Aufstand in Syrien Der Kriegsgewinnler

Sie kaufen Immobilien zu Spottpreisen auf und verdienen mit dem Handel von Gas und Diesel ein Vermögen: Syrische Geschäftsleute mit einem guten Draht zum Regime machen dank der Unruhen im Land beste Geschäfte. Dabei kommen ihnen ausgerechnet die EU-Sanktionen zu Hilfe.

Aus Damaskus berichtet Nadia Bitar

Syrer mit Gasflasche: Die Bevölkerung leidet, die Wirtschaftselite verdient dazu
REUTERS

Syrer mit Gasflasche: Die Bevölkerung leidet, die Wirtschaftselite verdient dazu


Damaskus - Wenn Yousef Katt* über den Krieg in Syrien spricht, nennt er ihn nur "al-Wada", die Lage. Für den Geschäftsmann ist sie nicht schlecht.

In diesen Tagen gibt es für ihn ständig Geschäfte zu machen. Selbst am Wochenende trägt er immer Hemd und Anzugshose, falls jemand anruft und ihm sein Haus zum Verkauf anbieten will. Wenn es in einer der besten Gegenden von Damaskus liegt, fährt Katt vorbei. Er prüft das Gebäude, sagt, er wolle es sich überlegen und geht wieder. Er kann es sich aussuchen.

Es gibt viele, die verkaufen müssen, und wenige, die kaufen könnten.

"Ein Top-Standort ist und bleibt ein Top-Standort", sagt Katt. Zuletzt hat er sich ein Restaurant in der Altstadt von Damaskus angeschaut, in der Umgebung der berühmten Omayyaden-Moschee. 8,5 Millionen Touristen kamen im Rekordjahr 2010 hier vorbei, Tendenz rasant steigend. Die meisten waren Kulturtouristen mit vollen Geldbeuteln, keine Strandurlauber auf Pauschale wie in Tunesien oder Ägypten. "In ein paar Jahren geht es wieder so weiter", glaubt Katt.

Katt gehört zu Syriens Oberschicht, dem oberen einen Prozent der Bevölkerung. Die superreichen Unternehmer leben mit der Regierung Assad in Symbiose: Gute Beziehungen bringen gute Geschäfte mit sich. Kein großes Export- oder Importgeschäft läuft ohne die Zustimmung des Regimes ab, erzählt man sich in Damaskus. Auch Katt hat mit Handel, Hotels und Restaurants seine Millionen angehäuft. Der Großteil seines Vermögens besteht in ausländischen Devisen. Viel ist in Dubai angelegt. Das zahlt sich für ihn nun aus.

Die Kriegsprofiteure haben sich auf drei Sektoren spezialisiert

"Syrien ist zur Zeit gut zum Shopping", sagt Katt. War ein Euro vor Beginn der Krise noch 60 syrische Pfund wert, sind es derzeit auf dem Schwarzmarkt 85 - der bisherige Tiefpunkt für Syriens Währung war im März mit 125 Pfund pro Euro erreicht.

Für Männer wie Katt gibt es in Syrien inzwischen einen neuen Begriff: die Tijar al-Azma, die Händler der Krise. Sie handeln mit drei Dingen: Immobilien, Heizgas und Diesel. Den Kriegsprofiteuren kommen ausgerechnet die Sanktionen der Europäischen Union zu Hilfe.

Brüssel hat gegen Syrien Sanktionen auf Öl- und Gasprodukte erlassen, um den Druck auf das Regime in Damaskus zu erhöhen. Es ist einer der wichtigsten Sektoren der syrischen Wirtschaft. Im Mai gestand Syriens Ölminister ein, die Sanktionen hätten sein Land vier Milliarden Dollar gekostet.

Doch den Preis für die Beschränkungen zahlt auch die Bevölkerung. Häufig sind an Tankstellen die Zapfsäulen für Diesel gesperrt. Denn das Regime bewahrt den knappen Kraftstoff lieber für seine Panzer auf. Die blauen Gasflaschen, die in vielen Syrern Brennstoff für Öfen und Kochstellen liefern, sind ebenfalls nicht immer erhältlich. Wenn es sie gibt, dann zu Preisen, die das 34-fache des Niveaus vor dem Aufstand betragen.

Längst leiden die Armen unter dem Wirtschaftsabsturz und den Preisanstiegen. Inzwischen muss auch die Mittelklasse ihre Ersparnisse angreifen und den Superreichen wie Katt ihre Häuser anbieten.

Die EU-Sanktionen treffen nur wenige Wirtschaftsmänner

Katt spaziert am Abend durch die Altstadt und schaut in der Tao Bar vorbei, die vor einem halben Jahr geöffnet hat. Rechts steht eine kleine Bühne für DJs, an der Wand thront ein großer, goldener Buddha. Man hat sich von der legendären Pariser Buddha-Bar inspirieren lassen und die Preise für Sushi und Cocktails sind ähnlich hoch. An einem Abend lassen die einheimischen Gäste schnell 100 Euro liegen - in einem Land, in dem der Durchschnittslohn etwa 200 Euro im Monat beträgt. Weil ihm noch zu wenig los ist, zieht Katt erst einmal weiter.

