mund zu nehmen? Bezeichnend für unsere Duckmäuserkultur, dass bei einem Täter wie Anders Breivik das ganze Gedankengut dahinter zerpickt wurde, während hier der Mann nur als "Mörder", "Einzeltäter" oder von seiner Psyche getriebener dargestellt wird. Darüber hinaus ist der Mann zwar per definitionem "Islamist", das Gedankengut, das er verkörpert, teilt jedoch ein Großteil der muslimischen Bevölkerung in islamischen Staaten, wie auch bei uns. (Muslim Publics Divided on Hamas and Hezbollah | Pew Global Attitudes Project (http://www.pewglobal.org/2010/12/02/muslims-around-the-world-divided-on-hamas-and-hezbollah/)) Die Ehrverletzung, die der Islam durch die Intervention und Bedrohung westlicher Mächte im Nahen Osten erlitten hat, durch Gewalt zu sühnen ist daher das Anliegen vieler Muslime, dies beweisen auch die Unmengen an missglückten Anschlägen, neben den prominenten Beispielen in London, Moskau, Kopenhagen. Der größte Aufreger für mich heute auf n24: " Man könne eine Linie ziehen von dem Antisemitismus Mitteleuropas von früher und dem, der heut stattfindet" Nein, und hier ist die Komponente Islam auch deshalb wichtig, da in Großstädten Frankreichs mit Sicherheit die Mehrheit der Neugeborenen Muslime sind und diese heutzutage Haupttreiber des Antisemitismus sind. Es mögen alles Franzosen sein, aber das Stereotyp des rechtsradikalen Judenhassers muss aufgebrochen werden und der Islam mehr in den Fokus einer öffentlichen Diskussion kommen, wie es schon die Mehrheit der Deutschen in Merkels "Zukunftsdialog" fordert. Nur das stößt in unserer Gesellschaft auf taube Ohren. Männlich, 17
ginfizz53 21.03.2012
3. Das ist hier nicht anders...
... spricht man das , hat man zwei Probleme am Hals: 1. Ausländerfeindlichkeit 2. Verharmlosung der braunen Gefahr, da ja Deutschland in den - deutschen! - Köpfen, den Antisemitismus sowohl erfunden als auch exclusiv gepachtet hat.
suwarin 21.03.2012
4. ...
In Frankreich gibt es auch schon Juden, die Le Pen unterstützen, wir erinnern uns, die Tochter eines Holocaust-Leugners. Le Pen, derzeit Beschützer französischer Juden - Frankreich - derStandard.at (http://derstandard.at/1612883) Wie weit ist es in Europa denn schon gekommen? Und ich habe mal gedacht, wenigstens die europäischen Juden würden Israel nicht als Notanker benötigen, so kann man sich täuschen. Stoppt diese dummdreisten Antisemiten, auch wenn es keine klassichen Rechtsextremisten sind!
Olino 21.03.2012
5. Medienwirksame Hysterie
Diese Meldung ist wieder eine typisch medienwirksame Hysterie. Wer ernsthaft behauptet, dass das Leben für Juden in Frankreich so unsicher sei, dass sie das Land verlassen müssten, ist entweder nicht ganz bei Trost oder betreibt eine ekelhafte Meinungsmache - ekelhaft, weil dies die Opfer dieser schrecklichen, sinnlosen Tat für politische Zwecke instrumentalisiert. Die Opfer sind zu allererst Franzosen und Bürger eines freien, demokratischen Landes. Die freiheitliche Demokratie muss gegen alle Gefahren verteidigt werden, egal ob sie von braunen, roten, islamischen, christlichen oder zionistischen Extremisten ausgeht!
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