Immigration in die USA "Debatte um Einwanderer wird hitziger"

Hochqualifizierte sind willkommen, Ungelernte nicht: US-Bürger befürworten schärfere Gesetze, welche Einwanderer noch ins Land dürfen, sagt der Politologe Jens Hainmüller im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es bestehe die Gefahr, dass Wahlkämpfer versuchen, mit Ressentiments zu punkten.

AFP

SPIEGEL ONLINE: Im US-Bundesstaat Arizona ist gerade ein besonders scharfes Anti-Einwanderungsgesetz verabschiedet worden. Es erlaubt der Polizei, jeden festzunehmen, den sie als illegalen Einwanderer verdächtigt. Sind Amerikaner Immigration leid?

Jens Hainmüller: Historisch gesehen ist diese Entwicklung wenig überraschend. Der Anteil von Ausländern an der US-Bevölkerung ist von fünf Prozent im Jahr 1970 auf rund 13 Prozent gestiegen, dies entspricht etwa 39 Millionen Menschen. Das ist der höchste Stand seit 1930. Schon damals hat der öffentliche Widerstand gegen die hohen Einwandererzahlen Politiker zu heftigen Zuwanderungsbeschränkungen veranlasst.

Die Debatten, die wir nun in Arizona sehen, könnten also nur der Anfang ähnlicher Entwicklungen sein. Dennoch glaube ich, dass so scharfe Beschränkungen wie damals wenig wahrscheinlich sind. Laut einer neuen Studie, die ich gemeinsam mit meinem Harvard-Kollegen Michael Hiscox erstellt habe, hat die Mehrheit der Amerikaner nichts gegen zusätzliche Einwanderer - solange diese hochqualifiziert sind.

SPIEGEL ONLINE: Der Ingenieur oder Computerprogrammierer wäre also in den USA willkommen?

Hainmüller: Genau. Nur 40 Prozent der Amerikaner sind gegen einen Zuwachs von hochqualifizierten Einwanderern - aber mehr als 60 Prozent der Amerikaner sprechen sich gegen einen Zuwachs von gering qualifizierten Einwanderern aus, welche primär einfache manuelle Tätigkeiten ausüben. Erstaunlicherweise zieht sich diese Präferenz durch alle Teile der Bevölkerung - reich und arm, Bewohner von Staaten mit mehr oder weniger Einwanderern, sogar Befragte mit einem hohen oder niedrigen Bildungsstand. Das ist überraschend, weil hochqualifizierte Einheimische ja mit diesen hochqualifizierten Einwanderern dann eventuell um Arbeitsplätze konkurrieren müssen.

SPIEGEL ONLINE: Im US-Kongress läuft die Debatte über eine Neugestaltung der Einwanderungspolitik an. Einige Abgeordnete haben eine Reform vorgeschlagen, die vor allem auf hochqualifizierte Einwanderer zielt. Erwarten Sie eine solche Entwicklung?

Hainmüller: Das ist sehr wahrscheinlich. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass Reformvorschläge, die auf hochqualifizierte Einwanderer abzielen, politisch leichter zu "verkaufen" sind. Und die Forschung zeigt, dass US-Einwanderungspolitik historisch gesehen oft von der öffentlichen Meinung beeinflusst wird.

SPIEGEL ONLINE: Eine Studie hat aber ergeben, dass die Jobs unter US-Immigranten breiter gefächert sind als erwartet. Gerade in größeren Städten sind viele Einwanderer mit hochqualifizierten Berufen zu verzeichnen. Wäre also nicht eigentlich eine Entspannung der Debatte zu erwarten?

Hainmüller: Im Gegenteil. Ich glaube, dass die Debatte in den nächsten Monaten noch hitziger wird. Amerikaner sind zwar hochqualifizierten Einwanderern gegenüber aufgeschlossener - aber Forschungsdaten zeigen auch, dass die US-Öffentlichkeit nach wie vor tief gespalten ist, wie viel Einwanderung insgesamt gut für das Land ist. Außerdem bleiben wichtige Punkte ungelöst: etwa das Problem der illegalen Einwanderer. Amerikanische Politiker werden gewiss versuchen, Wähler mit Anti-Einwanderungsrhetorik zu mobilisieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber große Teile des US-Wirtschaftswachstums wären ohne die Arbeit der Immigranten doch nicht denkbar.

