Dschihadisten in Syrien: Mit Allah gegen Assad

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Im syrischen Bürgerkrieg radikalisieren sich die Fronten: Das Regime bombardiert Wohngebiete - und unter die Rebellen mischen sich radikale Islamisten. Im Kampf gegen den Diktator ist ihnen jedes Mittel recht, auch Selbstmordattentate.

Syrien: Dschihadisten bekämpfen Assad Fotos
AFP

Eine menschenleere Straße in der nordsyrischen Provinz Idlib, einer Hochburg der Rebellen: Mitten auf der Fahrbahn steht eine ausrangierte Tonne, bemalt in Grün-Weiß-Schwarz mit roten Sternen, den Farben der Aufständischen. In der Tonne steckt ein improvisierter Fahnenmast, an dem ein weißes Banner flattert, darauf in schwarzer Schrift der arabische Satz "La illaha ila Allah", "Es gibt keinen Gott außer Allah".

Es ist der erste Teil des muslimischen Glaubensbekenntnisses - aber in dieser Form ist es noch etwas anderes: der Hinweis, dass Dschihadisten diesen Checkpoint errichtet haben. Das Banner ähnelt auffällig jenem, das al-Qaida im Irak und andernorts verwendet - nur dass dort meist die Farben umgekehrt sind: weiße Schrift auf schwarzem Grund.

Eine Reporterin des US-Magazins "Time" hat ein Foto des Checkpoints gemacht. Es ist nicht der einzige Hinweis darauf, dass unter den bewaffneten Rebellen, die Syriens Regime stürzen wollen, inzwischen auch radikale Islamisten sind. Zwei Rebellenkämpfer, die verschiedenen Milizen angehören, sagten "Time", ihr Ziel sei die Errichtung eines Gottesstaates. Eine Verbindung zu al-Qaida wiesen sie zurück.

Auch zwei am Donnerstag freigekommene Journalisten berichten, sie seien zuvor von Dschihad-Kämpfern entführt worden. Die Männer, ein Holländer und ein Brite, waren vor einer Woche in Nordsyrien nahe der türkischen Grenze entführt worden. Der Niederländer sagte dem TV-Sender BNR: "Ich glaube, dass sie radikale Dschihad-Kämpfer waren, Muslime, die glauben, dass der Kampf in Syrien ein Kampf zwischen schiitischen und sunnitischen Muslimen ist".

"Viele Rebellen haben zum konservativen Islam gefunden"

Bisher hatten Experten lediglich vermutet, dass Dschihadisten im syrischen Bürgerkrieg kämpfen. Die anfänglich friedlichen Proteste haben sich durch die brutale Reaktion des Regimes zunehmend radikalisiert, so dass es nur eine Frage der Zeit zu sein schien, bis auch Dschihadisten in Erscheinung treten würden. Ihre Zahl scheint bislang zwar gering - doch ihre Bedeutung könnte zunehmen, je länger der Krieg dauert.

"Im vergangenen halben Jahr haben viele Rebellen zum konservativen Islam gefunden", sagt der Chef einer islamistischen Miliz in Kuseir im Norden Syriens, der sich schlicht Ibrahim nennt, zu SPIEGEL ONLINE. "Deswegen ist die Revolution nun auch disziplinierter und effektiver." Dass Syriens religiöse Minderheiten und gemäßigte Sunniten sich durch Radikale wie ihn bedroht fühlen könnten, ist Ibrahim egal. "Rechte für die Minderheiten zu erkämpfen, ist gerade zweitrangig. Erst einmal geht es darum, Rechte für die muslimische Mehrheit zu erkämpfen."

Die in Syrien herrschende Assad-Familie gehört der alawitischen Strömung des Islams an. Die Frage, ob Alawiten "echte" Muslime sind oder nicht, ist in der muslimischen Gemeinschaft ein Politikum. In den Augen von Dschihadisten wie Ibrahim sind sie pauschal Ungläubige. Nach der religiösen Theorie des Takfir, des "Für-Ungläubig-Erklärens", dürfen diese Ungläubigen bekämpft werden. Ibrahim hält deshalb im Kampf gegen das alawitische Regime alle Mittel für gerechtfertigt - auch Sprengfallen und Selbstmordattentäter.

Selbstmordattentate würden bisher in Syrien hauptsächlich von Dschihadisten mit Erfahrung im Irak verübt, berichtet Ibrahim. Seine eigene Truppe habe bisher keinen solchen Anschlag verübt - "wir sind doch keine Fanatiker", sagt er und zwinkert grinsend, als habe er einen guten Witz gemacht.

Experten vermuten hinter der zunehmenden Zahl von Bombenanschlägen in Syrien Qaida-Kämpfer mit Erfahrung aus dem Irak. Nach Angaben des Think-Tanks Institute for the Study of War hat es in diesem Jahr bereits mindestens 35 Autobomben und zehn Selbstmordattentate in Syrien gegeben. Eine Ironie der Geschichte - schließlich hatten Assads Geheimdienste lange das Einsickern von Dschihadisten in den Irak unterstützt, um den damals dort stationierten US-Truppen zu schaden.

"Selbstmordattentate sind eine legitime Waffe gegen Assad"

Westliche Diplomaten befürchten nun, dass es der Krieg in Syrien al-Qaida ermöglichen könnte, seine Präsenz in der Region wieder zu verstärken. In der irakischen Bevölkerung verliert das Terrornetzwerk an Unterstützung, weil seinen Anschlägen meist viele Zivilisten zum Opfer fallen.

