Tödliche Kollision mit Fischern: Indien setzt deutsche Seeleute fest

Von , Islamabad

Marinesoldaten Girone, Latorre: Wahlen in Italien als Vorwand zur Flucht? Zur Großansicht
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Marinesoldaten Girone, Latorre: Wahlen in Italien als Vorwand zur Flucht?

Zwei italienische Soldaten erschießen zwei indische Fischer - und die Regierung in Rom leistet ihnen Fluchthilfe. Das Verhältnis zwischen beiden Ländern ist seither zerrüttet, Italiens Außenminister tritt zurück. Jetzt geraten zwei deutsche Seemänner zwischen die Fronten.

Die indische Polizei hat am Dienstag zwei deutsche Seeleute verhaftet. Vor elf Tagen sollen sie an der ostindischen Küste, in der Nähe der Stadt Chennai, mit ihrem Frachtschiff ein indisches Fischerboot gerammt haben. Dabei kam ein Fischer ums Leben, zwei weitere retteten sich mit einem Sprung ins Wasser. Die Polizei wirft dem Kapitän und dem ersten Offizier des Schwergutfrachters "Grietje" fahrlässige Tötung vor.

Der Besatzung wird vorgehalten, nach der Kollision einfach weitergefahren zu sein. Die beiden Seeleute behaupten dagegen, es habe keinen Zusammenstoß gegeben. Unterwasseruntersuchungen stützten diese Aussage: Es wurden keine Spuren eines Crashs gefunden, bestätigte die indische Polizei. Auf andere Schiffe, die zur fraglichen Zeit in der Region waren, könne man jetzt nicht mehr zugreifen. Die unter der Flagge von Antigua fahrende "Grietje" gehört zur Reederei SAL Heavy Lift, die ihren Sitz in Hamburg hat. Sie wurde kürzlich vom japanischen Reedereikonzern Kawasaki Kisen Kaisha übernommen.

Den beiden Deutschen wurden die Reisepässe abgenommen, sie kamen allerdings gegen Zahlung einer Kaution frei - unter der Auflage, dass sie den Hafen von Chennai nicht verlassen. Da der Vorfall sich innerhalb der sogenannten Zwölf-Meilen-Grenze ereignete, also in indischem Hoheitsgebiet, wollen die indischen Strafverfolgungsbehörden gegen die beiden Deutschen Anklage erheben. Zwei Fischer waren nach dem Unfall gerettet worden, einer wurde vermisst und einige Tage später tot geborgen.

Eine rasche Lösung dürfte schwierig werden, da ein ähnlicher Fall derzeit in Indien für große Aufregung sorgt. Die Deutschen sind zwischen die Fronten eines diplomatischen Schlagabtauschs zwischen Indien und Italien geraten. Es ist ein Vorfall, der ein gutes Jahr zurückliegt und jetzt, am gestrigen Dienstag, zum Rücktritt des italienischen Außenministers Giulio Terzi führte. Eine Geschichte, die zeigt, wie diplomatische Fehler das gute Verhältnis zwischen zwei Ländern zerstören können.

Fischer für Piraten gehalten

Im Februar 2012 sind die Fischer Jelestine, 45, und Pinku, 22, mit ihrem Motorboot unterwegs, vor der Küste im südwestindischen Kerala, als der italienische Öltanker "Enrica Lexie" sich nähert. Es ist ein Mittwochabend, ein gewöhnlicher Arbeitstag für die beiden Männer neigt sich dem Ende zu. Sie befinden sich außerhalb der Zwölf-Meilen-Grenze, also in internationalem Gewässer.

An Bord der "Enrica Lexie" sind auch zwei italienische Marinesoldaten, Massimiliano Latorre und Salvatore Girone. Ihre Aufgabe: das Schiff vor Piratenangriffen zu schützen. Offensichtlich fühlen sie sich von den beiden Fischern bedroht, deren Boot dem Schiff verdächtig nahekommt. Die Soldaten schießen - und töten dabei beide Männer.

