Wahlkrimi in Italien: Grillos Wut gewinnt

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Fotostrecke: Der Durchmarsch des Wüterichs Fotos
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Der große Wahlsieger steht fest: Die Protestbewegung von Komiker Beppe Grillo hat alle Vorhersagen übertroffen und mehr Stimmen geholt als erwartet. In manchen Regionen wählen 30 Prozent die Rebellen - im Parlament werden sie eine unberechenbare Kraft.

Rom - Dieser Witz hat keine Pointe: Tritt ein Clown zur Parlamentswahl an... - und wirbelt alles durcheinander. So lässt sich die italienische Wahl, die in einem chaotischen Kopf-an-Kopf-Rennen verlief, schon nach den ersten Stunden zusammenfassen: Die Siegerin ist eine Protestbewegung, die es noch keine vier Jahre gibt und die seit Wochen mit schrillen Tönen durch das Land getourt ist. Das "Movimento 5 Stelle" von Komiker Beppe Grillo ist auf einmal in der Liga der Großparteien gelandet.

Am Ende kommt die "Fünf-Sterne-Bewegung" im Senat auf rund 24 Prozent der Wählerstimmen, im Abgeordnetenhaus auf 25,5 Prozent. In Sizilien, neben der Lombardei die wichtigste Region für die Mehrheitsverhältnisse im Senat, holt die Protestbewegung rund 30 Prozent. Im Abgeordnetenhaus ist sie gar die stärkste Einzelpartei, Sozialdemokraten und Konservative kommen nur mit ihren jeweiligen Verbündeten auf mehr Stimmen als Grillo. Es ist ein bisschen so, als ob in Deutschland die Piratenpartei plötzlich CDU und SPD überholt.

Die "Grillini", wie sich die Anhänger Grillos nennen, haben die Spielregeln durcheinander gebracht - und mit ihrem Wahlkampf der Wut auf Italiens Politik allen Lagern Wählern abgeluchst. Es gibt nun links, rechts und Grillo. Und der könnte das italienische Parlament unregierbar machen. Im Senat dürfte nach aktuellen Zahlen weder Mitte-links noch Mitte-rechts eine Mehrheit haben - wegen des "Grillo-Booms", wie die großen Zeitungen in Italien schreiben.

Triumph eines Wüterichs

Wer ist dieser Grillo? 64 Jahre alt ist der Mann, der in den Achtzigern Karriere als Kabarettist in Genua machte. Er versammelte bereits 2007 Hunderttausende zur "Leck-mich-am-Arsch-Tag"-Demonstration. Mit Hilfe seines Blogs sammelte er seine Anhänger. Dem Parlament bleibt er selbst fern - weil er vorbestraft ist. Grillo wurde in den Achtzigern nach einem Autounfall wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

Im Wahlkampf deutete sich ein Triumph des Wüterichs an. Grillo drehte seit Wochen auf. Während sich die Etablierten im Winterwahlkampf ins Fernsehen flüchteten, oder Reden von Getreuen hielten, tingelte Grillo in seiner "Tsunami-Tour" über die Plätze der Republik. Auf den Bühnen steigerte er sich in die Wut aufs System, seit Tagen war Grillo heiser, immer wieder brüllte er: "Wir schicken sie alle nach Hause!"

Man feierte die ungehemmte Wut auf "La Casta", wie die Italiener ihre politische Klasse nennen, auf die Banken, auch auf den Euro. So tönt die Grillo-Bewegung, irgendwie links und sehr populistisch.

Grillosconi inszeniert Politik als One-Man-Show

Es ist ein bisschen wie Politik alla Berlusconi, große Versprechungen, grelle Scherze, Politik als One-Man-Show. Schon liest man von "Grillosconi". Doch es gibt einen Unterschied: Neben Lautsprecher Grillo versammelten sich viele junge, gut ausgebildete Italiener. Viele Spitzenkandidatinnen waren schlaue Frauen um die 30 - eine Revolution in Italiens Politik (lesen Sie hier das Porträt der Spitzenkandidatinnen). Sie werden nun im Parlament das Gesicht der Partei werden. Die anderen? Sehen dagegen alt aus.

Eine wahre Hysterie löste Grillo aus. Nachdem in den vergangenen zwei Wochen Umfrageergebnisse unter Verschluss gehalten werden mussten, machte am Wochenende gar das Gerücht die Runde, die Bewegung könne landesweit bis zu 30 Prozent erreichen. Doch der Zirkel um Grillo übertreibt gern. Bei der großen Wahlkampf-Abschlussveranstaltung am Freitagabend in Rom, twitterte er, es seien 800.000 vor Ort. Es waren wohl eher 100.000 - aber auch das war eindrucksvoll genug. Jugendliche versammelten sich mitten in der Hauptstadt, auf dem alten Aufmarschplatz der Kommunisten, vereint in der Wut aufs System.

