SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

24. März 2012, 07:54 Uhr

Sudanesische Provinz Süd-Kordofan

Afrikas vergessener Krieg

Aus Gidel berichtet Horand Knaup

Offiziell herrscht Frieden zwischen Sudan und Südsudan. Doch in der umstrittenen Provinz Süd-Kordofan tobt ein grausamer Krieg, Diktator Baschir lässt Zivilisten aus der Luft bombardieren. Die Welt weiß davon fast nichts - denn hier gibt es weder Blogger noch YouTube-Rebellen.

Eine Minute pro Patient, und selbst das ist noch Luxus. Wenn Doktor Tom zur Visite schreitet, ist Zeit sein kostbarstes Gut. Eine knappe Frage an den Patienten, die eiternde Wunde abtupfen, ein Kurz-Eintrag ins Datenblatt - und weiter geht's. Ob ein abgerissener Unterarm, ein Granatsplitter im Oberbauch oder die 15-Jährige, die während eines epileptischen Anfalls ins Feuer gefallen ist - es hilft nichts, es muss schnell gehen bei Doktor Tom: 290 Patienten und ein Arzt, da bleibt keine Zeit fürs einfühlsame Gespräch. Der nächste Verband wartet schon.

"Willkommen in Gidel", sagt Doktor Tom. Es ist Abend geworden in Süd-Kordofan, die Luft, die mittags noch brannte, hat sich auf 30 Grad abgekühlt, und er ist in die nahe Mission der Katholischen Kirche gekommen. Noch immer trägt er den grünen OP-Kittel und nebenbei die Last, knapp 300 Patienten durchzubringen. Nur das Stethoskop hat er im Krankenhaus gelassen.

Doktor Tom, 47, der eigentlich Thomas Catena heißt, trägt Nickelbrille, Fünftagebart, ist von asketischer Statur, Amerikaner und gläubig. Jeden Morgen hastet er zum Gebet hinüber zur Kapelle der Mission. Er war Militärarzt, er hat in Nairobi im Slum gearbeitet und in kenianischen Krankenhäusern hospitiert. Er kennt Afrika von ganz unten. Deshalb ist er in Gidel geblieben, als die Regierung des Sudan vor rund neun Monaten die Provinz Süd-Kordofan abriegelte, die ersten Bomben fielen und alle anderen gegangen sind: Die Nichtregierungsorganisationen, die Abteilungsleiter des Krankenhauses, selbst sein Anästhesiepfleger.

Bürgerkrieg in einem vergessenen Land

Sie gingen, und immer mehr Patienten kamen. Weil immer mehr Bomben fielen, weil es Doktor Tom gibt und weil in Gidel - abgesehen von einer kleinen Station von Cap Anamur - in einem Radius von rund 150 Kilometern das einzige Krankenhaus weit und breit steht. "Das ist ein Bürgerkrieg, wie er im Buche steht", sagt Doktor Tom und nippt an seinem Wasser. Niemand kennt Gidel, ein staubiges Nest, kaum einer kennt Süd-Kordofan und die Nuba-Berge. Süd-Kordofan ist knapp doppelt so groß wie Österreich, eine Art Puffer-Bundesstaat und liegt auf dem Hoheitsgebiet des Sudan, an der Grenze zum Südsudan, der sich im vergangenen Juli selbständig gemacht hat.

Es ist eine fruchtbare Gegend, reich an Mineralien - und an Öl. Man müsste die Region auch nicht kennen, fände dort nicht gerade ein ähnliches Drama statt wie in Syrien: ein Diktator, ein unerklärter Krieg, eine Bevölkerung in Geiselhaft, Bomben und Granaten, die vor allem Zivilisten treffen. Nur gibt es in den Nuba-Bergen keine Blogger, YouTube-Videos und medienversierte Rebellen. Deshalb findet der Krieg weitgehend unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit statt. Daran hat auch eine Protestaktion in Washington in der vergangenen Woche, bei der Hollywood-Star George Clooney vorübergehend festgenommen wurde, wenig geändert.

Begonnen hat es im Juni 2011, wenige Tage nach den Gouverneurswahlen in Süd-Kordofan. Angeblich hatte der von Khartum eingesetzte Gouverneur, Ahmed Haroun, die Wahl gewonnen. Haroun wird wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen in Darfur vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht. Doch an seinen Sieg glaubte niemand, es war von massiven Wahlfälschungen die Rede. Unumstrittener Führer der Nuba-Region ist Abdul Aziz, ein studierter Rebell, der schon im Bürgerkrieg mit der SPLA-Nord, dem Nuba-Flügel der Südarmee (SPLA) gegen den Norden gekämpft hatte.