Der Kapitän der "Enrica Lexie" meldet die Schüsse den indischen Behörden, das Schiff wird daraufhin in den Hafen von Kochi beordert und durchsucht, die beiden Schützen verhaftet. Indiens Außenminister S. M. Krishna ruft seinen italienischen Kollegen Giulio Terzi an. Indien möchte den Soldaten den Prozess machen, Italien verlangt die Rücksendung der beiden und bietet dafür im Gegenzug Unterstützung bei den Ermittlungen an.

Italien fordert Immunität für Soldaten

Die Soldaten würden Immunität genießen, da sie sich auf einem Schiff unter italienischer Flagge auf hoher See befunden hätten, auf dem Weg von Singapur nach Ägypten, sagt Terzi. Die Soldaten hätten vor der indischen Küste zwei indische Staatsbürger getötet, sagt Krishna. Das Gespräch endet ohne Einigung, die Italiener bleiben in Haft. Italiens Vizeaußenminister Staffan di Mistura reist nach Indien, eine Woche später kommt Außenminister Terzi selbst. Die indische Seite lenkt nicht ein und interessiert sich auch nicht dafür, dass Italien einen Strafprozess gegen die Soldaten zusichert.

Jetzt schaltet sich Premierminister Mario Monti ein. Er ruft seinen indischen Amtskollegen Manmohan Singh an, drei Wochen nach dem Vorfall, und drückt sein Bedauern aus. Die Regierung in Rom zahlt den Familien der beiden getöteten Inder jeweils zehn Millionen Rupien, etwa 140.000 Euro. Der Oberste Gerichtshof nennt diese Einigung "illegal" und eine "Einmischung Italiens in die Prozessordnung Indiens". Anfang Mai 2012, zweieinhalb Monate nach den tödlichen Schüssen, darf das Schiff Indien verlassen - ohne die beiden Soldaten.

Die kommen im Juni, nach mehr als hundert Tagen in Haft, auf Kaution frei, müssen aber in Indien bleiben. Ihnen werden ihre Pässe abgenommen. Über Weihnachten dürfen sie für zwei Wochen nach Hause fliegen. Im Februar 2013 bittet der italienische Botschafter in Neu-Delhi, Daniele Mancini, erneut um eine Heimreise für die beiden, damit sie an den Wahlen in Italien teilnehmen können. Indien erfüllt diesen Wunsch. Doch Mitte März weigert Italien sich plötzlich, die Soldaten nach Indien zurückzuschicken. Daraufhin wird Mancini untersagt, Indien zu verlassen. Mancini sagt, er genieße als Diplomat Immunität, doch der Oberste Gerichtshof verweigert ihm diese, schließlich habe er für die Rückkehr der Soldaten gebürgt.

Leistete Italien Fluchthilfe?

Die indische Öffentlichkeit staunt: Ein europäischer Staat leistet Fluchthilfe für Männer, die indische Staatsbürger erschossen haben? Italien versucht tatsächlich, Einfluss zu nehmen auf die Justiz Indiens? Ausgerechnet Italien, wo doch die Grande Dame der indischen Politik, die Chefin der Kongresspartei und heimliche Regierungschefin Sonia Gandhi, aus Italien stammt?

"Selbst wenn es sich bei den Fischern um Piraten gehandelt hätte, hätte das italienische Schiff zuerst einfach den Kurs ändern müssen, um festzustellen, ob es wirklich verfolgt wird", sagt Vizeadmiral K. N. Sushil, Kommandeur der indischen Marine im Süden des Landes. "Auch Warnschüsse wären angemessen gewesen. Stattdessen haben sie direkt auf ihr Ziel gehalten, obwohl die Fischer unbewaffnet waren und überhaupt nicht zu dem italienischen Schiff wollten."

Vergangene Woche knickt die italienische Regierung ein. Sie teilt mit, dass die Soldaten nun doch nach Indien zurückkehren und sich dort einem Prozess stellen würden. Am vergangenen Freitag fliegen Latorre und Girone nach Neu-Delhi. Der Druck aus Indien ist zu groß, zumal die italienische Regierung schon wegen angeblicher Schmiergeldzahlungen des Rüstungskonzerns Finmeccanica an indische Mittelsleute in der Kritik steht. Das Unternehmen wollte einen Auftrag für die Lieferung von Hubschraubern an Land ziehen.

