Deutscher Botschafter in Indien Steiner stirbt den Bollywood-Tod

Indien amüsiert sich über Deutschlands Botschafter: Kurz vor seinem Ausstand hat Michael Steiner ein Bollywood-Video nachgedreht, in dem der Held an gebrochenem Herzen stirbt. Die Hauptrolle spielt er selbst.

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

German Embassy in India/ Youtube

Der Deutsche Botschafter in Indien, Michael Steiner, starb am Freitagabend an gebrochenem Herzen. Zumindest auf der Leinwand, vor mehreren Hundert Gästen, die sich im Garten seiner Residenz in Neu-Delhi versammelt hatten, um die auf der Einladung zu dem Abend verheißene "Überraschung" zu erleben.

Die Botschaft hatte nicht zu viel versprochen: Das achtminütige Musikvideo, das vorgeführt wurde, löste beim Publikum "wohlwollenden Schock und altmodisches Staunen" aus, wie der "Indian Express" am Samstag auf Seite eins berichtete. Tatsächlich war nach Ende des Clips ein recht lautes, verblüfftes Schweigen im Botschaftsgarten zu hören. Die geladenen Diplomaten seien "verwirrt" gewesen, schrieb der "Express".

Bei dem Musikvideo handelt es sich um ein Remake des in Indien legendären Clips "Kal Ho Naa Ho" ("Lebe jetzt - und denke nicht an morgen"). Das Video zum Ohrwurm wurde 2003 zusammen mit dem gleichnamigen Blockbuster veröffentlicht. Beide erzählen dieselbe Geschichte: Ein glühend verliebter junger Mann verkuppelt seine Angebetete mit deren bestem Freund, denn er selbst ist herzkrank und will/kann sie nicht heiraten. Der Held, in Film wie Video gespielt von Bollywoods größtem Star, Shah Rukh Khan, stirbt - auch an gebrochenem Herzen - ,kurz nachdem seine große Liebe die Ehe mit ihrem besten Freund eingegangen ist.

Im Remake spielt der 65-jährige Steiner also nun den Part des Betrogenen - ohne jede Angst davor, sich lächerlich zu machen. "Der Botschafter ist sehr kreativ", so ein Botschaftssprecher. Steiner schmachtet in die Kamera, singt Playback, stolziert in Lederhosen und indischer Tracht durch die Kulissen. Den Part der abtrünnigen Geliebten im Remake ("Sie ist die schönste von allen", singt Steiner) spielt Steiners Ehefrau Eliese, 34. Und als ob es damit nicht genug sei, gibt der ehemalige indische Außenminister Salman Khurshid den verschlagenen Rivalen Steiners.

Diplomatie "von Mensch zu Mensch"

Das Video wurde in großen Teilen auf dem Gelände der Botschaft und der Residenz gedreht. Zwischen 12.000 und 15.000 Euro habe der Spaß gekostet, sagte ein Botschaftssprecher, das Geld stamme aus PR-Mitteln.

Das Video ist ein Gemeinschaftswerk: Viele der Botschaftsangehörigen sind in Nebenrollen oder als Statisten zu sehen. Viele derjenigen, die nicht mit von der Partie waren, konnten dem Unterfangen augenscheinlich wenig abgewinnen: "Und so etwas zahlt die Bundesrepublik Deutschland. Da hat wohl jemand Narrenfreiheit", lästerte ein Botschaftsangehöriger.

Offiziell hieß es, das Video solle zeigen, dass Diplomatie nicht mehr nur Sache von Verträgen und Konferenzen sei, sondern heute auch die Dimension "von Mensch zu Mensch" Bedeutung habe. Indische Medien berichteten, der Ausflug in die Welt des Films sei Steiners letzter Versuch, Verbindung mit den indischen Massen aufzunehmen und "das Image des steifen, humorfreien Deutschen abzulegen". Das könnte sogar klappen: Bei YouTube fand das Video auf Anhieb großen Anklang. In den ersten zwölf Stunden, in der Nacht von Freitag auf Samstag, hatten bereits 31.000 Nutzer das Remake angeschaut.

Steiner, der Ende Juni in Pension und nach Berlin zurückgeht, ist bekannt dafür, das Rampenlicht nicht zu scheuen. Spätestens seit er in seiner damaligen Funktion als Berater von Kanzler Gerhard Schröder bei einer Zwischenlandung 2001 in Moskau Bundeswehrangehörige als "Arschlöcher" titulierte und Kaviar verlangte, weiß man auch, dass er Kontroversen nicht scheut.

Trotzdem schien sich Steiner seiner Sache am Freitagabend nicht ganz sicher. "Am Anfang hatte ich große Sorge, dass wir dieses Mal vielleicht zu weit gehen", sagte er während der Podiumsrunde nach dem Film. Javed Akhtar, der seinerzeit den Text zum Hit schrieb, gab sich philosophisch. "Ich habe immer geglaubt, dass Politiker und Diplomaten Schauspieler sind. Der Clip beweist das."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.