Hainmüller: Sehr richtig, aber dieser langfristige Nutzen von Einwanderung ist politisch oft schwer zu kommunizieren. Es ist viel einfacher, Wähler gegen Einwanderung zu mobilisieren als dafür. Die populistischen Argumente sind sehr stark: dass Einwanderer den Einheimischen Jobs wegnehmen, den Wohlfahrtsstaat belasten, lokale Traditionen verwässern. Die empirische Forschung findet dafür zwar kaum Anhaltspunkte. Doch Wähler reagieren trotzdem stark auf solche Behauptungen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus Ihrer Forschung für andere Länder wie Deutschland ziehen? Ist die Haltung dort ähnlich?

Hainmüller: Die Datenlage zu dieser Frage ist in Deutschland noch schlechter als in den USA. Doch die bisherigen Ergebnisse deuten in eine ähnliche Richtung. Wir haben etwa in einer Studie über Deutschland und 22 andere europäische Länder herausgefunden, dass Bürger, die gebildeter sind, auch eher Einwanderung unterstützen - vor allem aus wohlhabenden Staaten. Deutsche, die besser ausgebildet sind, würden also etwa Immigranten aus Frankreich oder den USA eher willkommen heißen. Sogar wenn diese für sie dann vielleicht eine Konkurrenz im Arbeitsmarkt darstellen.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Debatten sind aber nicht gerade ermutigend: Wir erinnern uns an die "Kinder statt Inder"-Debatte - die Deutsche anhielt, lieber selber Kinder zu bekommen, als hochqualifizierte Einwanderer ins Land zu lassen.

Hainmüller: Die Forschung zeigt: Deutsche sind allgemein immigrationsskeptischer als Amerikaner. Das macht es für deutsche Politiker leichter, Ressentiments gegen Einwanderer zu mobilisieren als in den USA - wo hispanische Bürger eine sehr wichtige Wählergruppe formen und die Gesellschaft Pluralität schon länger als positiven Wert wahrnimmt.

SPIEGEL ONLINE: Dabei wäre die Einwanderung in Deutschland mit seiner niedrigen Geburtsrate doch eigentlich noch nötiger als in den USA. Oder?

Hainmüller: Die Situation in Deutschland ähnelt einer demografischen Zeitbombe. So gut wie alle Experten sind sich einig, dass Deutschland mit seiner alternden und schrumpfenden Bevölkerung unbedingt mehr Einwanderer zulassen sollte - und diejenigen, die bereits da sind, besser integrieren muss. Nur so lassen sich die sozialen Sicherungssysteme retten.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz, Washington



