Krisenstadt New Orleans: Den Blues haben sie immer

Aus New Orleans, Louisiana, berichtet

Hurrikane und Ölkatastrophe, Kriminalität und Korruption: New Orleans ist schwer gebeutelt. Einheimische wie Adam Bock schwören trotzdem auf ihre Stadt - und kümmern sich wenig um das aktuelle US-Wahlkampfgezänk.

Louisiana: New Orleans, eine Welt für sich Fotos
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Adam Bock hat schon viel mitgemacht. Seit seiner Geburt lebt er in New Orleans, ist also leid- und krisengeprüft. Die große Flut von 1995, das Hurrikan-Duo "Katrina" und "Rita" 2005, die Ölkatastrophe 2010: Meist hat er durchgehalten, manchmal musste er fliehen, immer ist er zurückgekehrt. "Ich wüsste nicht, was ich woanders mit mir anfangen sollte", sagt der 34-jährige Lehrer.

Bock ist geblieben wie so viele, die auch heute noch freiwillig hier leben - trotz all der Desaster und Debakel, der Korruption und Kriminalität, der endlosen Rückschläge. "Mal geht's rauf, mal geht's runter", sagt er lakonisch über seine Heimat.

"Und manchmal geht's richtig runter."

Auf meinem Roadtrip durch Amerika vor der Wahl habe ich Louisiana erreicht, den armen Bundesstaat am Golf von Mexiko, der sich gerne vom Rest der Nation vergessen fühlt. Keine TV-Dauerbeschallung, keine inszenierten Kandidatenauftritte: Der Wahlkampf scheint fern hier, die Menschen haben andere Sorgen.

Der Staat gilt als entschieden republikanisch. Bis auf New Orleans, die Stadt am Mississippi-Delta. Die war immer schon eine Welt für sich.

In den engen Altstadtgassen des French Quarter tummeln sich Betrunkene, Gaukler und Wahrsager wie "Michael The Realistic Mystic", der früher mal ein Cowboy war. Selbst "Katrina" konnte dem Zirkus nichts anhaben: Das Quarter blieb weitgehend verschont und trocken, während der Rest der Stadt unterging.

Adam Bock hockt mit seiner Gitarre im Restaurant Bistreaux. Nur zwei Tische sind besetzt, Touristen aus dem Hotel im selben Haus, wo einst die erste Baumwollpresse Amerikas stand. Bock untermalt ihr Dinner (Gumbo, Shrimp, Jambalaya) mit einer Blues-Version der Leidenshymne "Stormy Weather". Er weiß, was die Auswärtigen hören wollen.

Nach der Gesundheitsreform darf man gar nicht erst fragen

Gitarre spielt er zum Spaß, sagt er, aber auch aus Not. Als Musiklehrer in Slidell, einem Ort jenseits des Lake Pontchartrain, verdient Bock kaum genug, heruntergerechnet 200 Dollar am Tag. Doch bei Musik-Gigs können pro Abend bis zu 500 Bucks rumkommen, Trinkgeld inklusive. Und er kann umsonst essen und trinken.

Bock spielt solo, in Bands oder auch im Duett mit Bekannten. Zum Beispiel Tim Trainer, der an diesem Abend dazustößt. Trainer, 52, ist hauptberuflich Arzt, Magen-Darm-Spezialist. Nach der US-Gesundheitsreform darf man ihn erst gar nicht fragen: "Alle sind unglücklich."

Stattdessen reden sie von "Katrina", auch sieben Jahre danach immer noch. Trainers Haus wurde von den Wassermassen verschont, Bocks Haus geflutet. Er ließ sich ausfliegen, landete in Chicago, war dort aber wie gelähmt. Vier Monate später, zu Weihnachten, war er zurück.

Musik ist Bocks Flucht. Wenn er im Bistreaux oder in einer der vielen Kneipen im Quarter spielt, verschwindet alles andere. Die Plagen des Alltags gerinnen zu Songs - meist Blues und Soul natürlich, einst von den Südstaaten-Schwarzen erfunden, als Ausdruck ihrer Pein.

Deren Welt ist weit entfernt von der lautlosen Höflichkeit des Kellners im Bistreaux. Etwa das Lower Ninth Ward, das Armenviertel, wo Ruinen und Graffiti bis heute von "Katrina" zeugen. Oder Central City, wo scheinbar jeden Tag jemand ermordet wird. New Orleans hat heute die höchste Pro-Kopf-Mordrate der USA.

Die Polizei ist überfordert. "Keiner kann dem hier entkommen", sagt Bock. "Gute Viertel, schlechte Viertel, alles durcheinander."