In einem Altstadtrestaurant trifft Katt sich mit einem Schulfreund. Der ist wie Katt ein Christ und wäre eigentlich schon im Ruhestand. Früher war er General in der Armee. Deshalb mache er zurzeit wieder "was mit innerer Sicherheit" - mehr verrät er nicht. Der Ex-General sagt, man werde "die Lage" in weniger als einem Monat wieder im Griff haben. Nachdem er gegangen ist, sagt Katt: "Politiker sind alle Lügner."

Katt glaubt zwar nicht, dass in einem Monat "das Problem beendet" sein werde. Aber in einem Jahr könne dies durchaus der Fall sein. Anders als viele der sunnitischen Unternehmer hat Katt nicht mit Assad gebrochen. Für ihn sind die Aufständischen eine vom Ausland aufgehetzte Plage vom Land, mit der das Regime "aufräumen" werde. Fast rein sunnitische Viertel wie die Rebellenhochburg Bab Amr in Homs werde man "säubern" und danach "gemischt" besiedeln - das heißt, Angehörige von Minderheiten einstreuen. "Solche Viertel wie in Homs wird es nicht mehr geben, das hat man mir von Seiten der Regierung gesagt."

Eigentlich wollte die EU gerade Geschäftsleute wie Katt treffen - die Unternehmer, die das Regime mit ihrem Vermögen stützen. "Mit Geld kann man sich die Politik hier kaufen" - so nennt er es. Brüssel hat sogar Sanktionen gegen einzelne Wirtschaftsleute erlassen, die das Regime finanzieren, etwa auf den Cousin des Präsidenten, Rami Makhlouf, dessen Vermögen auf Milliarden geschätzt wird. Im Vergleich zu ihm ist Katt ein kleiner Fisch und fällt Brüssel nicht auf - zu undurchsichtig ist der Business-Sicherheits-Komplex im Mafiastaat Syrien.

Ein Freund aus Unizeiten gesellt sich zu Katt. Er hat mit dem Wirtschaftsabsturz seinen Job in einem Hotel verloren. Wie Katt ist er Christ, doch politisch sind sie nicht auf einer Linie. Während Katt sich in den nächsten Stunden durch die Speisekarte futtert und die Aufständischen beschimpft, raucht sein Freund schweigend eine Wasserpfeife.

Unter vier Augen sagt er später: "Es gibt in Syrien manche, die haben so unglaublich viel Geld, dass es unanständig ist."

*Name geändert

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
panzerknacker51, 06.06.2012
1. Gääähn
Zitat von sysopREUTERSSie kaufen Immobilien zu Spottpreisen auf und verdienen mit dem Handel von Gas und Diesel ein Vermögen: Syrische Geschäftsleute mit einem guten Draht zum Regime machen dank der Unruhen im Land beste Geschäfte. Dabei kommen ihnen ausgerechnet die EU-Sanktionen zu Hilfe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836819,00.html
Das sind doch olle Kamellen. Überall, wo bewaffnete Konflikte stattfinden, gibt es diese Typen. Und die "Beziehungen" sind nun wahrlich nichts Typisches für solche Staaten wie Syrien. Das einzig interessante an dem Artikel ist das Bild; offensichtlich gurken in Syrien ehemalige deutsche Polizeiautos durch die Straßen ...
tea-rex 06.06.2012
2. tea-rex
Ein Embargo trifft immer die Bevölkerung - wen sonst ? Es gibt immer irgend einen, der von jeglicher größeren Veränderung im wirtschaftlichen Gefüge profitieren kannund dies auch tut. Die Welt ist nicht deswegen besser oder gerechter weil jemand etwas im Sinne der Gerechtigkeit entschieden hat.
willi_der_letzte 06.06.2012
3. Kein Titel
Zitat von sysopREUTERSSie kaufen Immobilien zu Spottpreisen auf und verdienen mit dem Handel von Gas und Diesel ein Vermögen: Syrische Geschäftsleute mit einem guten Draht zum Regime machen dank der Unruhen im Land beste Geschäfte. Dabei kommen ihnen ausgerechnet die EU-Sanktionen zu Hilfe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836819,00.html
Das ist halt in Syrien genauso wie anderswo. Immer machen die oberen 1% das Geschäft in einem Krieg. Und die haben auch immer die notwendigen Beziehungen. Und das Sanktionen immer die Bevölkerung und nicht die oberen 1% treffen ist ja nun auch keine neue Geschichte. Die einzigen die so etwas nie lernen scheinen Politiker und Journalisten zu sein.
willi_der_letzte 06.06.2012
4. Kein Titel
Zitat von panzerknacker51Das sind doch olle Kamellen. Überall, wo bewaffnete Konflikte stattfinden, gibt es diese Typen. Und die "Beziehungen" sind nun wahrlich nichts Typisches für solche Staaten wie Syrien. Das einzig interessante an dem Artikel ist das Bild; offensichtlich gurken in Syrien ehemalige deutsche Polizeiautos durch die Straßen ...
Die Polizeiautos stehen tatsächlich wie ehemalige deutsche aus, sind es aber nicht. In Deutschland werden Polizeiautos nicht lackiert sondern beklebt. Und die Aufschrift: POLICE ist auch lackiert und Police ist nicht deutsch.
duiveldoder 06.06.2012
5. Wo nicht?
Unter vier Augen sagt er später: "Es gibt in Syrien manche, die haben so unglaublich viel Geld, dass es unanständig ist." Das gilt auch fuer den USA, Russland, Deutschland, Griechenland, und alle andere existierende Laender dieser Erde
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