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Seite 1
Pazifist 26.04.2010
1. Integrationsproblem Deutschland
Zitat von sysopHochqualifizierte sind willkommen, Ungelernte nicht: US-Bürger befürworten schärfere Gesetze, welche Einwanderer noch ins Land dürfen, sagt der Politologe Jens Hainmüller im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es bestehe die Gefahr, dass Wahlkämpfer versuchen, mit Ressentiments zu punkten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,691189,00.html
Ein sehr lesenswertes Interview. Ich fasse zusammen: (1) Deutschland bräuchte dringend mehr Einwanderer, da seine sozialen Sicherungssysteme anders nicht mehr zu retten sind; (2) Deutschland ist aber leider ein "einwanderungsskeptisches" (lies: fremdenfeindliches) Land, so dass der Politik die Hände gebunden sind, mehr für die Öffnung unserer Grenzen zu tun. (3) Mit der Öffnung der Grenzen allein ist es nicht getan, Deutschland leidet auch nach wie vor unter einem integrationspolitischen Defizit. Menschen, die zu uns kommen, treffen offenbar auf eine ihnen feindlich gesonnene Gesellschaft.
Der Pragmatist 26.04.2010
2. Gute Politik
Zitat von sysopHochqualifizierte sind willkommen, Ungelernte nicht: US-Bürger befürworten schärfere Gesetze, welche Einwanderer noch ins Land dürfen, sagt der Politologe Jens Hainmüller im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es bestehe die Gefahr, dass Wahlkämpfer versuchen, mit Ressentiments zu punkten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,691189,00.html
Hochqualifizierte sind willkommen, Ungelernte nicht! Eine sehr lobenswerte Politik, denn Hochqualifizierte treiben das Land voran und Ungelernte liegen dem Steuerzahler auf der Tasche. So sollte es Deutschland auch tun und vieloe Probleme wuerden sich von selbst loesen.
nici2412 26.04.2010
3. Einwanderung
Zitat von PazifistEin sehr lesenswertes Interview. Ich fasse zusammen: (1) Deutschland bräuchte dringend mehr Einwanderer, da seine sozialen Sicherungssysteme anders nicht mehr zu retten sind; (2) Deutschland ist aber leider ein "einwanderungsskeptisches" (lies: fremdenfeindliches) Land, so dass der Politik die Hände gebunden sind, mehr für die Öffnung unserer Grenzen zu tun. (3) Mit der Öffnung der Grenzen allein ist es nicht getan, Deutschland leidet auch nach wie vor unter einem integrationspolitischen Defizit. Menschen, die zu uns kommen, treffen offenbar auf eine ihnen feindlich gesonnene Gesellschaft.
Wobei die Politik es sich selber zuzuschreiben hat, dass Deutschland Einwanderungsskeptisch ist. Hätten sie nicht massig undgebildete integrationsunwillige Arbeiter aus der Osttürkei geholt, sonern mehr Anreize geschafft umqualifizierte Einwanderer anzuwerben, gäbe es sicherlich weniger Vorbehalte gegen weitere Zuwanderung. Es ist nunmal Fakt, dass muslimische Einwanderer weit häufiger die Sozialsysteme belasten, eine geringere Bildung und häufiger in der polizeilichen Kriminalstatistik vertreten sind als die einheimische Bevölkerung oder andere Ausländergruppen. Wie kann man dann von der Bevölkerung erwarten, dass sie noch mehr davon haben will? Ich bin prinzipiell für Einwanderung. Nur sollten diese Menschen eine gewisse Qualifikation haben und möglichst aus nicht-muslimischen Staaten kommen. Nur leider sehe ich Europa dank seines Sozialsystems im Gegensatz zu den USA als Magnet für Menschen, die es in ihrem Land nicht geschafft haben und es hier auch nicht schaffen werden. Die USA ziehen die hochgebildeten an (abgesehen von den Grenzproblemen mit Mexiko)- Europa zieht den Rest an.
gateche 26.04.2010
4. lobenswerte Gesetzgebung
lobenswerte Gesetzgebung in Arizona. Diese sollten wir uns auch in Deutschland zu Eigen machen. Anstatt integrationsunwilligen Türken Türen und Tore zu öffnen, sollte man die Integration auf qualifizierte Bewerber fokussieren, die nicht nur einen positiven Wissensmehrwert für den Standort Deutschland bedeuten, sondern sich auch als sehr integrationsbereit zeigen. In einem Wort: keine Türken oder Personen aus muslimischen Ländern.
frubi 26.04.2010
5. .
Zitat von sysopHochqualifizierte sind willkommen, Ungelernte nicht: US-Bürger befürworten schärfere Gesetze, welche Einwanderer noch ins Land dürfen, sagt der Politologe Jens Hainmüller im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es bestehe die Gefahr, dass Wahlkämpfer versuchen, mit Ressentiments zu punkten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,691189,00.html
Solche Gesetze kann ich nur dann unterstützen, wenn es wirklich nur die Neueinwanderer trifft und dadurch nicht eine allgemein ausländerfeindliche Stimmung entsteht. Was ich nähmlich momentan aus den USA so höre gehen in Arizona hauptsächliche amerikanische Staatsbüger aufeinander los. Das wäre mehr als nur kontraproduktiv.
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