Indien: Deutsches Schiff wieder frei, Seeleute bleiben unter Arrest

Von , Islamabad

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Schwergutfrachter "Grietje": Zweifel an der Verwicklung am Unfall

Zwölf Tage hat Indien ein deutsches Schiff festgehalten, weil es ein Fischerboot gerammt haben soll. Jetzt ist der Frachter "Grietje" wieder frei, doch der Kapitän und der Erste Offizier bleiben unter Arrest - sie sind zwischen die Mühlsteine der großen Politik geraten.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen an jenem verhängnisvollen Samstagmorgen, als ein großes Schiff das Fischerboot rammte. Es war 4.30 Uhr, drei indische Fischer reparierten etwa 20 Seemeilen vor der Küste von Chennai gerade den Motor, als sie im letzten Moment den Frachter bemerkten, heißt es im Polizeibericht. Zwei von ihnen, Viji, 30, und Santhosh, 19, sprangen ins Wasser, es rettete ihr Leben. Vom dritten, Anandan, 45, fehlte nach dem Unfall jede Spur. Erst vier Tage später fanden Fischer seine Leiche im Wasser.

Das in Zusammenhang mit diesem Vorfall festgesetzte Schiff der Hamburger Reederei SAL Heavy Lift wurde am heutigen Donnerstag wieder freigegeben. Es soll den Hafen von Chennai noch am heutigen Donnerstag mit neuem Kapitän und Erstem Offizier verlassen, nachdem ein örtliches Gericht dem Antrag des alten Kapitäns stattgegeben hatte. Zwölf Tage lang hatten indische Behörden den Schwergutfrachter festgehalten, in der Vermutung, dass es jenes Schiff war, das den Unfall verursacht hatte.

Daran jedoch gibt es Zweifel. Der Kapitän bestreitet, mit einem Boot zusammengestoßen zu sein. Die beiden Fischer, die die Kollision überlebten, sagen, sie hätten den Namen des Schiffes in der Dunkelheit nicht erkennen können.

Der ersten Meldung zufolge ereignete sich der Unfall mehrere Seemeilen von der "Grietje" entfernt. Erst später korrigierten die Ermittler den Unfallort, um eine Verwicklung des Frachters, der unter der Flagge von Antigua fährt, plausibel erscheinen zu lassen. Das legt den Verdacht nahe, dass manipuliert wurde, um einen Schuldigen auszumachen. Auf Nachfrage räumt die indische Küstenwache ein, dass zum Zeitpunkt des Unfalls "sieben bis acht Schiffe" in der Nähe waren.

Deutschen Seeleuten droht Prozess in Indien

Aber nur die "Grietje", unterwegs von Singapur nach Südafrika, lief an jenem Morgen des 16. März im Hafen von Chennai ein. "An die anderen Schiffe kommen wir nicht mehr ran, dazu haben wir keine rechtliche Handhabe", räumt ein Beamter der Küstenwache ein, der namentlich nicht genannt werden will. Also setzte man das Schiff fest und stellte den Kapitän und den Ersten Offizier unter Arrest - zunächst in den Seemannsclub im Hafen von Chennai, später, nach Intervention des deutschen Generalkonsulats in Chennai, in ein Hotel.

Der Küstenwachenoffizier sagt, man sei sich "nicht sicher", ob die "Grietje" tatsächlich in den Unfall verwickelt war. Man müsse "weitere Ermittlungen" abwarten. Die Küstenwache, die Marinepolizei sowie die Hafenbehörde seien an der Aufklärung des Falls beteiligt. Bis zu einem "endgültigen Urteil" könne es noch dauern. Problematisch sei, dass der Datenrekorder des Schiffes defekt ist und damit keine belastbaren Positionsdaten verfügbar seien.

Für die beiden festgesetzten deutschen Seeleute ist das Drama also noch nicht zu Ende. Ihnen droht wegen fahrlässiger Tötung ein Prozess in Indien, trotz aller Zweifel. Ein von der Reederei beauftragtes Taucherteam fand keine Unfallspuren am Rumpf der "Grietje". Eine zweite Untersuchung, um wirklich sicher zu gehen, ließ die Hafenbehörde nicht zu. Auch ein Gutachten, wonach anhand des Fundorts der Leiche errechnet werden soll, wo sich der Unfall ereignet haben muss, lassen Bedenken aufkommen, dass es tatsächlich die "Grietje" war, die mit dem Fischerboot kollidiert ist.

