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11. Januar 2013, 12:45 Uhr

Marsch der Million in Pakistan

Der neue Messias

Von , Islamabad

Er ist aufgetaucht wie aus dem Nichts: Ein islamischer Geistlicher mobilisiert in Pakistan die Massen gegen Gewalt und Korruption. Nach einer Terrorwelle werden in Islamabad jetzt eine Million Menschen zu einem Protestmarsch erwartet. Wer ist Muhammad Tahir-ul-Qadri?

Man kann ihn kaum übersehen: diesen Mann mit dem weißen Bart und der weißen Mütze. Das Bild des Geistlichen hängt seit ein paar Tagen in allen Städten von Pakistan. Auf den Plakaten ruft er zum "langen Marsch" auf, zu einer Protestkundgebung nach Islamabad. Am Sonntag soll es in der ostpakistanischen Metropole Lahore losgehen, im Autokorso in die Hauptstadt, wo am Montag mehrere hunderttausend Menschen erwartet werden.

Muhammad Tahir-ul-Qadri, 61, kritisiert Korruption in der pakistanischen Politik, in der Regierung ebenso wie in der Opposition. Er fordert Schritte gegen Terrorismus und, vor allem, den sofortigen Rücktritt der Regierung, die Bildung eines Übergangskabinetts und Neuwahlen. Sollten seine Wünsche nicht erhört werden, würden "Millionen Anhänger" nach Islamabad marschieren.

Einen Tag vor Heiligabend kamen mehr als hunderttausend Menschen zu einer Kundgebung von ihm nach Lahore, um Tahir-ul-Qadri, einen liberalen Muslim, zu hören. Tahir-ul-Qadri ist Religionsgelehrter und Jurist. 1981 gründete er in Lahore die Organisation Minhaj-ul-Quran, "Weg des Korans", die inzwischen in mehr als 90 Ländern vertreten ist und sich für einen moderaten Islam und interreligiösen Dialog einsetzt. Acht Jahre später gründete er eine Partei, seine jetzige Kampagne nennt er Tehrik-i-Minhajul Quran, die "Bewegung zur Befolgung des Wegs des Korans".

Verschwörungstheorien über "fremde Macht" und Militär

Anfang Januar feierten ihn wieder Zehntausende, diesmal in der Hafenmetropole Karatschi. Am Ende der Kundgebung riss zwar ein ferngezündeter Sprengsatz mehrere Menschen in den Tod, doch in der Gewalt gewohnten Stadt trübte das den Erfolg Tahir-ul-Qadris kaum. Er ist da, eine politische Größe, man kann ihn nicht mehr ignorieren. Die Regierung versucht das zwar noch und verweigerte ihm den Wunsch, ein Treffen mit dem Premierminister zu ermöglichen. Doch hinter den Kulissen beriet man hektisch, wie man mit ihm umgehen solle. Schließlich traf sich der Innenminister mit Tahir-ul-Qadri, aber nur, um über Sicherheitsvorkehrungen für die bevorstehende Großdemonstration zu sprechen.

Wer also ist dieser Mann, der aus dem Nichts auftauchte und plötzlich unglaublich viele Menschen mobilisiert? Bislang kannten den begnadeten Redner nur politisch Interessierte in Pakistan, weil er im Jahr 2002 ins Parlament gewählt wurde, sein Mandat aber im Streit mit dem damaligen Militärdiktator General Pervez Musharraf kurze Zeit später wieder aufgab. Jetzt jubeln ihm überall Menschen zu.

Wie ist dieser Aufstieg innerhalb weniger Wochen möglich?

Pakistanische Zeitungen sind voll von Verschwörungstheorien. So stecke eine "fremde Macht" hinter ihm, die der Regierung schaden und ihren eigenen Einfluss stärken wolle. Gemeint sind allen voran die USA, doch in US-Diplomatenkreisen weist man das nicht nur zurück, sondern äußert sogar Sorge über Tahir-ul-Qadris rasanten Aufstieg. "Wir wissen doch überhaupt nicht, woran wir bei ihm sind und welche Ziele er verfolgt", sagt ein hochrangiger US-Vertreter in Islamabad.

Eine andere, näherliegende Theorie lautet, das "Establishment" - wie das Militär und sein mächtiger Geheimdienst ISI genannt werden - würde Tahir-ul-Qadri finanzieren und fördern. Tatsächlich ist in Pakistan eine so beeindruckende Kampagne wie die von Tahir-ul-Qadri kaum ohne Zustimmung des Militärs möglich. "Hätte er in den vergangenen fünf Jahren schon gegen Korruption, Terror und für mehr Demokratie gekämpft, hätte ich ihm das geglaubt", sagt Umar Cheema, Journalist und Kenner der pakistanischen Innenpolitik. "So deutet alles darauf hin, dass das Militär versucht, über ihn seinen Einfluss zu sichern."

Große Unzufriedenheit der Menschen mit der Regierung

Tatsächlich hat die Armee in den vergangenen Jahren, nach der Schmach des jahrelangen unentdeckten Osama Bin Ladens und der Erniedrigung durch die Drohnenangriffe der USA, an Ansehen und Einfluss verloren. Im Frühjahr stehen in Pakistan ohnehin Wahlen an. Dass Tahir-ul-Qadri also ausgerechnet jetzt Druck macht, deuten viele als Versuch der Generäle, sich selbst wieder ins Spiel zu bringen.