Präsident Baschir schickte Panzer und Kampfjets

Als sich seine Leute nach der strittigen Wahl weigerten, die Waffen abzulegen und sich in die reguläre Armee Khartums zu integrieren, verbot Präsident Umar al-Baschir Hilfsorganisationen den Zugang und schickte stattdessen Panzer und Flugzeuge.

Seither herrscht Krieg in Süd-Kordofan. Er herrscht womöglich auch deshalb, weil durch Süd-Kordofan gleich drei große Trennlinien verlaufen. Die Region trennt das Christentum von den Muslimen, sie trennt die Araber von den Schwarzafrikanern. Und - seit vergangenem Jahr - trennt Süd-Kordofan auch den Südsudan vom Norden.

"Die Nuba-Bewohner haben einst für den Süden gekämpft, jetzt zahlen sie die Rechnung", sagt Bischof Macram Gassis. 73 Jahre ist er alt, gesundheitlich ein bisschen angeschlagen, aber hellwach. Er hat sich ins kenianische Nairobi geflüchtet, weil seine Gesundheit die strapaziöse und gefährliche Fahrt mit dem Auto nach Gidel nicht mehr zulässt. Früher ist er von Kenia aus bis nach Süd-Kordofan geflogen, aber seitdem die Antonow-Bomber aus Khartum den Luftraum kontrollieren, bleiben zivile Maschinen am Boden.

Es ist seine Diözese, in der nun geschossen und gestorben wird.

Gassis hat, gerade weil er in Khartum groß geworden und zur Universität gegangen ist, nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen Baschir gemacht. Irgendwann war er nicht mehr geduldet und ging ins Ausland. Die Christen stellen zwar nur eine kleine Minderheit in den Nuba-Bergen dar, aber sie sind akzeptiert von der Muslim-Mehrheit. Vermutlich auch, weil sie mit ihren Projekten - darunter das Krankenhaus, Schulen oder eine Radiostation - ein bisschen Fortschritt in die abgelegene Felsen-Region gebracht haben.

Denn Baschirs Regierung hat die Nuba-Berge, wenn es um Entwicklung ging, immer vernachlässigt. Keine Straßen, kaum Schulen, keine Gesundheitsversorgung. Von den lange sprudelnden Öleinnahmen kam in Süd-Kordofan nie etwas an. Weil die Nuba-Bewohner keine Araber sind, weil sie Schweinefleisch essen, bisweilen Alkohol trinken und Sympathie für die Autonomie des Südsudan zeigten. "Das sind für Khartum Muslime zweiter Klasse", sagt der Bischof. Und die wollten sich irgendwann nicht mehr vernachlässigen lassen.

Ein grausamer Krieg - mit Streubomben geführt

Jetzt führt Baschir Krieg gegen sie. Mit Vorliebe aus der Luft und vorzugsweise mit Splitterbomben. Das Ergebnis kann man im Krankenhaus von Gidel besichtigen. Es hat nur einen Mediziner, Tom Catena eben, gilt dennoch als das bestausgestattete in ganz Süd-Kordofan - und ist hoffnungslos überfüllt.

Mutassir Amdaraman zum Beispiel hat Dr. Tom gerettet. Er ist 14 Monate alt, ein lebendiges Kind, er lacht wieder, er summt wieder, er läuft wieder. Nur, ihm fehlt der rechte Arm. Es geschah Anfang Januar im Dorf Ongolo. "Sie hörten die Antonows kommen", sagt Großmutter Samir. "Meine Tochter hatte Mutassir auf dem Arm. Sie sind zum Fluss runter gelaufen, aber sie haben es nicht mehr geschafft."

Die Bomber waren schneller. Acht Menschen starben, darunter Mutassirs Mutter. Mutassir selbst zerfetzte ein Schrapnell den Oberarm. Als der Junge nach zwei Stunden Autofahrt in Gidel ankam, hing ihm noch ein Fetzen Fleisch von der Schulter herab. Jetzt sorgt sich Großmutter Samir, selbst erst 32 Jahre alt, um das Kind. Für Tom Catena ist das Alltag.

Über 1500 Patienten hat er 2011 operiert. "Du kannst sie halt nicht in bessere Häuser überweisen. Du hast nur die Wahl, es selbst zu machen - oder sie sterben zu lassen." Zigtausende haben die Nuba-Region inzwischen verlassen, sind in Richtung Süden geflohen. Allein in Yida, einem staubigen Grenzort zwischen Sudan und Südsudan sind 30.000 Flüchtlinge gestrandet. Andere haben sich in die Berge zurückgezogen, wo sie in Höhlen oder unter Felsvorsprüngen Schutz gegen die Bomben suchen.