Entschädigung für Witwe des Fischers

Beobachter vermuten, die Deutschen seien Opfer eines Streits zwischen Indien und Italien geworden. Zwei italienische Soldaten hatten vor einem Jahr zwei indische Fischer erschossen, die sie für Piraten gehalten hatten. Der Vorfall hatte zu diplomatischen Zerwürfnissen zwischen beiden Ländern geführt, in deren Folge Anfang der Woche der italienische Außenminister zurücktrat. "Wir vermuten, dass die indische Regierung jetzt Stärke demonstrieren will, nach dem Motto: 'So geht niemand mit unseren Fischern um!'", sagt ein deutscher Diplomat in Neu-Delhi.

Aus der Reederei heißt es, unabhängig von der politischen Großwetterlage sei fraglich, ob den Frachter - welcher auch immer es war - eine Schuld an der Kollision treffe. Man habe das Fischerboot begutachten lassen und festgestellt, dass es keinerlei Lichter habe. Die Küstenwache bestätigt, dass das Boot nicht vorschriftsgemäß ausgestattet war. "Große Schiffe brauchen eine Meile oder anderthalb, um aufzustoppen. Deshalb ist es absolut notwendig, dass Fischer ihre Boote mit angemessener Beleuchtung versehen, damit sie rechtzeitig gesehen werden", zitiert die Zeitung "The Hindu" den Küstenwachenkommandeur Satya Prakash Sharma. Kerosinlampen wären ein Minimum. Die kleinen Boote aus Fiberglas seien außerdem auf dem Radar nicht sichtbar.

SAL Heavy Lift will der Witwe des Todesopfers trotzdem umgerechnet knapp 40.000 Euro zahlen und etwa 4500 Euro an den Besitzer des Fischerbootes. Der indische Anwalt der Reederei hat das empfohlen, es solle ein Zeichen des guten Willens sein, kein Schuldeingeständnis. Geflossen ist das Geld aber noch nicht.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Die vermutung ist richtig.
pacificwanderer 28.03.2013
Die Regierung will Erfolge nachweisen. Dass das FischereiFzg nicht beleuchtet war spricht nach seerecht die Besatzung des Frachters frei. (Wie will man eine Kollision verhueten, wenn keine Sichtung? Das radar gibt kein Echo bei den kleinen Holz- oder GFK-Fzg der oertlichen Fischer.)
2. Chennai
guentherprien 28.03.2013
das System in Indien, wo ein unvorstellbares Mass an Korruption und persönlicher Bereicherung bei Angestellten der Regierung besteht laesst wenig Hoffnung auf einen fairen Prozess zu. Die Vorverurteilung von Ausländern und der Versuch jeden über's Ohr zu hauen entwickeln sich so langsam zum Volkssport dort. Ich habe in keinem anderen Land der Welt gesehen, das jedes, aber auch jedes Hotel mit Stacheldraht unter Spannung eingezäunt ist. Sicher ein riesiges Land mit viel Geschichte aber durch die Politik dort verkommen zu einer riesigen Müllkippe mit ständig wachsender Bevölkerung. Die Menschen können einem nur noch leid tun, die all das ertragen müssen ! Wünsche den deutschen Seeleuten gute Nerven !
3. Vorgetäuschte Havarie
detlefvonseggern 28.03.2013
"Vergleichbar mit mehreren PKW'S, welche Defekt und ohne jegliche Absicherung, auf einer viel befahrenen Straße - Autobahn - stehen und in diese dann ein LKW hinein rast". Aber die Politik wie eh und je, ein schmutziges Geschäft, wo es auch clevere Winkeladvokaten hervorragend verstehen, finanziellen Nutzen, hauptsächlich für sich selber, heraus zu schlagen.
4. der schuß geht nach hinten los....
kstbremen 28.03.2013
eines brics staat unwürdiges rechtsverhalten. sollten die indischen medien auch so aufwendig berichten, was ich nicht glaube, dann ist es der berühmte sturm im wasserglas.
5. Schon dreist...
BettyB. 28.03.2013
Einen Menschen als Stein zu bezeichnen, das ist schon dreist,,,
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