Bock und Trainer machen Tresenpause. Sie plaudern über Musik, Clubs, die Wirtschaft. New Orleans gehe es "jeden Tag besser", hat Mitch Landrieu gesagt, ein Demokrat, der hier vor zwei Jahren zum ersten weißen Bürgermeister seit 1978 gewählt wurde. Doch "besser" ist relativ, wenn man von ganz unten kommt.

Natur gegen Mensch

Und kaum hatten sie das "Katrina"-Trauma verpackt, stürzte die Explosion der BP-Ölplattform "Deepwater Horizon" die hiesige Fischereibranche in eine schwere Existenzkrise. Bis heute liegt die Arbeitslosenquote bei 8,5 Prozent - 0,3 Prozentpunkte über dem Landesschnitt.

Ein paar Ecken weiter, im Louisiana State Museum, ist "Katrina" längst zu Geschichte getrocknet. Die Ausstellung "Mit Hurrikanen leben" porträtiert den Horror mit einer kuriosen Mischung aus Naivität und kritischem Blick: Filmclips, Trümmer, ein schlammverkrusteter Teddybär und der zerstörte Flügel aus dem Haus des Jazz-Altmeisters Fats Domino, der in jener Woche vorübergehend als ertrunken galt.

Die Exponate erinnern daran, dass der Kampf gegen die Natur hier nicht erst mit "Katrina" begann. Schon 1965 richtete der Hurrikan "Betsy" mehr als eine Milliarde Dollar Schaden an und kostete 58 Louisianaern das Leben.

Alles fügt sich in den größeren Kontext. In New Orleans herrscht ein anderer Rhythmus als in den politischen Zentren der USA, wo es dieser Tage nur ein Thema gibt, den Präsidentschaftswahlkampf. Das Leben hier wird von einem viel mächtigeren Zyklus bestimmt - von Leben und Tod, von Natur gegen Mensch. Wahlkämpfe kommen und gehen. New Orleans bleibt New Orleans - auch nach dem Sturm.

Doch irgendwann reicht auch die Musik nicht mehr. "Jetzt, wo ich älter werde, sehe ich ein, dass ich das nicht mehr allzu lange machen kann", gibt Bock zu. "Bald muss ich mir einen richtigen Job suchen." Er grübelt. "Vielleicht Medizin?" Da rollt Tim Trainer nur die Augen: "Komm, lass uns lieber noch was spielen."

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insgesamt 10 Beiträge
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1.
tanzschule 16.07.2012
Zitat von sysopHurrikane und Öl-Katastrophe, Kriminalität und Korruption: New Orleans ist schwer gebeutelt. Einheimische wie Adam Bock schwören trotzdem auf ihre Stadt - und kümmern sich wenig um das aktuelle US-Wahlkampfgezänk. In New Orleans ist Katrina immer noch wichtiger als Obama und Romney - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844536,00.html)
500 $ pro tag reichen nicht zum leben? bei 5 tagen arbeit die woche sagt adam riese:2500 $ die woche.
2. optional
BSchumi 16.07.2012
genau das ist mir auch aufgefallen - selbst bei $ 200 pro tag bei einer 5 tage woche wären das im monat immer noch $ 4.000. das sollte eigentlich zum leben reichen, auch in new orleans...
3.
micleftic 16.07.2012
@tanzschule, der gute verdient etwa 200 $ die Woche, er kann bis zu 500$ pro Gig verdienen, die macht er aber bestimmt nicht jeden Abend :-) 200% sind nicht viel, eher sehr wenig...
4.
vlupme 16.07.2012
Zitat von sysopHurrikane und Öl-Katastrophe, Kriminalität und Korruption: New Orleans ist schwer gebeutelt. Einheimische wie Adam Bock schwören trotzdem auf ihre Stadt - und kümmern sich wenig um das aktuelle US-Wahlkampfgezänk. In New Orleans ist Katrina immer noch wichtiger als Obama und Romney - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844536,00.html)
Eine Stadt unter dem Meeresspiegel zu bauen war eben keine gute Idee. Man kann der Natur zwar einige Jahre trotzen aber nur unter großen Aufwendungen, bis es sich nicht mehr lohnt und die Stadt aufgegeben werden muss.
5. Gegründet
rjlegrand 16.07.2012
wurde New Orleans (Betonung bitte auf den gedehnten O) oberhalb der Wasserlinie, davon zeugt schon die Tatsache, dass das Vieux Quartier nicht unterging. Lediglich die Wucherungen des 19. bis 21. Jahrhunderts liegen unter NN. Früher war man eben nicht so borniert gegenüber der Natur wie heute. Trotz allem: Big Easy, was für eine unvergleichlicheStadt!
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