Tahir-ul-Qadris Leute weisen jegliche Unterstützung durch Dritte zurück. "Das sind nur böse Behauptungen, um uns schlecht zu machen", sagt Chaudhry Walayat Sahi, ein Mitarbeiter Tahir-ul-Qadris. Die Kampagne werde vielmehr finanziert "von unseren vielen Mitgliedern in aller Welt, auch in Deutschland", sagt er.

Offen für Tahir-ul-Qadri und seine Bewegung hatte bis Donnerstagabend die Partei der indischen Einwanderer in Pakistan, die MQM, geworben. Deren im Londoner Exil lebender Chef hatte sogar von einer "politischen Drohne" gesprochen, obwohl die MQM selbst an der Regierung beteiligt ist. Am Freitag verkündete sie aber kleinlaut, sie werde an dem "langen Marsch" nun doch nicht teilnehmen - und heizte damit Spekulationen darüber an, wer sie wohl mit wie viel Geld zu dieser Umkehr bewegt habe.

Fest steht, dass die Menschen in Pakistan unzufrieden sind mit der Politik ihres Landes. In den vergangenen vier Jahren, seit die demokratisch gewählte Regierung unter der pakistanischen Volkspartei PPP an der Macht ist, hat sich vieles verschlechtert: Lebensmittel- und Energiepreise sind rasant gestiegen. Im Sommer, wenn Klimaanlagen benötigt werden, fällt der Strom inzwischen bis zu 22 Stunden am Tag aus, und jetzt, im Winter, wo Gas zum Heizen benötigt wird, kommt nichts aus den Leitungen. Gas zum Autofahren ist erst recht knapp, ebenso Benzin und Diesel, vor den Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie offenbarte, dass die meisten pakistanischen Abgeordneten keine Einkommensteuer zahlen. Politik ist in erster Linie ein Mittel der Selbstbereicherung. Kein Wunder, dass Tahir-ul-Qadris Forderung, Politiker sollten künftig vor ihrer Wahl nachweisen müssen, dass sie Steuern gezahlt haben, auf Zustimmung stößt.

Geschäfte und Büros schließen vorsorglich

Die Regierung ist schwach, die Lage instabil. Es herrscht ein politisches Klima, in dem alles möglich ist, also auch Überraschungen denkbar sind. Außerdem erschüttert immer wieder Terror das Land. Vor dem Abzug der westlichen Truppen aus dem Nachbarland Afghanistan verändert sich das Machtgefüge in der Region, und auch islamistische Organisationen versuchen, ihre Positionen zu verbessern. Radikale Sunniten führen einen blutigen Kampf gegen alle Minderheiten. Die US-Drohnenangriffe im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan nähren die Wut vieler Menschen auf den Westen und verschaffen Extremisten größeren Zulauf.

Vergangene Woche wurde der Taliban-Kommandeur Maulvi Nazir von einer US-Drohne getötet - ausgerechnet jener Mann, der als moderat und deshalb als Gesprächspartner für die Regierung in Islamabad galt. Jetzt rechnen Beobachter mit einem Rachefeldzug der Extremisten. Am Donnerstag starben bei Anschlägen in mehreren Städten Pakistans mindestens 116 Menschen, es war der blutigste Tag seit langem.

In dieser düsteren Lage ist Muhammad Tahir-ul-Qadri jemand, der zum Ausdruck bringt, was die meisten Pakistaner denken, der ihre Wut bündelt. "Wenn ihr den Wandel wollt, bringe ich euch den Wandel", sagt er immer wieder. Sie nehmen ihm nicht übel, dass er erst im Dezember, nach knapp vier Jahren in Kanada, nach Pakistan zurückgekehrt ist. Tahir-ul-Qadri hat auch einen kanadischen Pass. Seine Mitarbeiter versichern, ihr Chef sei lediglich "aus gesundheitlichen Gründen" nach Kanada gegangen und habe dort "seine Heimat Pakistan niemals vergessen". Die von Terror und Gewalt müden Menschen registrieren mit Wohlwollen, dass Tahir-ul-Qadri vor zwei Jahren eine Fatwa erließ, ein 600 Seiten dickes islamisches Rechtsgutachten, in dem er Terror und religiös motivierte Gewalt verurteilt.

Wie viele Menschen bis zum Montag in Islamabad eintreffen werden, um ihrem Ärger Luft zu machen, ist ungewiss. Geschäfte und Büros vieler Nichtregierungsorganisationen haben bereits angekündigt, am Montag geschlossen zu bleiben. Sicherheitskräfte riegeln das Regierungsviertel schon jetzt mit Containern ab, rund 5000 Polizisten stehen bereit. Botschaften raten ihren Landsleuten, sich sicherheitshalber Lebensmittelvorräte für ein paar Tage anzulegen.

Tahir-ul-Qadri hat versichert, man wolle friedlich demonstrieren. Aber man rechnet mit dem Ausnahmezustand.

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