Den Durchbruch schaffte die Bewegung im Frühjahr bei den Regionalwahlen. Seitdem stellen die Rebellen den Bürgermeister in Parma, auch in Sizilien holten sie ein gutes Ergebnis - nun haben sie den Durchmarsch ins nationale Parlament geschafft.

Dort werden die "Grillini" eine unberechenbare Kraft sein. Wie sie abstimmen, weiß bislang niemand. Themen haben sie einige. Sie wettern gegen Wasserprivatisierung, wollen die enormen Diäten der Abgeordneten halbieren und das Volk über einen Euro-Austritt abstimmen lassen. Grillo lobte 1000 Euro im Monat als Grundeinkommen für jeden Italiener aus. Doch vor allem wollen sie "korrupte Politiker" kontrollieren. Sie sind gegen das System, gegen die Massenmedien, gegen die Feinde, die überall lauern. Der Zorn der Straße sitzt nun im Parlament.

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insgesamt 124 Beiträge
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1.
gerkaiser 25.02.2013
Zitat von sysop"...Die Protestbewegung von Komiker Beppe Grillo hat alle Vorhersagen übertroffen und mehr Stimmen geklaut als erwartet...." In Italiens Wahl ist die Bewegung von Beppe Grillo ein Sieger - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/in-italiens-wahl-ist-die-bewegung-von-beppe-grillo-ein-sieger-a-885516.html)
Herr Grillo ist Komiker aber auch Politiker, auch zu einigen unseren Politiker könnte die Berufsbezeichnug Komiker gut passen. Ansonsten staune ich über die Formulierung, er habe Stimmen geklaut. Wie hat es das Gemacht? Urnen entführt und den Inhalt umgeschrieben? Was für eine komische Formulierung.
2. Neid?
bibbusos 25.02.2013
Klar ist nun, dass Italien unberechenbar bleiben wird. Das interne Chaos ist ja nicht wirklich neu. Manchmal überkommt mich schon etwas Neid oder Bewunderung auf. Irgendwie lebt das Land. Guckt euch unsere degenerierte Politikerkaste an, lobbygesteuert und grau.
3. Kann das alles wahr sein???
mr_stagger_lee 25.02.2013
Ein weiter Kommentar erübrigt sich...
4. Keine Stimmen geklaut
niktim 25.02.2013
Zitat von sysopItalien droht das Patt, doch ein Wahlsieger steht fest: Die Protestbewegung von Komiker Beppe Grillo hat alle Vorhersagen übertroffen und mehr Stimmen geklaut als erwartet. In manchen Regionen wählen 30 Prozent die Rebellen - im Parlament werden sie eine unberechenbare Kraft. In Italiens Wahl ist die Bewegung von Beppe Grillo ein Sieger - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/in-italiens-wahl-ist-die-bewegung-von-beppe-grillo-ein-sieger-a-885516.html)
Was für ein Geschrei? Das ist doch vorauszusehen! Die Menschen sind mit der Verarsche durch Politik und Medien leid! Bei uns in Deutschland ist doch die gleiche Entwicklung. Die Piratenpartei hatte doch auch nichts anderes zu bieten als Spaß! Grillo hat keine Stimmen geklaut! Er hast die Stimmen vom Volk bekommen- Das ist ein kleiner Unterschied. Es wird höchste Zeit, dass die Menschen erkennen, wer ihnen das Leben schwer macht!
5. M5s
patricco 25.02.2013
M5S ist keine protestbewegung. wir grillini sehen uns nicht als protestwaehler. M5S ist eine bewegung der hoffnung. hoffnung fuer dieses grossartige wunderschoene land. und wenn wir die moeglichkeit haben, ueber den euro abzustimmen, wieso nicht? einer der zentralen punkte des M5S sind unter anderem auch instrumente der direkten demokratie wie referendum und volksinitative. instrumente, die z.b. in der schweiz bestens funktionieren. und, wieso nicht aus der eu austreten? was hat uns die eu bisher gebracht? zumindest darueber nachdenken muss erlaubt sein. wir koennten uns sehr wohl aus eigener kraft erhalten. unsere landwirtschaft muesste nicht mehr mit billigimporten konkurieren, unsere textilindustrie koennte vor der ostasiatischen konkurrenz geschuetzt werden-was waere daran so schlecht? je mehr ich darueber nachdenke, desto besser gefaellt mir diese idee....
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