"Selbstmordattentate sind eine legitime Waffe gegen Assad. Wenn das Volk sich nicht anders wehren kann, ist das mehr als gerechtfertigt", sagt Mustafa al-Huscheiri SPIEGEL ONLINE. Der konservative Islamgelehrte lebt im Libanon und steht dschihadistischen Milizen im benachbarten Syrien nahe - auch der Nusra-Front, die im Januar erstmals in einem Internetvideo in Erscheinung getreten war.

Ob es die Nusra-Front tatsächlich gibt, war lange unklar. Sie hatte sich in Videos zu einer Reihe von Bombenanschlägen auf Einrichtungen des syrischen Regimes bekannt, bei denen Dutzende Zivilisten getötet wurden - nicht jedoch zum jüngsten Attentat auf Assads Sicherheitsberater. Ihre Videos wurden von Qaida-nahen Webseiten verbreitet. Die Gruppe selbst hat jedoch Verbindungen zu dem Terrornetzwerk bisher von sich gewiesen.

Ob der international agierende Teil al-Qaidas bereits in Syrien operiert oder noch dabei ist, militante Strukturen aufzubauen, ist unklar. Es scheint jedoch nur eine Frage der Zeit angesichts der Tatsache, dass inzwischen radikalislamistische Gruppen vor Ort agieren, die mit den Zielen und Methoden Qaidas sympathisieren. "Das syrische Volk wird seine Freiheit um jeden Preis erkämpfen. Die Syrer werden jeden Weg nutzen, der den Sieg bringt", sagt Huscheiri.

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insgesamt 134 Beiträge
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1. Es gibt nichts Schlimmeres ...
pedites 27.07.2012
... als religiöse Fanatisten. Irrelevant, an was oder wen sie glauben oder für was oder wen sie kämpfen.
2. Teufel
gfssfg 27.07.2012
Zitat von sysopIm syrischen Bürgerkrieg radikalisieren sich die Fronten: Das Regime bombardiert Wohngebiete - und unter die Rebellen mischen sich radikale Islamisten. Im Kampf gegen den Diktator ist ihnen jedes Mittel recht, auch Selbstmordattentate. In Syrien kämpfen radikale Islamisten gegen das Assad-Regime - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846752,00.html)
Das nennt man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.
3. Um jeden Preis
HeisseLuft 27.07.2012
Zitat von sysopIm syrischen Bürgerkrieg radikalisieren sich die Fronten: Das Regime bombardiert Wohngebiete - und unter die Rebellen mischen sich radikale Islamisten. Im Kampf gegen den Diktator ist ihnen jedes Mittel recht, auch Selbstmordattentate. [...] "Das syrische Volk wird seine Freiheit um jeden Preis erkämpfen. Die Syrer werden jeden Weg nutzen, der den Sieg bringt" In Syrien kämpfen radikale Islamisten gegen das Assad-Regime - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846752,00.html)
Leider, steht zu befürchten. Und je länger dieser Aufstand dauert und je brutaler er unterdrückt wird, desto mehr stimmt diese Aussage.
4.
thinkrice 27.07.2012
Zitat von sysopIm syrischen Bürgerkrieg radikalisieren sich die Fronten: Das Regime bombardiert Wohngebiete - und unter die Rebellen mischen sich radikale Islamisten. Im Kampf gegen den Diktator ist ihnen jedes Mittel recht, auch Selbstmordattentate. In Syrien kämpfen radikale Islamisten gegen das Assad-Regime - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846752,00.html)
Seit Anbeginn der Kämpfe mischen radikale Kräfte in Syrien mit. Nach den verheerenden Attentaten in Damaskus Anfang des Jahres wurde schon darauf hingewiesen, dass Islamisten dafür verantwortlich sind. Auch letztes Jahr wurde hin und wieder darauf hingewiesen, dass radikale Kräfte sich unter die demokratieliebenden, freiheitssüchtigen und edlen Rebellen gemischt haben. Das wurde damals alles ignoriert. Keine kritischen Worte von Ihnen. Nichts! Ich frage mich was die Neuorientierung in der Berichterstattung ausgelöst hat!? Endlich mal auch kritische Töne! Könnte es daran liegen, dass die deutschen Schafe dem SpOn-Hirten nicht mehr gefolgt sind? Sie selbst recherchiert, nachgedacht und kritisch hinterfragt haben?
5. Vom Regen in die Traufe
MetalunaIV 27.07.2012
Sobald der Assad-Clan vertrieben ist, wird es kurz Jubel und eitel Sonnenschein geben. Danach gehen die verschiedenen Rebellengruppierungen wieder getrennter Wege oder bekämpfen sich gar mit dem Ziel der Machtergreifung. Vielleicht darf das Volk irgendwann wählen - um dann einen Islamisten an die Macht zu bringen, der schrittweise die Scharia einführen und die ganze Region weiter destabilisieren wird. So war das doch bisher im "Frühling", oder? Da es keine zuverlässige und unabhängige Berichterstattung über die Lage in Syrien gibt, bin ich mir garnicht so sicher, ob die eine Seite besser ist als die andere.
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Aufstand in Syrien: Auf der Flucht vor dem Krieg

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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