23 Jahre Puffer im Krieg zwischen Nord- und Südsudan

Politisch ist die Situation verfahren. Geografisch und so wie die Briten 1956 die Grenze gezogen haben, die immer noch die Grundlage für die Nord-Süd-Trennung ist, gehört Süd-Kordofan zum Norden. Doch wertgeschätzt hat Khartum die Nuba-Bewohner nie. Jahrhundertelang dienten sie den Arabern als Sklaven, investiert wurde nichts. Im 23 Jahre währenden Bürgerkrieg waren sie der Puffer zwischen Nord und Süd.

Und dann gab es beim Friedensabkommen 2005 (CPA) zwischen Nord und Süd ein schweres politisches Versäumnis. Beide Seiten konnten sich nicht auf die strittigen Provinzen Süd-Kordofan und Blue Nile einigen. Beide hatten im Bürgerkrieg auf Seiten des Südens gekämpft, beide liegen geografisch auf Nord-Territorium.

Aber John Garang, der später verunglückte Chef der Süd-Rebellen, wollte die Unabhängigkeit des Südens daran nicht scheitern lassen. Also blieben beide Provinzen in dem Vertragswerk ausgeklammert, man verständigte sich lediglich auf die wolkige Formel einer "populaire consultation" - eine Anhörung der Bewohner beider Provinzen. Die hat nie stattgefunden, aus Baschirs Perspektive aus gutem Grund.

Denn in Gidel etwa wären die Mehrheitsverhältnisse ziemlich eindeutig. Der Verwaltungssekretär des Ortes ist auf seinem Motorrad gekommen. Er heißt Kuku Barnabas, ist 35 Jahre alt und hat seit Monaten kein Geld mehr gesehen. Natürlich, er hat sein Salär früher aus Khartum bekommen; aber von dort kommt nichts mehr. Kein Gehalt, kein Sprit, keine Medizin, nichts. Trotzdem wünscht sich Barnabas die alten Zeiten nicht zurück. "Sie haben die Wahlen gefälscht", sagt er. "Sie wissen, es gibt viel zu holen in den Nuba-Bergen, Öl, Gold, Holzkohle. Und sie wussten auch: Wenn sie die Wahlen verlieren, ist alles weg."

Und wie soll die Lösung aussehen? "Wir gehören zum Süden", sagt Barnabas. "Der Norden will uns islamisieren. Mit denen wird es nie mehr etwas werden."

Auf Krieg folgt Hunger

Es klingt so, als ob der Bruch tatsächlich vollzogen ist. Entlang der Straße von Gidel nach Yida hat sich Generalmajor Izak Kuku, 50, mit seinen Leuten eingegraben. Unter struppig-ausladenden Akazien hat seine Truppe Zelte, Pick-ups und Tankfahrzeuge versteckt, aus der Luft ist das Lager kaum erkennbar. Jeder hat eine Kalaschnikow bei sich, selbst der Küchenhelfer, als Bänke dienen Munitionskisten. Kuku trägt Zivil, er will gleich los und auf der Straße nicht als General erkannt werden. Er entschuldigt sich für das Provisorium: "Wir sind eine Guerilla, unser Büro ist noch im Bau." Seit 1985 kämpft er gegen Khartum, davon 20 Jahre im Bürgerkrieg. Dann kommt er zur Sache. "Die Araber wollen uns einfach nicht hier haben", sagt Kuku. "Sie wollen nur unsere Ressourcen, das Öl, das Gold, die Mineralien - und deshalb sollen wir verschwinden." Den Anschluss an den Südsudan will Kuku nicht, "aber mit Baschir geht es auch nicht". Schon einmal, 1992, hätten arabische Misseryia, damals von Khartum aufgehetzt, Hunderte von schwarzen Nuba-Bewohnern niedergemacht.

Nun ist Kuku guter Dinge. Zwei Drittel von Süd-Kordofan seien bereits unter der Kontrolle der Rebellen. Doch das richtige Problem stehe noch bevor. Wegen der vielen Bombenangriffe hätten die Farmer nicht richtig angebaut und nur sporadisch geerntet. "Es wird Hunger geben."

Den befürchtet auch der junge Verwaltungssekretär Barnabas. Aber bevor er sich wieder auf sein Motorrad schwingt, stellt er die Frage, die sie alle umtreibt in den Nuba-Bergen. Und auf die sich keine schlüssige Antwort geben lässt. Barnabas redet sich in Rage, er schreit sie fast heraus: "Warum hilft uns die internationale Gemeinschaft nicht? Warum interveniert sie sechs Monate lang gegen Gaddafi in Libyen - und warum nicht in Süd-Kordofan?"

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH