Historischer Prozess: Verfahren gegen türkischen Ex-Staatschef Evren beginnt

Neun Jahre lang war Kenan Evren Staatschef der Türkei. Jetzt wird ihm als Anführer des Militärputsches von 1980 der Prozess gemacht. Unter der Armee-Herrschaft landeten Hunderttausende Oppositionelle im Gefängnis. Sie erhoffen sich von dem Gerichtsverfahren Gerechtigkeit.

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Ex-Staatschef Kenan Evren: Bei einer Verurteilung droht lebenslange Haft

Ankara - Es ist ein historischer Moment für die Türkei. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes wird einem ehemaligen Staatspräsidenten seit Mittwoch in Ankara der Prozess gemacht.

Der 94-jährige Ex-Staatschef Kenan Evren und der 87 Jahre alte, ehemalige Luftwaffenchef Tahsin Sahinkaya sind wegen ihrer Rolle als Anführer des Militärputsches in der Türkei von 1980 angeklagt. Ihnen wird Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung vorgeworfen. Bei einer Verurteilung droht ihnen eine lebenslange Haftstrafe. Aus gesundheitlichen Gründen und wegen ihres hohen Alters erschienen die beiden Angeklagten zum Prozessauftakt am Mittwochmorgen nicht vor Gericht.

Ein Prozess gegen ranghohe Militärs erschien noch vor Jahren unmöglich. Seit der türkischen Staatsgründung 1923 verstanden sich die Generäle als Eliten des Staates und Hüter der laizistischen Verfassung. Doch die Regierung Erdogan beschneidet die Macht der Armee. 2010 machte eine Volksabstimmung mit einer Abschaffung der Immunitätsregelung die Strafverfolgung der Putschisten möglich.

Regierung und Parlament sind Nebenkläger

Nach Angaben von Opfern der Militärregierung wurden nach dem Staatsstreich 1980 rund 650.000 Menschen verhaftet, etwa 250.000 kamen vor Gericht, mehrere hundert Menschen starben durch Hinrichtungen oder Folter. Zehntausende wurden ausgebürgert und flohen nach Deutschland und in andere Länder. 1982 gaben die Militärs die Macht wieder ab. Sie hinterließen aber eine noch heute gültige Verfassung, die ihnen großen politischen Einfluss sicherte und viele Bürgerrechte einschränkte. Die Generäle rechtfertigten den Putsch damit, Jahre des Chaos beendet und das Land vor einer islamischen Revolution nach iranischem Vorbild bewahrt zu haben. Evren selbst war noch bis 1989 Staatspräsident.

In dem Prozess treten nicht nur hunderte Putschopfer und Verbände als Nebenkläger auf, sondern auch Parlament und Regierung, die damals von den Umstürzlern aufgelöst wurden. Regierungschef Erdogan sagte am Dienstag vor den Abgeordneten seiner AKP-Fraktion: "Wir werden den Fall ganz genau verfolgen." In den vergangenen Jahren mussten sich zahlreiche türkische Generäle vor Gericht verantworten, die beschuldigt werden, als Teil des "Ergenekon"-Geheimbundes den Sturz der Regierung Erdogan geplant zu haben.

Insgesamt putschte das türkische Militär drei Mal gegen zivile Regierungen - 1960, 1971 und 1980. Noch 1997 zwang die Armee die erste von Islamisten geführte Regierung in Ankara zum Rücktritt.

syd/AFP/Reuters/AP

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insgesamt 12 Beiträge
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1. .
Tades75 04.04.2012
Eine der wenigen guten Aktionen der AKP-Regierung Erdogans. Wobei lebenslanger Hausarrest für so einen alten Mann auch ausreichen würde, alleine schon die Verurteilung wäre Balsam für die Seele vieler Putschisten-Opfer.
2. Islamische Republik
qranqe 04.04.2012
Wenn man sich die Verdienste dieser Männer und der Armee allgemein anschaut, soll hier wohl einzig und alleine die Kraft eliminiert werden, die eine islamische Republik verhindern kann. Ich tippe, dass sich der EU-Beitritt der Türkei alleine schon deshalb irgendwann von selbst erledigt, weil Islamisten die Macht ergriffen haben und das ehemals westlich orientierte Land zurück ins Mittelalter schicken.
3. es gibt auch andere seiten...
joderbaer 04.04.2012
Wir waren 1982 5 Wochen in der Türkei mit dem Wohnwagen in Urlaub. Wir haben mit vielen Menschen dort gesprochen, und _alle_ waren eigentlich froh über den Militärputsch. "Frauen können nachts wieder alleine über die Straße gehen", "Straßen wurden endlich repariert oder neu gebaut", "Der Islam hat keinen Einfluss mehr" usw. waren die Aussagen, die wir hörten. Natürlich ist es schlimm, daß Menschen gefoltert oder getötet wurden, keine Frage. Aber den Türken war die eingetretene Stabilität anscheinend auch nicht unrecht... JDB
4. ... und heute ist ja auch alles Dufte.
fridolinkiesewetter 04.04.2012
Zitat von joderbaerWir waren 1982 5 Wochen in der Türkei mit dem Wohnwagen in Urlaub. Wir haben mit vielen Menschen dort gesprochen, und _alle_ waren eigentlich froh über den Militärputsch. "Frauen können nachts wieder alleine über die Straße gehen", "Straßen wurden endlich repariert oder neu gebaut", "Der Islam hat keinen Einfluss mehr" usw. waren die Aussagen, die wir hörten. Natürlich ist es schlimm, daß Menschen gefoltert oder getötet wurden, keine Frage. Aber den Türken war die eingetretene Stabilität anscheinend auch nicht unrecht... JDB
Ne mal im ernst, wenn ich den Artikel lese, mir andere Berichte über die Zustände in der Türkei zu Gemüte führe und zahlreiche Erfahrungsberichte höre, dann frage ich mich wann endlich Erdogan der Schreckliche den Prozess gemacht bekommt. Gut, in der Türkei wurden jetzt wohl einige Kritiker und Oppositionelle freigelassen, die es gewagt haben in der Ära Erdogan aufzumucken, aber es fragt sich wie lang das hält bzw. wie lang sie den Mund halten.
5. Mitbürger aus Ihrem Munde,
seinsfeld 04.04.2012
Zitat von fridolinkiesewetterist wahnsinnig. Und die Türken, die ihn gewählt haben, sind es wahrscheinlich ebenso. Sobald aus der Türkei ein islamistischer Gottesstaat geworden ist, können unsere türkischen Mitbürger gerne umsiedeln. Have fun!
Also wenn die Türkei ein Gottesstaat geworden wäre, wollen Sie 4 Mio. Türken aus Deutschland umsiedeln, oder können freiwillig umsiedeln. Wie unverantwortlich und dumm, können Sie nur derartige Aussagen treffen? Viel Spaß auch Ihnen!
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