Außenminister Terzi hält die Rücksendung der Soldaten für falsch. In einem überraschenden Schritt tritt er am Dienstag zurück. "Ich lege mein Amt nieder in Ablehnung der Entscheidung, die Marinesoldaten zurück nach Indien zu schicken." Er habe sich ausdrücklich dagegen ausgesprochen, sagte er vor dem italienischen Parlament. Er habe sein ganzes Berufsleben lang die Auffassung vertreten, dass der Staat seine Diplomaten und Soldaten schützen müsse.

Damit brachte er Verteidigungsminister Giampaolo Di Paola in Verlegenheit. Latorre und Girone hätten von ihm verlangt, er möge sie nicht "im Stich lassen". "Ich werde das sinkende Schiff nicht verlassen, sondern den beiden Soldaten zur Seite stehen", erklärte Paola. "Es wäre einfach, zurückzutreten, aber es wäre nicht richtig, und deshalb tue ich es nicht."

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1. Respekt für Terzi
serioeser_name 27.03.2013
Außenminister Terzi hat sein ganzes Berufsleben lang die Auffassung vertreten, dass der Staat seine Diplomaten und Soldaten schützen müsse. - Es gibt also doch noch Italiener, die Achtung und Respekt verdienen. Schade, dass er sich nicht durchsetzen konnte.
2. Die indischen Fischer fahren ihre Boote wie in Paris die Autos
iffel1 27.03.2013
In Chennai und Kochi haben wir das selbst sehen können und wir haben uns gefragt, wie viele Zusammenstöße es am Tag wohl geben wird. Selbst vollbesetzte Fähren kreuzen wenige Meter vor den großen Pötten deren Fahrtrichtung. Das sieht hier sehr konstruiert aus. Offensichtlich machen hier die Inder keinen Unterschied zwischen Italien und Deutschland. Obwohl das Land und die Bewohner uns in guter Erinnerung bleiben, ist die Politik des Landes für uns insgesamt nicht nachvollziehbar und wir werden es auch kein weiteres Mal besuchen.
3. Ein Leser staunt auch
bapon1 27.03.2013
Angesichts der sonstigen Beiträge - hanebüchen etwa der Artikel auf Tagesschau.de - haben Sie, Herr Kazim, einen gut recherchierten und ausgewogenen Artikel geschrieben. Dieser Artikel gestern, und man hätte sich die empörten Forumskommentare zur Auslieferung eigener Staatsangehöriger an Indien ersparen können.
4. Vertuschung
kamau 27.03.2013
Dass sich die indische Regierung darüber aufregt, dass die beiden Italiener nicht nach Indien zurück kehren ist lächerlich. Als den beiden die Ausreise nach Italien gestattet wurde, damit sie wählen können, war doch jdem klar, dass die nicht nach Indien zurückkehren werden. Außerdem gibt es ja auch Briefwahl, sie hätten ja in der italienischen Botschaft wählen können - oder? Dahinter steckt doch eine Absprache beider Regierungen. Indische Politiker sind, wie so häufig, in einen Bestechungsskandal verwickelt. Dabei handelt es sich um ein Rüstungsdeal Kauf von Helikpoptern. Die Regierung in Rom gibt keine Daten über die Bestechungssummen der indischen Politiker raus und dafür dürfen die beiden Angeklagten nachhause reisen. Das ganze ist nur Show; aber Pech für die beiden deutschen Seeleute. Sie tun mir leid!
5. Italien Deutschland Indien
vinzuc 27.03.2013
Dieser Fall zeigt ganz deutlich wie schwach bis nutzlos die EU ist!Italien wird allein gelassen,jetzt ist Deutschland dran!Jeder für sich und Indien gegen jedem!EU=Eunuche Union?
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